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Artikel

18.12.1948 | Die Neue Zeitung

Erstes Weihnachtsfest mit D-Mark

Geschäftsleute haben großen Umsatz - Waren sind teurer

In diesen Vorweihnachtstagen schieben sich die Menschen wie in früheren Jahren wieder durch die Straßen der Städte Westdeutschlands, sie bleiben vor den festlich geschmückten Geschäften stehen und blicken auf die verführerisch zur Schau gestellten Waren. Die Währungsreform, die seit einigen Monaten unser Leben einschneidend beeinflußt hat, gibt auch diesem größten und innerlichsten Fest des Jahres sein Gepräge. Jeder will seinen Angehörigen eine möglichst große Freude bereiten. Aber was kann man an diesem ersten Weihnachtsfest mit dem neuen Gelde in der Tasche für Geschenke machen? An den Erwachsenen vorbei zwängen sich die Kinder, ihre Wangen sind gerötet, ihre Augen leuchten. Was wird ihnen das Christkind bringen? Hinter den Schaufenstern warten die Geschäftsleute auf die Käufer. Aber es gibt wohl nur wenige unter den Vorübergehenden, die einfach in die Tasche greifen können, um das zu kaufen, was ihnen am besten gefällt. Bleibt überhaupt noch etwas für Geschenke übrig, nachdem die notwendigsten Dinge für das Fest gekauft sind? Die "Neue Zeitung" hat ihre Korrespondenten in verschiedenen Städten der Westzonen und in Berlin zu Geschäftsleuten, Hausfrauen, Behörden, Unternehmern und Wohlfahrtsbeamten geschickt, um deren Meinungen über dieses erste Weihnachtsfest nach der Währungsreform zu erfahren. Der folgende Bericht stützt sich auf die dabei geführten Gespräche.

Auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt wird überwiegend nach praktischen Gesichtspunkten eingekauft. In erster Linie gehen Textilien, Haushaltungsgegenstände aller Art, besonders Porzellan und Küchengeräte, Möbel und Schuhe. Spielwaren sind reichlich da, hingegen fehlt es an Geschenkartikeln in den niedrigen und mittleren Preislagen für die große Masse der Käufer. Das Angebot befriedigt überwiegend den besseren Geschmack und ist entsprechend teuer. An Lederwaren zum Beispiel herrscht kein Mangel, sie finden aber der verhältnismäßig hohen Preise wegen nicht genügend Absatz.

Hamburgs solide Käufer

Die Hamburger Geschäftsleute erwarten ein gutes Geschäft, und der bisherige Geschäftsverlauf bestätigt diese Erwartung. Große Hamburger Warenhäuser, zum Beispiel Karstadt, werden täglich von 20 000 Käufern besucht. Dabei sind alle diejenigen nicht mitgerechnet, die sich nur "orientieren" wollen. Die große Masse der "kleinen Käufer", wie Angestellte und bessergestellte Arbeiter, haben für ihre Einkommensverhältnisse nicht unbeträchtliche Beträge für Weihnachtseinkäufe gespart. Es gibt immer noch eine solide Käuferschicht, die nicht planlos kauft, sondern aussucht und wartet, bis praktische und gute Waren zu erhalten sind.

Auch in Baden-Baden in der französischen Zone werden in erster Linie Gebrauchsgegenstände, wie Strickwaren, Pullover, Unterwäsche, Strümpfe und Socken, für Damen und Herren gekauft. Allerdings kann hierbei die Nachfrage nicht befriedigt werden. Der Weihnachtsverkauf hat schon sehr früh eingesetzt, wohl hauptsächlich deswegen, weil die Käufer befürchten, daß die Preise in den kommenden Wochen noch weiter steigen. In der französischen Zone zahlen die meisten Arbeitgeber an ihre Angestellen und Arbeiter eine Weihnachtsgratifikation. Die Hausfrauen sind in diesem Jahr durchweg, soweit der Ernährer sein Einkommen hat, imstande, Weihnachten festlich vorzubereiten. Charitative Verbände versuchen mit ihren bescheidenen Mitteln, den Heimatlosen und Armen eine kleine Weihnachtsfreude zu bereiten.

Gratifikation wird bezahlt

Zwar haben die Textilgeschäfte in Frankfurt eine erhebliche Weihnachtsnachfrage, doch sind die Waren schon wieder so stark im Preis gestiegen, daß sie für den normalen Durchschnittsbürger kaum noch erschwinglich sind. Sehr groß ist die Nachfrage nach Lederwaren; wie beinahe überall, ist auch hier die teure Ware mehr gefragt als die billigere. Das Spielzeug ist im allgemeinen viel zu teuer, was viele Eltern beklagen, weil sie nach langen entbehrungsreichen Jahren ihren Kindern endlich einmal wieder Freude bereiten wollen, und es nun doch nicht können, weil der Geldbeutel es nicht zuläßt. Die Weihnachtsgratifikation wird von den Arbeitgebern in der üblichen Form bezahlt, zumal die Verwaltung für Arbeit darauf hingewiesen hat, daß ein Rechtsanspruch auf die Gratifikation besteht Gegen diese Entscheidung wenden sich die Arbeitgeber der Westzonen teilweise mit aller Schärfe. Sie wollen freiwillig, aber nicht gezwungen Weihnachtsgratifikationen geben.

Der gegenwärtige Weihnachtstrubel beim Buchhandel ist als unnormal anzusehen. Etwa vier Fünftel aller Einkäufe sind Kinder- und Jugendbücher. Eine Buchhandlung verkaufte beispielsweise wöchentlich 300-400 Exemplare des "Struwelpeter". Früher wurde diese Zahl knapp in einem Jahr erreicht. An zweiter Stelle stehen die Grimmschen Märchen. Wenn fünfzig Exemplare am Morgen hereinkommen, sind sie am Abend ausverkauft. Daneben werden Bücher von Franz Werfel, Thomas Mann und Hermann Hesse bevorzugt. Oft kommen einfache Leute und kaufen Bücher im Werte von 50 bis 60 DM. Umgekehrt läßt mancher enttäuscht ein Kinderbuch liegen, weil es 3,80 DM kostet: "Ich wollte nur 2 DM ausgeben." 40 Kinder, die durch die "Arbeiterwohlfahrt" nach Frankfurt kamen, sollen auf einer Weihnachtsfeier Kleidung und Lebensmittel bekommen. Die charitativen Verbände haben es nicht leicht. So ist die Innere Mission in diesem Jahr in ihren Mitteln sehr beschränkt. Sachspenden fallen ganz weg, etwas Geld kann verteilt werden. Die Belastung durch die Ostflüchtlinge ist so groß, daß dadurch alle Mittel aufgezehrt werden.

Eine Frankfurter Hausfrau, die mit Mann und zwei Kindern monatlich 250 DM zum Leben hat, rechnete aus, daß sie ungefähr 260 DM brauche, um das Fest so zu gestalten, wie sie möchte. "Dabei", sagte sie, "sind noch nicht einmal die Geschenke eingerechnet, die sich sowieso auf notwendige Dinge beschränken müssen." Für diese Hausfrau, wie für viele, kommt die Weihnachtsgratifikation ihres Mannes gerade zurecht.

Tannenschmuck in den Ruinen

Im zerstörten Köln, besonders auf der Hohen Straße, die früher die Hauptgeschäftsstraße war, sieht man zwischen Trümmern weihnachtlichen Tannenschmuck quer über die Straße gespannt. Eine Unzahl neuer Geschäfte wird von Woche zu Woche eröffnet, ein jeder will das Weihnachtsgeschäft noch mitbekommen. Trotz der hohen Preise wird überall gekauft. In den Schuhgeschäften kann man jede Menge von Schuhpunkten schwarz kaufen. Während die Preise der Lederwaren noch immer steigen, obgleich ein Überangebot vorhanden ist, sind die Schuhpreise in Köln erheblich heruntergegangen. Tabak, Rauchwaren und Schnaps sind vom Markt verschwunden. Wenn irgendwo etwas davon verkauft wird, sieht man lange Schlangen von Frauen, die danach anstehen. In den Geschäften und im Straßenhandel fällt die große Menge belgischer Schokolade auf, die von Belgien nach Deutschland geschmuggelt wurde.

Weihnachten mit Ost- und Westmark

Die Berliner Haushalte bereiten sich auf das Weihnachtsfest mit doppelter Buchführung in Ost- und Westwährung vor. Das was jeder haben will - einen Weihnachtsbaum nämlich - gibt es nur im Sowjetsektor. Dort kosten die schönsten Bäume 6,50 Ostmark. In West-Berlin kosten die Bäume 15 Ostmark. Sie sind klein und schäbig und rechtfertigen den doppelten Preis für die halbe Höhe mit ihrer Seltenheit. Fragt man ein Ehepaar, in dessen Wohnküche außer den zwei Erwachsenen noch drei Kinder leben, was es auf den Weihnachtstisch legen wird, erfährt man, daß nur sehr wenige Geschenke gekauft worden sind Eine kleine Puppe kostet 17 DM, sie ist nur von mittlerer Qualität. Am Kurfürstendamm gibt es 80 cm große Puppen mit Schlafaugen und Mama-Stimme; für die will der Händler 240 Mark - halb Ost, halb West - haben. Die meisten Geschenke basteln und schneidern die Eltern selbst.

Begehrte Kompensationsware

Vielleicht schenkt die Frau ihrem Mann wie jedes Jahr eine Krawatte, außerdem Rasierseife und Klingen. Und er revanchiert mit einem Paar Straßenschuhen, für die er einen Bezugschein hat. Denkt man noch an die wichtigsten Zutaten für den Weihnachtskuchen und so weiter, so kann die Familie mit einer Weihnachtsausgabe von rund 100 Westmark und 120 Ostmark rechnen.In den Schaufenstern auf dem Weihnachtsmarkt am Funkturm und auf kleineren Verkaufsausstellungen sieht man viele praktische und wertvolle Dinge. In einem Spielwarenladen liegen Gummipüppchen, die mit in die Badewanne können, ohne darunter zu leiden. Auf ihrem Rücken steht "Tschechoslovakia". Aus der Tschechoslowakei holt sie einer, der dafür Zierfische hergeben muß, die über die Sektoren-, Zonen- und Landesgrenzen transportiert werden. Im gleichen Laden kann man auch Schaukelpferde bestellen, die mit echten Fellen überzogen sind, was keine Behörde wissen darf. Der Pferdemacher schickte diese Rasse früher nach New York, London und Stockholm. Der Mann sagt, er nehme 100 Westmark für ein Pferd, der Spielwarenhändler schweigt über seinen Aufschlag. Erwachsene können sich zu Weihnachten eine elektrische Batterieuhr auf den Küchen- oder Bücherschrank stellen, die - angeblich - mit einer normalen Taschenlampenbatterie ein Jahr lang auf die Minute genau gehen soll. In einer Neuköllner Schulaula verkauft man 15 000 Bücher. Sie stammen aus Privatbeständen, und die Leute räumten sie aus ihren Schränken, um zu Geld zu kommen.

Die Berliner Kaufleute klagen nicht über ein schlechtes Weihnachtsgeschäft. Ein Spielwarenhändler erklärte, es sei zwar alles sehr teuer, doch sei die Qualität der Artikel viel höher als im vergangenen Jahr. Die Kunden erschreckten zwar erst, wenn sie die Preise hören, aber zuletzt kaufen sie doch, da sie noch nicht den Sinn für das Sparen entdeckt hätten.

Wie in allen anderen Städten der Westzonen sind auch in München bei den Weihnachtseinkäufen die praktischen Wünsche die entscheidenden. Die größte Nachfrage besteht nach Textilien, besonders nach den jetzt in Handel gekommenen STEG-Waren. Auch hier sind die Warenhäuser und Textilgeschäfte bei weitem nicht in der Lage, die Wünsche der Käufer zu befriedigen. Die Nachfrage nach Haushaltsgegenständen kann ungefähr gedeckt werden. Die Münchener Geschäftsleute versichern, daß die Kauflust wider allen Erwartens sehr groß ist. Sie rechnen mit einem sehr guten Weihnachtsgeschäft. In den Spielwarenabteilungen der Münchener Warenhäuser herrscht meistens lebensgefährliches Gedränge. Aber auch hier ist es wie überall: Oft muß die Hausfrau von den Ständen wieder weggehen, ohne etwas gekauft zu haben.

Außerhalb Bayerns ist man sehr oft der Meinung, daß in diesem Lande, ernährungsmäßig gesehen, Milch und Honig fließe. In Wirklichkeit ist es so, daß die Hausfrau auch hier mit jedem Groschen rechnen muß und genau überlegt, wofür sie bei ihren Weihnachtsvorbereitungen das Geld ausgibt. Durch die diesjährige größere Zuteilung für Weihnachten kann sie einen Teil der benötigten Lebensmittel für Weihnachtsgebäck, Süßigkeiten und so weiter bestreiten.

Der sehnlichste Wunsch

Dieses Weihnachtsfest unterscheidet sich wesentlich von den vorhergegangenen bitteren Festen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Seit der Währungsreform ist es möglich, wieder an die Erfüllung der notwendigsten Wünsche zu denken. Darüber hinaus aber lasten auf vielen von uns noch die Auswirkungen des Krieges, die nicht so schnell überwunden werden können. Noch warten viele Menschen auf die Rückkehr ihrer Angehörigen aus den Kriegsgefangenenlagern, hunderttausende Familien sind zerrissen, ungezählte Menschen haben kein Heim. Über die Erfüllung der materiellen Wünsche hinaus besteht überall die Sehnsucht nach Sicherheit des Lebens und nach Frieden. Gefragt nach dem sehnlichsten Weihnachtsanliegen, wünschen sich die Menschen die Verwirklichung der Weihnachtsbotschaft "Friede auf Erden", ob sie nun in Hamburg oder München, in Baden-Baden oder Berlin wohnen. Eine von uns befragte Frau, die aus Schlesien stammt, sagte: "Mein sehnlichster Weihnachtswunsch ist, daß wir Menschen wieder einander näherkommen. Ich habe alles verloren, meine Heimat und meine Familie, aber ich bin froh, wenn ich sehe, daß andere Menschen glücklich sind."

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Alltag, Mensch, Handel, Kosten, Preise, Ökonomie, Währung, Währungsreform
Aktualisiert am: 06.02.2006
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