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Artikel

24.12.1948 | Die Neue Zeitung

Stille Weihnachten in Berlin

Berlin. - Wohl zeigen die Schaufenster in den Straßen Berlins weihnachtliches Gepräge und überall finden Weihnachtsfeiern statt, aber die rechte freudige Weihnachtsstimmung will in diesem Jahre in Berlin nicht aufkommen. Die Not und die Ungewißheit über die Zukunft als Folge der sowjetischen Blockade lasten zu schwer auf jedem Berliner, als daß er sich unbeschwert den Freuden des Weihnachtsfestes hingeben könnte

Viele Berliner denken außerdem an ihre Angehörigen, die, im Gegensatz zu den Ankündigungen der sowjetisch lizensierten Presse vor einem halben Jahr, noch nicht aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt sind. Die einzige frohe Botschaft für die Berliner ist das unaufhörliche Brummen der Flugzeuge, die ihnen über die Luftbrücke das Notwendigste zum Leben bringen und ihnen zeigen, daß sie von der Welt nicht vergessen werden.

Nach den aufregenden letzten Monaten und dem tödlichen Kampf um die nackte Existenz wird der Berliner die Weihnachtstage mehr als ausgesprochene Ruhetage genießen, denn als Tage der Freude und des Frohsinns. Freute er sich früher auf besinnliche Stunden im Kerzenschein des Tannenbaums, so wünscht er sich in diesem Jahr für die Feiertage eine Sonderzuteilung Strom, weil man den tagtäglich die Zimmer "erhellenden" Kerzenschein gründlich satt hat. So wird man in Berlin, falls die geplante Feiertags-Stromsonderzuteilung Wirklichkeit werden sollte, am Heiligen Abend die Lampen einschalten und den Weihnachtsbaum erst anzünden, wenn die Stromsperre wieder beginnt. Einer der sehnlichsten Weihnachtswünsche ist, daß der Weihnachtsmann einen milden Winter bescheren möge. Die Wohnungen sind schon jetzt ausgekühlt, und die erste Kohlenzuteilung von 12,5 Kilogramm Steinkohle reicht nicht lange. Viele Berliner äußerten, ihr schönstes Weihnachtsgeschenk würden ein paar Säcke mit Kohle sein, während andere sich außerdem nach einem warmen Bade sehnten. Die Hausfrauen aber wünschen sich Frischkartoffeln, die sie kaum noch kennen.

Das einzige, was diese Berliner Weihnachten verschönern könnte, wären Geschenke, die man auch kaufen könnte, wenn der Geldbeutel nicht so leer wäre. Doch die "schönen Dinge", die man seit Jahr und Tag vermißt hat, sind meist nur gegen Westmark erhältlich, und das "jute Jeld" braucht der Berliner, sofern er es bei seinen Lohnzahlungen überhaupt erhält, in erster Linie für Kerzen, Petroleum, Holz oder Kohlen - ein Zentner für 15 Westmark -, die er zusätzlich auf dem Schwarzen Markt einzukaufen versucht. Oft geht er jedoch vergeblich zum Händler, denn das Angebot auf diesem Gebiet ist sehr knapp.

Im Ostsektor gibt es zwar Strom und Kohlen, drei Zentner pro Kopf bisher - und auch die Sonderzuteilung von einen Pfund Mehl und einem Pfund Zucker hat nicht gefehlt (im Westen gab es Rosinen und Backobst), doch sind die Geschäfte leer oder bieten nur Ladenhüter, minderwertige Haushaltsgegenstände aus Holz oder Nippes an. Und in den Buchhandlungen liegen marxistische Bücher. Werke von Stalin und Lenin könnten en gros gekauft werden, aber die begehrte Literatur des Westens gibt es nur unter der Hand.

Trotz aller Sorgen und Nöte vergißt der Berliner jedoch nicht die, die am meisten Not leiden in der blockierten Stadt. Für Kinder und Kranke fanden überall in den Westsektoren Weihnachtsfeiern statt, zu denen auch häufig Bewohner des Ostsektors eingeladen wurden. Amerikanische und britische Soldaten waren für die Kinder Weihnachtsmann und Gastgeber. Tausende erhielten Süßigkeiten, von den Soldaten gebasteltes Spielzeug und praktische Geschenke, die sie freudestrahlend in Empfang nahmen.

Die Lichter des Weihnachtsbaumes allerdings beeindruckten die Berliner Kinder von heute nicht, weil Kerzen das Geheimnisvolle verloren haben. So huschte Freude über ihre Gesichter, aber verzaubert waren sie nicht.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Peter Köhrer
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Alltag, Mensch, Weihnachten, Kinder, Energie, Brennstoff, Luftbrücke
Aktualisiert am: 06.02.2006
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