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28.12.1948 | Die Neue Zeitung

"Aussichten für 1949 günstig"

"Aussichten für 1949 günstig"

Berlin(NZ). - In einem Radio-Interview mit der amerikanischen Rundfunkgesellschaft Columbia Broadcasting System erklärte der amerikanische Militärgouverneur, General Lucius D. Clay, am 26. Dezember, der Wiederaufbau in Westdeutschland nach der Währungsreform sei zusammen mit dem europäischen Wiederaufbauprogramm erstaunlich. Seit Juni sei die Produktion auf 75 Prozent der Produktion von 1936 angestiegen. Die Exporte, die im vorigen Jahr nur wenig mehr als 200 Millionen Dollar betrugen, hätten jetzt die 700-Millionen-Dollar-Grenze erreicht.

Gesteigerte Produktion nötig

"Obwohl das Volk wieder an der Arbeit ist und die Hoffnung auf die Zukunft in ihrem Leben sichtbar wird, muß ich doch darauf hinweisen", betonte General Clay, "daß man mit der bisherigen Entwicklung der Dinge doch noch nicht voll zufrieden sein kann. Der deutsche Wiederaufbau bleibt immer noch weit hinter dem Wiederaufbau in den anderen westeuropäischen Staaten zurück. Obwohl sich das Defizit zwischen der Aus- und Einfuhr in Höhe einer Milliarde Dollar während des nächsten Jahres verkleinern werde, bleibe das Defizit doch noch für lange Jahre groß genug. Wenn Deutschland seine Selbstzufriedenheit wiedergewinnen wolle und dem amerikansichen Steuerzahler die Last der Einfuhr abgenommen werden soll, müßten die Deutschen mit aller Kraft darangehen, die Produktion weiter zu steigern."

Im Zusammenhang mit Problemen der allgemeinen politischen Lage Europas und der Versorgung Berlins über die Luftbrücke, kündigte General Clay eine weitere Verbesserung der Luftversorgung an, deren augenblickliche Tonnagekapazität bei besseren Wetteraussichten noch überschritten werden könne. Während der sechs Monate ihres Bestehens habe die Luftbrücke gezeigt, daß eine Versorgung Berlins mit einem Minimum an lebensnotwendigen Gütern möglich sei.

Entmilitarisierung beendet

Auf die Frage, ob die ursprünglichen Ziele der Besatzungsmächte, Deutschland zu demokratisieren und zu entmilitarisieren, Erfolg gehabt hätten, antwortete General Clay:" Es ist schwer, diese Frage zu beantworten. Und ich glaube, hauptsächlich deshalb, weil es noch zu früh ist, die Antwort zu wissen. Praktisch ist Deutschland völlig entmilitarisiert. Es hat ebenfalls den ganzen Schrecken einer Niederlage nach einem totalen Kriege erfahren. Jedoch kann nur die Zeit zeigen, ob der militärische Geist, der Deutschland so lange beherrschte, wirklich tot ist.

Man habe die demokratischen Prinzipien und die Garantien der persönlichen Freiheit eingeführt. Jeder Deutsche sei Zeuge der Unterdrückungsmaßnahmen eines totalitären Staates gewesen und könne sie mit den heutigen Maßnahmen der westlichen Besatzungsmächte vergleichen. "Jedoch unterliegt Deutschland weiterhin den Gesetzen einer fremden Militärmacht, die beim besten Willen kein gutes Beispiel einer demokratischen Regierung sein kann. Unter diesen Bedingungen ist es schwer, eine wahre demokratische Führung zu entwickeln."

Die politischen und wirtschaftlichen Aussichten für das nächste Jahr seien in Westdeutschland günstig. Die wachsende ERP-Hilfe werde die Produktion anspornen, die Einrichtung einer westdeutschen Regierung eine gesunde politische Aktivität hervorrufen. Trotz des Mangels an elektrischem Strom, der größere Produktionssteigerungen beschneide, solle das nächste Jahr einen weitaus besseren Lebensstandard bringen als die letzten drei Jahre seit dem Waffenstillstand.

Keine bewaffnete Polizeimacht

Zu den Gerüchten über eine Remilitarisierung in Westdeutschland äußerte General Clay, daß die Politik der amerikanischen Militärregierung keine große, einheitlich gelenkte und schwer bewaffnete Polizeimacht vorsehe. Die zentral gelenkten Polizeikräfte sollten auf die Zollgrenzpolizei und ein zentrales Ermittlungsbüro der Kriminalpolizei begrenzt werden.

Der amerikanische Militärgouverneur äußerte sich sodann zuversichtlich über die wirtschaftliche und politische Stabilität Westeuropas, die als Grundlage für einen dauerhaften Frieden Voraussetzungen seien. "Wir brauchen nicht in einen neuen Krieg gestürzt zu werden, wenn die freiheitsliebenden Völker Westeuropas auf festen Füßen stehen. Wenn sie imstande sind, ihre Freiheit zu schützen, dürfen wir einen langen Frieden erwarten."

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Ökonomie, Prognose, Luftbrücke
Aktualisiert am: 06.02.2006
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