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Artikel

31.12.1948 | Die Neue Zeitung

Durch den Hinterhof ins Adlon

In den Westberliner Hotels fehlen die Gäste

Berlin (DPD). - Man geht durch zwei Hinterhöfe und steigt eine schmale dunkle Treppe hinauf. Im ersten Stock wird es dann hochherrschaftlich. Das zerbombte "Adlon", einst Berlins repräsentativstes Hotel, ist wieder ein vorzügliches Haus mit eleganten Appartements geworden. Jetzt baut man weiter. Ein Stück glanzvoller gastronomischer Vergangenheit soll wieder erstehen.

Von 24 000 Betten blieben 4000

Die Berliner Hotels wurden zum größten Teil vom Kriege zerstört. 1945 standen von 24 000 Betten noch 1500 zur Verfügung. Fast alle bekannten Hotels der Innenstadt, besonders die der Zoo-Gegend, existieren nicht mehr. Das "Excelsior", die "Karawanserei" mit 740 Betten am Anhalter Bahnhof, liegt in Trümmern. Das vornehme "Bristol", Unter den Linden, das von vornehmen Diplomaten bevorzugt wurde, eröffnete in einem ehemaligen Grunewalder Sanatorium einen kleinen Ausweichbetrieb. Das "Central-Hotel", Bahnhof Friedrichstraße, wo Grock und andere Varietégrößen abstiegen, verschwand ebenso wie das "Esplanade", das von Greta Garbo bevorzugt wurde. Auch auf dem Dachboden des "Eden" trifft sich kein elegantes Publikum mehr. Heute besitzt Berlin wieder 4000 Hotelbetten. Bis zur Blockade reichten sie bei weitem nicht für den großen Fremdenverkehr aus. Die private Zimmervermietung mußte zu Hilfe genommen werden. Neue Hotels entstanden vor allem in den westlichen Vororten. In einer großen roten Villa am Bahnhof Wannsee hat sich das elegante "Casino-Hotel" etabliert. Das "Park-Hotel" in Dahlem, das ehemalige Gästehaus der "Reichsfrauenführerin", wurde durch seine exklusiven Tanztees bekannt. Auch im "Patria", das im hübschen Steglitzer Villenviertel liegt und nur wenig Zimmer hat, wird viel getanzt.

Klamme Finger im Speisesaal

Seit keine Interzonenzüge mehr nach Berlin fahren, haben auch die Hotels in den Westsektoren schwer zu kämpfen. Gäste aus dem Westen kommen kaum noch. Die Besucher aus der Ostzone bringen nur Ostgeld mit. Westgeld wird aber dringend für Reparaturen und Neuanschaffungen gebraucht.

Während noch vor einem halben Jahr die Angestellten Tag und Nacht auf den Beinen waren, sind sie jetzt auf halbe Arbeitszeit gesetzt. Manche Hotels stehen zu 80 v.H. leer. Im Hotel am Steinplatz, einem der bekanntesten großen Hotels des Berliner Westens, können von 200 Zimmern nur 20 vermietet werden. Man hat einfach kein Geld für Wiederherstellungsarbeiten. In den Speiseräumen der Westhotels werden den Gästen die Finger klamm. Kohlen gibt es schon lange nicht mehr. Wer nicht im Dunklen ins Bett gehen will, muß sich mit einer Kerze versehen. Notbeleuchtungen gibt es nur für die Korridore. Bettwäsche wird überall gestellt. An der Wand steht: "Dreimal klingeln - Zimmermädchen." Aber die Klingel funktioniert selten.

Im Ostsektor haben die Hotelbesitzer weniger zu klagen. Die kleineren Häuser sind meist gut besetzt. Auch das "Adlon" ist immer ausverkauft. Appartements mit Bad und Salon kosten 45 Ostmark und sind von Geschäftsleuten sehr gefragt. Die Zimmer sind mollig warm und die Lampen hinter neuen roten Stores brennen strahlend hell. In dem neu eröffneten behaglichen Restaurant ist alle Tage Hochbetrieb. Jeder Gast kann Kaviar und Gänsebraten essen. Nur die Preise liegen weit über denen, die in Hamburg und München gezahlt werden. Aber es gibt genug "Prominente", die sie zahlen können.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Tourismus, Hotel, Statistik, Preise, Kosten
Aktualisiert am: 06.02.2006
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