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Artikel

24.12.1948 | Die neue Zeitung

Von mir aus kann die Blockade ...

Berliner Kinder schlossen mit Bayern schnell Freundschaft

München (NZ). - Er saß erst ganz ordentlich auf seinem Stuhl, dann zog er die Beine hoch und kreuzte sie unter sich auf dem Sitz wie ein Türke. "Sie frahren mir, aus welche Jejend Berlins ick komme ?" sagte er. "Det wissen doch alle. Ick bin aus der Görlitzer Straße". Er zeigte auf seinem Nachbarn. "Und det hier is mein Freund Alois."

Der Junge neben ihm zog ebenfalls die Beine hoch. "Aber i bin net aus Preissen, sagte er." I bin a Münchner. Net daß S' glauben, i wär' a über d' Luftbrücken gflogen wie mei Freind Hans-Joachim."

Das war bei der Weihnachtsfeier in München, die die Arbeiterwohlfahrt veranstaltete und bei der die Münchner Kinder ihre Berliner Freunde bewirteten und unterhielten. Der Lärm war unbeschreiblich. Die Kinder, Jungen und Mädel, saßen an langen Tischen, tranken Kakao, lachten, stritten sich, sangen, schrien und warteten auf den Weihnachtsmann. Die Gastgeber hatten sich zu Ehren ihrer Gäste in ihre hübschen Trachten gekleidet. Manchmal jodelten sie oder tanzten Schuhplattler. Hans-Joachim aus der Görlizer Straße in Berliner SO sagte anerkennend: "Da jibs nischt dran zu tippen, det könnte ick so leicht nich nachmachen!" Und Alois meinte: "Da sixtes, glernt is glernt." Darauf Hans-Joachim: "Wenn ick hier jeboren wäre, wär ick eben so'n Bayer wie du."

5000 wurden evakuiert

Das Berliner Element jenes brodelnden Haufens gehörte zu den 5000 Berliner Kindern, die bereits über die Luftbrücke zu einem Erholungsaufenthalt in den Westen geflogen sind. 3000 von ihnen wurden durch Vermittlung des Berliner Stadtjugendamtes zu Verwandten geschickt. Die Arbeiterwohlfahrt hat 2000 Kinder herübergebracht, die Hälfte davon ist in Bayern untergekommen. Der weitaus größte Teil von ihnen wohnt in privaten Pflegestellen.

Wie uns der Leiter des Münchner Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt erzählte, sind diese Pflegeeltern in erster Linie einfache Menschen, die selbst oft Kinder haben. Viele lassen sich einfach nicht abweisen und gehen nicht eher fort, bis sie nicht einen Quartierschein in den Händen haben. Ein Teil der Berliner Kinder kommt bei Geschäftsleuten und Handwerkerfamilien unter. Der Rest wohnt in den vorbildlichen Heimen der Arbeiterwohlfahrt. Sie werden alle ausgezeichnet verpflegt, und erhalten, wenn sie abgerissen sind, neue Kleidungsstücke.

"Und wie kommen Sie mit den Berliner Kindern aus?" fragen wir eine Münchner Hausfrau. - "Die Kinder gewöhnen sich schnell an die neuen Verhältnisse", antwortete sie. "Zu Anfang tun sie oft ein wenig überlegen. Aber so sind eben die Berliner. Die Kinder schließen schnell untereinander Freundschaft. Sie prügeln sich auch manchmal, aber das ist nicht so bös gemeint. Hauptsache ist wohl, daß es ihnen hier gut geht, und daß sie gern an uns zurückdenken."

"Er spinnt halt, aber ..."

Der Weihnachtsmann mit langem Bart und großem Sack erschien und Hans-Joachim aus der Görlitzer Straße flüsterte mir zu: "Ick lach mir dot, wenn det nich - " "Pssst - ", machte Alois. "gib a Ruah!"

"Det der immma det letzte Wort haben muß!" sagte Hans-Joachim verwundert. Ein alter Witz läßt einem Berliner zu einem Bayern sagen: "Wir haben zwar in Berlin keine Berge, aber wenn wir in Berlin Berge hätten, wären sie viel höher als bei Euch!" Und das hört man in Bayern nicht allzugerne. Bei den Kindern ist von jenem berühmten Antagonismus nichts zu spüren. Ein Junge aus Friedenau kam mit seinem kleinen bayrischen Freund zu uns und sagte treuherzig: "Schreiben Sie in ihrem Artikel, det wir beede die besten Freunde sind!" - Und der kleine Münchner sagte ebenso treuherzig: "Er is halt a Berliner und deshalb spinnt er, aber er ist trotzdem a Pfundtskerll"

Durch alle lärmende Lustigkeit jenes Weihnachtsfestes klang manchmal ein Ton des Ernstes, dessen sich auch die Kinder, und besonders die Kinder aus Berlin bewußt sind. Als sie das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht", sangen, wurden ihre Blicke ernst. Ich fragte einen Jungen aus Neukölln: "Wie lange möchtest du denn hier bleiben?" Und er antwortete: "Von mir aus könnte die Blockade noch jahrelang dauern, ick kann nich klagen. Aber für meine Mutter wünsch ick, daß se schon morgen aufhört."

Quellenangaben

Quelle: Die neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Statistik, Alltag, Mensch, Kinder, Evakuierung, Weihnachten
Aktualisiert am: 06.02.2006
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