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Artikel

21.12.1948 | Die Neue Zeitung

Sonderinterview mit Oberst Howley

Warum ist eine Verständigung mit den Sowjets so schwierig?

Berlin. - In einem Interview mit Oberst Frank L. Howley, dem amerikanischen Kommandanten von Berlin und Hauptvertreter seines Landes in dem internationalen Tauziehen um die ehemalige deutsche Reichshauptstadt, meinte dieser, daß die Berliner Sowjetrußland und den Kommunismus satt hätten. Zuerst habe sie das schlechte Betragen der Roten Armee und dann die gegenüber der deutschen Wirtschaft verfolgte Aussaugungspolitik der Sowjets abgestoßen.

Das Ringen zwischen Demokratie und Kommunismus habe sich überdies nicht in der Wüste Sahara oder auf einer entlegenen Südseeinsel abgespielt, sondern angesichts eines intelligenten Volkes. Denn wenn man auch über die Deutschen verschiedener Meinung sein könne, eines könne man nicht abstreiten, daß sie intelligent seien. Die Deutschen seien nun Augenzeugen gewisser Vorkommnisse gewesen und hätten dann gelesen, wie darüber in der sowjetisch kontrollierten Presse berichtet worden sei. Dadurch seien sie in der Lage, sich ihr eigenes Urteil über den Ost-West-Konflikt und seine Hintergründe zu bilden.

"Es ist mir vollkommen gleichgültig", fuhr Howley, nach kurzer Pause fort, "was die kommunistisch inspirierte Presse über mich zu sagen beliebt. Sie hat bisher alle etwa vorkommenden Epitheta gegen mich aufgebraucht. Neulich war ich aber versucht, zurückzuschlagen. Eines ihrer Berliner Blätter gab mir den guten Rat, nach Amerika zurückzukehren, um dort Schuhwichse zu verkaufen. Anscheinend ist dies in ihren Augen eine herzlich unbedeutende Beschäftigung, da sie ja keine Schuhe haben, die geputzt werden könnten.

Kotikow braucht 2 Dolmetscher

Auf die Frage, ob er den sowjetischen Kommandanten von Berlin, Generalmajor Alexander Kotikow, jederzeit im Bedarfsfalle erreichen könne, meinte Howley, dazu genüge schließlich ein einfacher Telephonanruf. "In der Tat aber", fuhr er fort, "ist die Sache nicht so einfach, denn General Kotikow spricht kein Englisch. Wenn ich mit ihm konferiere, bringt er stets zwei Dolmetscher mit, einen, um meine Worte zu übersetzen und einen zweiten, um das, was der erste gesagt hat, zu kontrollieren." Die wirkliche Schwierigkeit mit den Sowjets sei, meinte der Oberst, sie auch zur Ausführung eines gemeinsam gefaßten Beschlusses zu bringen. Sie pflegen sich nie durch ein einmal gegebenes Wort gebunden zu fühlen. Sie hielten ein Abkommen, so lange es ihnen zum Vorteil gereiche und brächen es, sobald dies nicht mehr der Fall sei. "Die Hauptschwierigkeit in Deutschland", fuhr Howley fort, "ist die Absicht und der Wunsch der Sowjets, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, aus der deutschen Wirtschaft herauszuziehen, während wir versuchen, deren Substanz zu erhalten. Gemäß unseren ursprünglichen Vereinbarungen sollte keiner der vier Mächte Industrien abtransportieren. Doch die Sowjets fingen an, alles, angefangen von der Pflugschar bis zu Rollenlagern wegzuschaffen.

Von Demontagen zur Blockade

Zuerst demontierten sie ganze Anlagen und schafften sie nach Sowjetrußland. Doch die Maschinen wurden dabei beschädigt, und die Sowjets fanden, daß sich diese Prozedur nicht rentierte. Dann verfielen sie darauf, die Arbeit wegzuschleppen. Aber auch das führte zu allerlei Unzuträglichkeiten. Schließlich kamen sie auf den Ausweg, Maschinen und Arbeiter an Ort und Stelle zu belassen und sich mit der Aneignung von 90 v. H. der Produktion zu begnügen. Jetzt möchten sie, daß von den deutschen Westzonen Ware und Geld nach Ostdeutschland hereinkommt, damit sie sich auch dies auf die erwähnte Art und Weise nutzbar machen könnten."

Der Höhepunkt der Spannung wegen Berlin wurde, so erklärte Oberst Howley weiter, mit der Blockade der Stadt am 24. Juni dieses Jahres erreicht. "Sie zogen die Schraube so fest als möglich an. Dann wurden die Westsektoren der Stadt plötzlich von Strom und Wasser radikal abgeschnitten. Desgleichen wurde auch die Abwässerung unterbrochen, und selbstverständlich wurden sämtliche Verkehrsverbindungen lahmgelegt. Gleichzeitig setzte ein scharfer Presse- und Rundfunkfeldzug ein, mit dem Ziel, die Westmächte aus Berlin zu vertreiben. Uns gegenüber erklärten die Sowjets, daß lediglich technische Schwierigkeiten die Einstellung des Zugverkehrs bedingten, daß die Strecken repariert werden müßten und was dergleichen mehr ist. Sie gingen dabei von der Vorraussetzung aus, daß die Lebensmittelvorräte, die unseren Sektoren zur Verfügung standen, nicht mehr als eine Woche reichen würden. Ihre "Alibis" wegen der Blockade waren daher auch nur für eine Woche berechnet. Denn in dieser Zeit mußten ja die angeblichen "technischen Schwierigkeiten" behoben sein.

Wir waren aber auf diese sowjetischen Winkelzüge vorbereitet, da wir durch vorausgegeangene Erfahrungen klug geworden waren. Unsere Lebensmittel- und Brennstoffvorräte reichten für mehrere Wochen. Allein der amerikanische Sektor Berlins war für einen ganzen Monat versorgt. Dann organisierten wir innerhalb von zwei Tagen die Luftbrücke. Das hätte den Sowjets die Augen öffnen sollen. Jetzt dürfte sich alle Welt ohne Ausnahme über die Absichten, die sie bei der Blockade Berlins verfolgen, vollauf im klaren sein.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: James R. Patterson
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Verhandlung, Interview
Aktualisiert am: 06.02.2006
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