Flugzeuge
Automobile
Ziehen und Schieben
Schifffahrt
Eisenbahn
Zurück | Drucken

Artikel

24.12.1948 | Die neue Zeitung

Wie der kleine Mann in der Welt zu Deutschland steht

Zum Weihnachtsfest 1948, dreieinhalb Jahre nach Kriegsende, wird es die deutsche Öffentlichkeit interessieren, was der "Mann auf der Straße" in aller Welt heute über Deutschland denkt. Wir haben unsere Auslandskorrespondenten gebeten, uns zu berichten, wie sich die Stimmung gegenüber den Deutschen in verschiedenen Ländern entwickelt hat, und bringen hier das Ergebnis. Die Bilanz schließt im allgemeinen aktiv, hat jedoch auch ihre passive Seite. Haß gegen die Deutschen, wenn es ihn irgendwo je gegeben hat, ist auf der Erde kaum noch zu finden. Die Meinung wird meist von sehr realistischen Motiven beherrscht. Niemand zweifelt daran, daß die Welt die deutsche Wirtschaftskraft braucht und daß auch für einen politischen Frieden ein gesundes, lebensfähiges Deutschland wesentliche Voraussetzung ist. Aber je näher einem Deutschland liegt, um so besorgter achtet man auf alle Anzeichen für einen wiedererstehenden deutschen Chauvinismus, für nationalistische Tendenzen, die nur von Egoismus getragen werden und für den überall ersehnten Frieden auf lange Sicht keine Stütze darstellen können. Die Welt ist immer noch mißtrauisch. Doch sie bleibt gewillt, den deutschen ihre Chance zu lassen.

Frankreich:

"Auch in Deutschland Gute und Böse"

Paris. - Man hört in Frankreich immer wieder von allen Seiten, daß nach diesem Kriege der Haß gegen die Deutschen im allgemeinen weniger stark sei als nach dem ersten Weltkrieg. Der Mann auf der Straße mißbilligt den deutschen Einfall in Frankreich, er verurteilt die Gewalttaten, die während der Besatzungszeit in Frankreich besonders von SS-Truppen begangen wurden. Wenn er Kriegsgefangener war, so beklagt er sich darüber, daß er fünf Jahre nach Abschluß des Waffenstillstandes von 1940 in der Gefangenschaft bleiben mußte. Er ist gegenüber einem Deutschen, den er nicht kennt, mißtrauisch.

Aber abgesehen von Ausnahmen und von den Fällen, wo jemand persönlich oder in seiner Familie unter deutschen Verfolgungen zu leiden hatte, verspürt er keinen besonderen Haß und keine Rachegefühle gegen die Deutschen. Der Durchschnittsfranzose wenn er nicht gerade politisch verhetzt ist, gibt zu, daß er während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich oder nachher als Mitglied der französischen Besatzungstruppen in Deutschland, als Kriegsgefangener in Deutschland oder als Arbeitgeber von deutschen Kriegsgefangenen Deutsche getroffen hat, mit denen er gut ausgekommen ist. Sein Urteil lautet also: In Deutschland wie überall gibt es Gute und Schlechte. Die Grundeinstellung des Durchschnittsfranzosen zu den Deutschen ist also, wenn auch zurückhaltend, so doch heute nicht mehr von vornherein ablehnend. Er stimmt bereits der Ansicht zu, die von einem großen Teil der politisch interessierten Öffentlichkeit vertreten wird, daß nämlich endlich mit der jahrhundertealten Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland Schluß gemacht werden muß.

Verständigung notwendig

Der Durchschnittsfranzose denkt so weit als Europäer, daß er hinzufügt: Die Verständigung zwischen Franzosen und Deutschen liegt im Interesse der beiden Länder und ganz Europas. Europa läßt sich überhaupt nur vor dem Untergang bewahren, wenn Franzosen und Deutsche zusammenarbeiten.

Diese Ansicht ist in der Tat weit verbreitet, wenn man auch nicht unbedingt so weit geht, zu behaupten, daß Frankreich und Deutschland zusammen die Führung in einem zukünftigen geeinten Europa übernehmen sollten. Die Franzosen haben, von Ausnahmen abgesehen, überhaupt nicht viel für Führungsansprüche übrig, weder für ihre eigenen noch für die anderer Völker. Außerdem messen sie dem Bündnis Frankreichs mit Großbritannien und den Benelux-Ländern gerade unter dem Gesichtspunkt einer vernünftigen Europapolitik eine große Bedeutung bei. Der Mann auf der Straße ist also geneigt zu sagen: Die Deutschen sollen die Chance haben, ihr Land wieder aufzubauen und durch ihre Arbeit anständig zu Leben, vorausgesetzt freilich, daß ihnen die Möglichkeit genommen wird, noch einmal Eroberungsgelüsten nachzugeben. Auf die Frage, wie dies erreicht werden könne, weiß wohl der politisch nicht besonders interessierte Mensch keine genaue Antwort, ihm schwebt mehr oder weniger unbestimmt vor, daß die Deutschen zwar als einzelne meist ganz umgängliche Menschen sind, daß sie aber gefährlich werden, sobald sie als organisierte Masse auftreten, vor allem, wenn dies unter Einfluß des "preußischen Geistes" geschieht. Es müsse also dafür gesorgt werden, meint man, daß die früheren Beherrscher des deutschen Volkes nicht wieder an die Macht kommen, und daß die Deutschen sich nicht wieder im Kriegshandwerk üben können. Nun ist aber ein großer Teil des französischen Volkes politisch interessiert, das heißt, er nimmt Stellung zu den Vorschlägen über die künftige Behandlung Deutschlands, die von Staatsmännern, Parteien oder Zeitungen gemacht werden. Hat man es mit einem Franzosen dieser Gattung zu tun, der darum keineswegs selber einer politischen Partei angehören braucht, so stößt man auf sehr bestimmte Ansichten über das deutsche Problem.

Reparationen: Die Deutschen sollten die angerichteten Schäden wiedergutmachen, aber auf Grund der Erfahrung besteht wenig Aussicht, daß man dies erreichen wird.

Furcht vor Aufrüstung

Ruhrindustrie: Die Deutschen dürfen sich der Ruhrindustrie nicht mehr zu Rüstungszwecken bedienen. Am besten wären internationales Eigentum und internationale Verwaltung, zum Beispiel im Rahmen einer umfassenden europäischen Regie des Kohlenbergbaus und der Schwerindustrie. Läßt sich dies nicht erreichen, so muß man sich mit einer Kontrolle begnügen, die aber nach den früheren Erfahrungen nicht sehr wirksam sein wird.

Deutschlands Regierungsform: Eine zentralistische Staatsform in Deutschland würde die Gefahr der Schaffung einer neuen militärischen Macht einschließen. Je loser die Bande zwischen den deutschen Ländern sein werden, desto besser.

Frankreichs Sicherheit: Diese läßt sich nicht durch Militärbündnisse mit Nachbarstaaten garantieren, sondern nur durch Dezentralisierung Deutschlands, Überwachung des Ruhrgebietes und die Erweckung des Geistes der Friedensbereitschaft bei den Deutschen.

Was nun diesen letzten Punkt angeht, so sind allerdings viele politisch interessierte Franzosen nicht davon zu überzeugen, daß dieser Geist in Deutschland jetzt sehr weit verbreitet sei, man will gern glauben, daß es dort Kreise gebe, die eine deutsch-französische Verständigung und die Bildung einer europäischen Föderation ehrlich anstreben, aber man findet nicht genügend handgreifliche Beweise dafür, daß diese Kreise den entscheidenden Einfluß auf die deutsche Politik ausüben, soweit dies im Rahmen der Besatzung möglich ist. Ereignisse wie der Freispruch Dr. Hjalmar Schachts, der Protest gegen die Demontage von Torpedowerken und die Befürwortung eines zentralisierten Finanzsystems im Bonner Parlamentarischem Rat sind Geschehnisse, die zwar nicht genau verstanden werden, die aber um so ernüchternder wirken, als es schwer ist, dagegen Handlungen oder auch nur Erklärungen und Demonstrationen im entgegengesetzten Sinne auszuführen.

Vereinigte Staaten:

"Die Kluft muß überbrückt werden"

Washington. - Wenn sich in den Weihnachtstagen Millionen von Amerikanern im Kreise ihrer Familie um den Christbaum versammeln und die Kinder ihre Strümpfe am Kamin aufhängen, werden nur wenige von ihnen wissen, daß diese beiden Bräuche ein Geschenk Deutschlands sind. Wenn Chor um Chor "Stille Nacht, heilige Nacht" anstimmt, werden sich vielleicht ein paar mehr daran erinnern, daß dieses bekannte Weihnachtslied ebenfalls aus Deutschland stammt, und vielleicht denken sie an die verstorbene Ernestine Schuhmann-Heink, die es ihnen mit ihrer schönen Stimme Jahr um Jahr am Weihnachtsabend über den Rundfunk in deutscher Sprache sang.

Dieses Lied ist Gegenstand einer deutsch-amerikanischen Legende, die man sich in Amerika oft erzählt hat, wenn sie auch meines Wissens niemals mit Beweisen belegt werden konnte. Sie spricht von einer Pause inmitten einer Schlacht im ersten Weltkrieg. Die feindlichen Schützengräben fanden sich dicht beieinander, und auf beiden Seiten stellten die Soldaten für kurze Zeit das Feuer ein, um gemeinsam ein Weihnachtslied zu singen, jeder in seiner Muttersprache.

Seit jener Weihnacht von 1917 haben eine amerikanische und eine deutsche Regierung einen zweiten Krieg miteinander ausgefochten.

Die "Ardennen-Schlacht" begann 1944 um die Weihnachtszeit. Es wird jedoch nichts von einem Weihnachtsliedersingen während der Kämpfe um Bastogne berichtet. Tatsächlich ist es zweifelhaft, ob viele der Männer, die dort kämpften, Wert darauf legen würden, selbst jetzt mit den Deutschen, die ihnen gegenüberstanden, in ein ähnliches Duett einzustimmen. Es war eben eine ganz andere Art des Krieges.

Aber nicht alle waren Soldaten, und nicht alle Soldaten kämpften gerade dort. Auch sahen 1945 nicht alle Amerikaner die Leiden von Buchenwald, um einen anderen Vergleich zu gebrauchen. Natürlich sahen viele von ihnen Abbildungen und lasen Berichte darüber. Aber es hat sich manches geändert, und so gibt es am Weihnachtsabend 1948 zweifellos viele Amerikaner und Deutsche, die bereit wären, Weihnachtslieder miteinander zu singen, und zweifellos gibt es viele, die es auch tun und Weihnachten miteinander verleben.

Kein Groll und Haß

Man kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß in diesem Jahr der amerikanische Pilot auf seinem letzten Flug vor Weihnachten, mit dem er Lebensmittel und Brennmaterial nach Berlin bringt, keinen Groll oder Haß empfindet; ebenso wahrscheinlich und von vielleicht größerer Bedeutung ist es, daß die Familie dieses Piloten in Texas, Kalifornien oder Missouri mit ihm gleichen Sinnes ist. Aber wahrscheinlich könnten sie keinen Grund dafür angeben.

Die Amerikaner, gleich welcher sozialen Schicht oder Berufsgruppe sie angehören, sind gegenwärtig sehr mit sich selbst beschäftigt. In diesem Jahr standen 61 Millionen in Arbeit - ein bisher noch nicht erreichter Rekord. Die USA befindet sich auf der Höhe des wirtschaftlichen Aufschwunges und für die meisten liegt der Krieg schon weit zurück. Aus dieser Situation heraus neigen sie dazu, in den Deutschen, wenn sie überhaupt an diese denken, ein Volk und nicht den Einzelmenschen zu sehen. Hitler, die Pogrome eines Goebbels und die SA sind in den Vereinigten Staaten zum großen Teil nur noch verschwommene Erinnerungen.

Dafür sind die menschlichen Symbole wiedergekommen, wie gutes Bier, fröhliche Bürgermeister, Wagneropern, Sauerkraut, Brezeln, Gemütlichkeit, gute Werkzeugmaschinen und Zeisslinsen. Dazu kommt der allgemeine Eindruck, daß den Deutschen, die als Individuen sehr tüchtig, sehr sauber, und sehr angenehm sind, doch nicht zu trauen sei, wenn sie ein Gewehr in die Hand bekommen. In dieser Hinsicht kann man sagen, daß der amerikanische "Mann auf der Straße" geneigt ist, mit seinem französischen Bruder zu sympathisieren. Bei günstigen Kommentaren über Deutschland kann man damit rechnen, daß beinahe aus jeder Gesellschaftsschicht eine Warnung kommt, nicht noch einmal geschehen zu lassen, was sich in einer Generation zweimal ereignete.

Respekt, aber ...

Vielleicht ist das der Grund, daß - während es gegen die ERP-Hilfe für Deutschland, gegen die Bildung einer westdeutschen Regierung oder gegen die Erhöhung des Industrieniveaus wenig Opposition in der Presse und in der Öffentlichkeit gab - selbst Taxichauffeure ihre eigene Meinung über die Rückgabe der Ruhr haben.

Diese Meinung drückt im allgemeinen sehr viel Vorsicht aus. Aber auch hier scheint sich in der Öffentlichkeit der traditionelle Respekt vor deutscher Verwaltungstechnik, deutscher Fähigkeit und deutschem technischem Wissen durchzusetzen. Wahrscheinlich sind die meisten mit der Situation vertrauten Amerikaner bereit, anzuerkennen, daß die Deutschen vielleicht mit ihren eigenen Maschinen besser arbeiten können als sonst jemand. Sie wollen jedoch gleichzeitig die Garantie haben, daß Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.

Die Mehrzahl der gebildeten Amerikaner haben auch viel Respekt vor deutscher Wissenschaft, deutscher Musik, deutscher Philosophie.

Vor dem Kriege wurde ein junger Amerikaner, dem es gelungen war, eine deutsche Universität mit Erfolg zu besuchen, als glücklich angesehen, und sein Wert auf dem Stellenmarkt stieg dementsprechend. Dieser Respekt hält immer noch an. Es ist auch noch das Bewußtsein wach, daß viele große Amerikaner deutscher Abstammung sind. Einer von ihnen heißt Eisenhower. In einer Übersicht schätzt der Schriftsteller Louis Adamic die Zahl der Amerikaner deutschen Ursprungs in den dreißiger Jahren auf 30 Millionen oder fast ein Viertel der damaligen Bevölkerung. Adamic ist auch der Ansicht, daß ungefähr ein Drittel der 11 Millionen Männer und Frauen der US-Streitkräfte des letzten Krieges zumindest teilweise deutschen Ursprungs waren. Diese Überlegungen lassen sich nicht bestreiten und beeinflussen die allgemeine Haltung. Es scheint, daß sie beiden Nationen dabei helfen, die Kluft schneller zu überbrücken, die der Krieg zwischen ihnen aufgerissen hat.

Als seinen Teil zu diesem Brückenbau und aus Dankbarkeit für die Weihnachtslieder, den Christbaum und den Strumpf am Kamin macht der Durchschnittsamerikaner in diesem Jahr Deutschland von sich aus ein Geschenk: ein kleiner Teil davon ist in jedem Flugzeug nach Berlin, in jedem Lebensmittelpaket, in jedem Kohlensack und in jedem Dollar enthalten, der für die Beschleunigung des deutschen Wiederaufbaues ausgegeben wird. Die 147 Millionen Spender hoffen durch diese Geschenke zu erreichen, daß von nun an keine Weihnachtslieder mehr in Schützengräben gesungen werden müssen.

Italien:

Realistische Politik

Rom. - Auch heute ist in Deutschland das romantische Italienbild nicht versunken. Nur selten begegnet man in Italien entsprechenden Deutungen Deutschlands. Für die meisten Italiener ist Deutschland das Land der Technik, der Naturwissenschaft, der straffen Organisation, bestenfalls außerdem das Land der Musik und der Philosophie. Deutsche Landschaft, private Lebensform und Literatur haben in Italien Denken und Empfinden breiterer Kreise nicht anzuregen vermocht. Italienische Kritiker erklären, deutsche Literatur habe gerade wegen ihres starken romantischen oder "kalligraphischen" Charakters dort nie richtig Wurzel gefaßt. In der ausländischen Literatur suchen die italienischen Leser den Realismus, die konkrete Interpretation des Daseins, die politische und soziale Problematik. Die finden sie in englischen, französischen, amerikanischen Büchern. Den Deutschen werfen sie Flucht in den Ästhetizismus, Belanglosigkeit der Aussage, Neigung zu weltanschaulichem Monologisieren vor.

Die romantische Deutung des italienischen Lebens ist vielen Italienern sogar unbehaglich. Die "Sehnsucht" nach dem "Süden" erscheint manchen Italienern fremd, verschwärmt, ja sogar gefährlich. Wenn sie auch die großartigen Leistungen der deutschen Kunstforschung, Archäologie und Geschichtsschreibung anerkennen, so empfinden sie es als einen Mangel, daß in Deutschland nicht zur Genüge das moderne zivilisatorische Italien gewürdigt werde, das Italien der kraftvollen Rennwagen, der erfindungsreichen Radiotechnik, des sachlichen Wohnbaus, des Films, der soziologischen und kernphysikalischen Forschung.

Harte Wirklichkeit

Italien hat seine Kolonien verloren, und noch ist nicht über diese Gebiete, die einst Zehntausenden Arbeit und Verdienst boten, endgültig entschieden worden. Italien wartet. Es muß aber inzwischen angestrengt Mittel und Wege finden, um der Arbeitslosigkeit, der Übervölkerung Herr zu werden. Manche Beobachter Italiens werfen den italienischen Massen, wegen ihres Wunsches nach Neutralität zwischen West und Ost , einen unzulänglichen Wirklichkeitssinn vor. Dieser Wunsch ist verständlich. Das Land hat seit dem Zusammenbruch des römischen Imperiums zahllose Invasionen erlebt. Es war oft nur Figur der Weltpolitik.

Die Staatsmänner Italiens, die gegenwärtig für das Schicksal der Republik verantwortlich sind, haben eine Haltung eingenommen, die weder von Wunschbildern noch von Ressentiments bestimmt ist. Sie geht von Tatsachen aus. Westlich denkende Staatsmänner wie Alcide De Gasperi und Carlo Sforza befürworten eine europäische Föderation und eine enge Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten. Östlich denkende Politiker wie Palmiro Togliatti und Pietro Nenni erklären ununterbrochen, eine Zusammenarbeit mit dem Osten sei für Italien günstiger. Die politischen Exponenten der Idee einer neutralisierenden "Dritten Kraft" sind in den Hintergrund geraten, obwohl die Wunschkraft weiter Kreise hinter ihnen steht. Da es sich jedoch zumeist um ein politisch mehr oder weniger indifferentes Kleinbürgertum handelt, erhalten sie nur wenig Impulse. Innerhalb der politischen Weltkonstellation vollends ist diese "Dritte Kraft" in Italien wenigstens zunächst an einen toten Punkt gelangt.

Für die nächsten Jahre hat Italien politische Persönlichkeiten gewählt, die Sein, Struktur und Mentalität Italiens im Zusammenhang mit der westlichen Welt sehen. Von ihnen haben De Gasperi und Sforza die bedeutsamste politische Energie entwickelt. Für sie heißt die Alternative Italiens: Kommunismus oder westliche Freiheit? Welche Rolle soll nun Deutschland im Rahmen der von ihnen gebilligten Konzeption eines europäischen Staatenbundes spielen?

Es ist nunmehr wieder der eingangs erwähnten Perspektiven zu gedenken. Seit 1943 sind die geistigen Beziehungen zwischen Italien und Deutschland so gut wie abgerissen. Der einzigartige geistige Austausch in der Philosophie und Geisteswissenschaft des 19. Jahrhunderts, der mit Namen wie Mommsen und Gregorovius verbunden bleibt, ist unterbrochen. (Ein vorzüglicher Ansatz, die Gründung einer Zweigstelle des römischen Instituts für philosophische Forschungen in München, gleicht einer Oase in der Wüste.) Reisende von hüben und drüben sind äußerst selten. Die Informationsmöglichkeiten sind mangelhaft. Man braucht nur italienische Zeitschriften aufzuschlagen. Die geistige Diskussion in aller Welt wird dort emsig verzeichnet. Was in Deutschland in dieser Hinsicht eifrig erörtert wird, hinterläßt dort kaum eine Spur. In der geistigen Geographie Italiens bildet das zeitgenössische Deutschland einen weißen Fleck.

Zuerst wirtschaftliche Fühlung

Ganz anders sieht es in der Wirtschaft und in der Politik aus. Nicht Gelehrte und Dichter, sondern Kaufleute, Industrielle, Ingenieure und Politiker zisalpinischer und transalpinischer Herkunft haben die ersten Fäden zwischen den beiden Ländern nach 1945 neu zu knüpfen begonnen. Man bewegt sich somit in diesem Bemühen um Kommunikation in einem sehr realistischen Medium. Nüchterne, sehr sachliche Erwägungen leiten beide Teile. Gegen Hügel von Formularen, Vorschriften, Bestimmungen und Einschränkungen, vor allem gegen Berge von Mißtrauen, Ressentiments und Unkenntnis mußte immer wieder angerannt werden, ehe zunächst der Handel und dann schließlich auch erste politische Worte wieder über die Alpen gehen konnten.

Italien ist das erste Land, das, trotz der 1946 noch verbitterten öffentlichen Meinung, in Mailand eine Handelskammer eröffnete, welche die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland erneuern sollte. Ein Handelsvertrag kam zustande. Das Volumen wuchs von Jahr zu Jahr. Im Januar 1948 lud der italienische Außenhandelsminister, Cesare Merzagora, die Botschafter der vier Großmächte, ihre Stäbe und über 200 ausländische Journalisten zu einem Empfang ein. Merzagora regte die vier Botschafter an, sich für eine Wiederaufnahme des deutsch-italienischen Handels einzusetzen. Vor dem Kriege seien 60 v.H. des italienischen Obst- und Gemüseexports nach Deutschland gegangen. Der Erlös habe genügt, um sämtliche Kohlenimporte zu bezahlen. Vier Millionen Italiener hätten davon gelebt.

Der Erfolg blieb nicht aus. Am 28 Juni 1948 wurde in Rom ein zweiseitiges ERP-Abkommen geschlossen. Gleichzeitig fand ein Notenaustausch zwischen USA und Italien über die Klausel zur Begünstigung der Besetzungszonen in Westdeutschland statt. Weitere Waren rollten über den Brenner. In letzter Zeit haben sich diese wirtschaftlichen Beziehungen trotz aller Schwierigkeiten (in Deutschland fehlen vor allem noch die typischen italienischen Importwaren) noch verstärkt. Auf den Messen in Mailand und Bozen werden wieder viele deutsche Firmen ausstellen. Ein konkretes Beispiel: Bis zum Juni 1949 soll Italien im Rahmen des ERP 4500 Waggons an die Bizone liefern. Im Frühjahr 1948 erklärte John C. Lynn von der Ernährungsabteilung des Zwei-Mächte-Kontrollamts, daß die Importverträge, die zur Zeit noch über die JEIA laufen, zukünftig unmittelbar zwischen deutschen und italienischen Firmen abgeschlossen werden könnten.

Gerade in der gegenwärtigen Lage Europas kann man wirtschaftliche Vorgänge kaum isoliert betrachten. Sie werden zwar von praktischen Bedürfnissen gelenkt, unterliegen aber auch politischen Impulsen. Die Deutschlandpolitik der italienischen Republik ist sachlich, einfach und konstruktiv. Man kann sie formelhaft mit einem Ausdruck definieren, den der italienische Außenminister, Graf Carlo Sforza, in Perugia anläßlich der Eröffnung des Sommersemesters der Ausländeruniversität der Weltöffentlichkeit vortrug: "Es ist unsere höchste Pflicht und unser höchstes Interesse, die Deutschen mit Europa zu versöhnen. Dafür gibt es aber nur ein Mittel: den Deutschen anzubieten, sich als Gleiche unter Gleichen und als Freie unter Freien an den Tisch der großen wirtschaftlichen und politischen europäischen Föderation zu setzen." Eine echte Demokratisierung der Deutschen "von innen heraus" sei dazu allerdings lebenswichtige Voraussetzung.

Großbritannien:

Bereit zu Versöhnung und Freundschaft

London. - "Wissen Sie, ich habe die Deutschen eigentlich sehr gern" - dieser Ausspruch der fast in jedem politischen Gespräch vorkommt, charakterisiert die allgemeine britische Einstellung zu Deutschland. In ihm kommt, wenn nicht Freundschaft, so doch der Wunsch zur Freundschaft zum Ausdruck, und die Bereitschaft zur Versöhnung ist um so ernster zu nehmen, als sie selbst während des Krieges bei den meisten Briten vorhanden war.

Diese Einstellung hat in den Nachkriegsjahren zu mancherlei Resultaten geführt: nicht nur zu den greifbaren auf dem Gebiet der Karitas, sondern auch zu Modifizierungen der britischen Politik gegenüber Deutschland, die in Deutschland selbst offenbar wenig bemerkt, bei manchem Alliierten Ärgernis erregten und das britisch-französische Freundschaftsverhältnis trübten. Die Versöhnungsbereitschaft manifestiert sich nicht zuletzt in einer regen und anhaltenden Pflege deutscher Musik und in einem geradezu phänomenalen Anwachsen des Interesses an deutscher Literatur

Was bedeutet dies alles für die künftige Gestaltung der britisch-deutschen Beziehungen? Die Nähe des Festes, das "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" verheißt, bringt den Berichterstatter in Versuchung, die Antwort auf diese Frage so optimistisch wie möglich zu formulieren. Aber er darf nicht verschweigen, daß sich gerade in den letzten Wochen (und eigentlich zum erstenmal seit Kriegsende) eine kritische Stimmung bemerkbar macht, die, falls sie anhält, zu einer Versteifung der britischen Haltung Deutschland gegenüber führen könnte.

Anlaß für Kritik

Der äußere Anlaß für diese veränderte Haltung läßt sich in zwei Worten ausdrücken, die eigentlich Synonyme sind: Demontage und Reparation. Das seit einiger Zeit vorhandene Gefühl, daß Deutschland - genauer Westdeutschland - eine ungerechtfertigt starke Opposition gegenüber den ihm auferlegten Demontage- und Reparationsmaßnahmen an den Tage lege, verstärkte sich zum Verdacht anläßlich der deutschen Haltung zur Sprengung der Torpedo-Versuchsanstalt Eckernförde. Die Demonstrationen und die "Minute des zornigen Schweigens" zugunsten der Erhaltung einer Anlage, die man in Großbritannien für den hundertprozentigen Kriegsbetrieb hält, schufen wirklich böses Blut, und man fragt sich nach den Motiven, die die Veranstalter zu ihren Schritten bewogen haben mögen.

Die freundlichste Erklärung fanden die unabhängige "Times" die meinen, die Deutschen seien einer ungerechtfertigten, aber verständlichen "Erbitterung" zum Opfer gefallen, die sie nicht empfunden haben würden, wäre die Versuchsanstalt schon vor drei Jahren gesprengt worden. Das Blatt tadelt die Militärregierung für die "unerklärliche Hinauszögerung" der Maßnahme, fügt aber hinzu: "Diese Verzögerung hat einer verantwortungslosen Demagogie in die Hände gearbeitet. Sie hat das Wiedererstarken eines Nationalismus unterstützt, der noch immer in vielen Deutschen schlummert. Sie hat das Wachstum einer friedlichen Gesinnung gefährdet. Die Proteste um Eckernförde bedeuten eine Mahnung, die wirkliche Entmilitarisierung nicht nur nicht einzustellen, sondern im Gegenteil zu beschleunigen".

Andere Zeitungen finden weniger harmlose Erklärungen. So schreibt der liberale "Manchester Guardian": "Es gibt viele Fälle, in denen die deutschen Behörden aus wirtschaftlichen Gründen gegen die Demontage von Kriegsanlagen protestierten, zum Beispiel den Fall des Marine-Trockendocks in Wilhelmshaven. Ihre Taktik war, im Namen des ERP und der amerikanischen Wirtschaftsinteressen bei den amerikanischen Behörden vorstellig zu werden. All diese Proteste werfen auf die wiederholten Beteuerungen deutscher Politiker, sie seien ja für die Demontage von Kriegsbetrieben, ein verdächtiges Licht."

Dem britischen Zeitungsleser, der über die deutschen Proteste gegen die Reparationsleistungen laufend informiert ist, wurde kürzlich vom Schatzkanzler Sir Stafford Cripps versichert, das sich die deutschen Reparationsleistungen bisher auf 30,4 Millionen Pfund beliefen - eine Summe, die Großbritannien 1944 in zwei Tagen zur Kriegführung verausgaben mußte. Wenn dem Zeitungsleser gleichzeitig gesagt wird, er habe von Mai 1945 bis März 1948 in Form von Steuern 537 Millionen Pfund zur Deckung der Besatzungskosten und zur Unterstützung der deutschen Bevölkerung aufbringen müssen und wenn er die Stimmen aus Deutschland damit vergleicht, so ist es kaum verwunderlich, daß ein immer größer werdender Kreis die besorgte Frage stellt: "Haben sich die Deutschen wirklich geändert?"

Positivum Berlin

Als ein Lichtstrahl am Horizont wird Berlin empfunden - Berlin, das, wie Außenminister Ernest l. Bevin kürzlich in der außenpolitischen Unterhausdebatte erklärte, "für die Welt ungleich wichtiger ist, als die meisten Ahnen". Man ahnt es in London, und die Worte, die Winston S. Churchill als Oppositionsführer bei derselben Gelegenheit sprach, erweckte bei den meisten Beifall und bei vielen neue Hoffnung: "Die Berliner Wahlen sind ein Beweis für die Wiederauferstehung des deutschen Geistes und ein Leuchtfeuer, das seinen Schein auf das Denken jenes ganzen mächtigen Volkes wirft, ohne dessen tatkräftige Hilfe Europa in seinem alten Glanz nicht wieder hergestellt werden kann." Indessen ist auch Berlin keine reine Freude, und es ist bemerkenswert, daß gerade jene Organe, die mit Recht als besonders deutschfreundlich gelten, die kritischsten Kommentare zu den Berliner Wahlen abgegeben haben. So entdeckte der "Manchester Guardian" in den Wahlreden Zeichen des "alten Überlegenheitsgefühls und der Neigung, Drohungen zu gebrauchen". "Alle Reden waren gekennzeichnet von einem starken Nationalismus, der in seiner Zukunftsgewißheit Deutschlands jüngste Vergangenheit und gelegentlich sogar seine Gegenwart außer acht ließ", meint die liberale Zeitung. Die linksradikale Wochenschrift "New Statesman and Nation" beklagte sich besonders über die ihr gesinnungsmäßig nahestehenden deutschen Kreise: "Das bemerkenswerte Anwachsen der sozialdemokratischen Mehrheit kommt nicht auf das Konto des von Franz Neumann und Ernst Reuter umrissenen sozialistischen Programms, sondern ist der Tatsache zuzuschreiben, daß die Reden dieser Männer von einem heftigeren Nationalismus getragen waren als die der anderen Parteiführer."

Es ist dieser Nationalismus, den man allgemein in Großbritannien fürchtet und von dessen Vorhandensein man auf den verschiedensten Gebieten wachsende Anzeichen zu bemerken glaubt. Eine deutschfreundliche, in der europäischen Einigungsbewegung aktiv tätige Engländerin meint bekümmert: "Weniger reden von den eigenen Rechten und mehr Einsicht in die eigenen Pflichten, mehr Europäertum und weniger Nationalismus, dies ist mein herzlicher Weihnachtswunsch für die Deutschen."

Sowjetunion:

"Sie wollen auch ihre Ruhe haben"

Moskau (NZ). - In keinem anderen Land der Erde ist es so schwer wie in der Sowjetunion, die wirklichen Anschauungen der Menschen festzustellen, da die meisten fürchten, zuviel zu sagen. Dies gilt auch für die Frage, wie man in der Sowjetunion über Deutschland denkt. Die Presse, die in den westlichen Ländern die Stimmung mehr oder weniger gut widerspiegelt, vertritt hier ausschließlich den offiziellen Standpunkt, der stets durchaus zweckbedingt ist. Zwar mißtraut der Sowjetbürger oft den Mitteilungen und Kommentaren seiner Zeitung, doch bilden sie eine hauptsächliche Informationsquelle.

Aus Deutschland heimgekehrte Soldaten der sowjetischen Besatzungsarmee und - in den von Deutschland vorübergehend besetzten Gebieten - die eigene Anschauung ergänzen das Bild, das man sich vom deutschen Menschen macht. Aber gerade in den ehemals vom Krieg überzogenen Gegenden versteht man, daß nicht alle Deutschen an den Wunden, die dem Land geschlagen wurden, die Schuld tragen. Man leidet überall noch an den Folgen des Krieges und verurteilt den Nationalsozialismus als seine Ursache. Doch kann man immer wieder hören, daß der deutsche Soldat in den Krieg geschickt worden sei, "wie unsere Leute".

Wer in der Sowjetunion mit einem einfachen Menschen über Deutschland spricht, wird immer wieder den Satz hören: "Sie können arbeiten". Darin liegt viel Anerkennung, aber auch ein wenig Angst. Durch Jahrhunderte war Deutschland für das russische Volk geradezu "der Westen", und es verkörperte sowohl das Gute wie auch das Schlechte, das aus dem Westen kam. In mancher Hinsicht gilt es auch heute. Haßgefühle gibt es kaum.

Die sowjetische Wirtschaftspolitik in der Ostzone Deutschlands wird von den meisten Sowjetrussen gutgeheißen - man hat immer noch das Gefühl, daß es den Deutschen zumindest nicht schlechter geht als der Bevölkerung der Sowjetunion.

Im ganzen sieht man Deutschland weniger aus der Perspektive des zweiten Weltkriegs und mehr als den Brandherd für den Ausbruch eines neuen Konflikts, wobei allerdings Deutschland selten eine Schuld oder eine direkte Rolle zugeschrieben wird. Viele meinen: "Sie wollen auch ihre Ruhe haben." Nur die sowjetische Jugend hat sich zuweilen den offiziellen Standpunkt zu eigen gemacht, der das deutsche Volk in Anhänger der SED und Faschisten einteilt, zu denen alle übrigen gezählt werden. Die Mehrzahl aber sagt: "Wenn sie uns doch in Ruhe ließen." Sie - das ist ein weiter Begriff; er schließt mit dem gesamten Ausland auch Deutschland ein, aber zugleich, unausgesprochen, die Männer im Kreml.

Polen:

Alter Gegensatz unvermindert

Warschau (NZ). - Das Verhältnis des polnischen Volkes zu Deutschland und den Deutschen wird heute, nahezu vier Jahre nach dem Kriegsende, nicht ausschließlich von den Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegsjahre bestimmt. Die wechselnden politischen Konstellationen waren wohl von starker Wirkung auf die Meinungsbildung - immer aber blieb diese vor allem ein Ergebnis der geographischen Lage.

In Oberschlesien, in Posen verlief die ethnographische Grenze zuweilen durch die Familie und schied den einen Bruder vom anderen. Immer wurde um den einzelnen Menschen, oft gegen ihn gekämpft. Zwischen stärkeren Völkern, dem deutschen und dem russischen ansässig, wechselten für das polnische Volk die Zeiten der Abwehr und des Angriffs. Die Ordenskriege des Mittelalters sind so wenig vergessen, wie die Epoche der nationalen Behauptung nach den Teilungen. Der polnisch-russische Gegensatz war stets vorwiegend politischer, jener zwischen Polen und Deutschen gleichzeitig auch volkhafter Natur. Niemand denkt noch daran, daß im neunzehnten Jahrhundert die fortschrittlichen Kreise im deutschen Volk den polnischen Freiheitsbestrebungen mit Sympathie gegenüberstanden. Auch heute unterscheidet man in Polen nicht zwischen dem Dritten Reich und Deutschland, und dies trotz herzlicher Aufnahme deutscher Kommunisten auf polnischen Kongressen.

Die Ruinen Warschaus und anderer polnischer Städte, die Verluste, die viele Familien erlitten haben, sind allen gegenwärtig und ein gewaltiges Hindernis auf dem Wege zur Verständigung; ein anderes ist das Bewußtsein, das die Mehrheit der Deutschen niemals die Ostgebiete vergessen werden. Beteuerungen der Gäste aus der deutschen Ostzone mögen dieser Erkenntnis widersprechen, und sie werden offiziell mit Befriedigung, im Volk aber mit Lächeln und Mißtrauen aufgenommen. Die zivilisatorische Erschließung Polens ging, wie jene aller slawischen Länder, von Deutschland aus. Immer aber wurde eifersüchtig darüber gewacht, daß nicht ein deutscher Anspruch oder Einfluß aus dieser Tatsache erwachsen könnte. Der Ausdruck "Kulturträger", für die Deutschen verwendet, war durchaus ironisch gemeint. Die bewußte Bindung an die französische Kultur entsprang vor allem der Abneigung gegen den unmittelbaren Nachbarn. In polnischen Bibliotheken überwiegt der Anteil an deutschen technischen Büchern weit die schöne deutsche Literatur - umgekehrt ist das Verhältnis bei französischen Werken. In den Jahren zwischen den Weltkriegen konnte man zwar an deutschen technischen Hochschulen polnische Studenten finden, die einem Spezialstudium nachgingen; an französischen Universitäten und Kunstakademien wollte die polnische Jugend weit herzlichere Bindungen knüpfen. Heute sucht Polen sowohl seinen technischen Fortschritt als auch künstlerische und kulturelle Maßstäbe im Osten. Die wirkliche Zuneigung des polnischen Volkes zielt nach Westen, beginnt aber erst jenseits des Rheins. Die deutsche Sprache ist unbeliebt, ihr Gebrauch auf der Straße gefährlich, und dies nicht etwa nur, weil diese Sprache von Goebbels mißbraucht wurde; auch als die Sprache Goethes war sie nicht geschätzt. Die offizielle deutsch-polnische Annäherung der Vorkriegsjahre hat diese Animosität niemals überwinden können. Eine Änderung wäre nur zu einer Zeit zu erwarten, in der geographisch Nachbarschaft nicht mehr Gegensätze zeitigt.

Quellenangaben

Quelle: Die neue Zeitung, Autor: Francois Gérard
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Weihnachten
Aktualisiert am: 06.02.2006
Zurück | Drucken