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Artikel

31.12.1948 | Die Neue Zeitung

Wünsche der Westberliner Industrie

Verbesserung des Lufttransports - Kritik am Westen

Berlin (NZ). - Die Westberliner Wirtschaft leidet unter der Blockade. Ihre Auswirkungen werden durch die Leistungen der Luftbrücke gemildert. Indem sie den Transport von Rohstoffen und Fertigwaren zwischen den Westzonen und Berlin ermöglicht, kann die Industrie des Berliner Westens auf dem derzeitigen Stand gehalten werden. Die Unternehmen aller Industriezweige sind deshalb daran interessiert, daß die Organisation der Luftbrücke bestmöglich ausgenützt und nach Möglichkeit noch weiter ausgebaut wird. Unternehmerische Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit an die schwierigen Verhältnisse sind wichtig, genügen aber nicht, sie zu überwinden. Aus dem täglichen Kampf mit vermeidbaren Erschwerungen, mit unnötigem Leerlauf und bürokratischen Hindernissen werden die Wünsche der Firmen laut, die damit einen konstruktiven Beitrag leisten wollen, um das Ziel "Produktion trotz Blockade" zu erreichen.

Aus Kreisen der optischen Industrie, die sich infolge guter Materialzufuhr aus dem Westen umfangreicher Aufträge erfreut, wird der Abtransport der Erzeugnisse kritisiert. Obwohl die Firmen ihre westlichen Lieferverträge zu den vereinbarten Fristen erfüllen, blieben die verpackten Waren auf den Flugplätzen oft mehrere Wochen liegen. Die Abnehmer in den Westzonen hätten bereits zu verstehen gegeben, daß sie laufende Verträge annullieren und auf eine weitere Geschäftsverbindung verzichten würden, wenn die Lieferungen nicht pünktlich einträfen. Ein Verlust des westdeutschen Absatzmarktes sei für die Westberliner Produktionsfirmen unersätzlich und besonders deswegen zu bedauern, weil die Berliner Firmen konkurrenzfähig sind. Es wird der Vorschlag gemacht, mehr Flugzeugen einen längeren Aufenthalt in Berlin zwecks Beladung mit Industriegütern zu ermöglichen. Unliebsame Verzögerungen des Produktionsprozesses würden, so wird aus verschiedenen Industriekreisen berichtet, durch Erschwerungen des zwischensektoralen Gütertransportes hervorgerufen. Die Industriekreise hoffen, daß durch die einheitliche Verwaltung der drei westlichen Sektoren diese Schwierigkeiten in Zukunft beseitigt werden.

Die Arzneimittelindustrie verfügte zu Beginn der Blockade über ein umfangreiches Rohstofflager. Dieses wurde im Laufe der Zeit aufgebraucht. Die Versorgung mit Füllmasse zur Herstellung von Tabletten, die fast ausschließlich aus der Ostzone bezogen wurde, begann seit der Blockade schwierig zu werden. Aber auch als Absatzmärkte fielen Berlin und die Ostzone aus. Auf dem westdeutschen Markt ist eine Konkurrenz gegenüber den dortigen großen Arzneimittelfirmen kaum möglich. Um so mehr hat die Berliner Arzneimittelindustrie bedauert, daß bei der Vitaminaktion der Militärbehörden die fertigen Tabletten statt Rohmaterialien eingeflogen worden sind. Hätte der importierte Rohstoff in etwa zwanzig Berliner Betrieben verarbeitet werden können, so wären rund 2000 Arbeiter beschäftigt und der Berliner Wirtschaft 4 bis 5 Millionen Westmark erhalten geblieben. Dieser Betrag sei nunmehr in die Westzonen abgeflossen. Auch aus anderen Industriekreisen wird darauf hingewiesen, daß man nach Möglichkeit Rohstoffe zur Verarbeitung in Berlin anstatt Halb- und Fertigfabrikate einführen solle. Dabei wird noch betont, daß bei der Rohstoffverteilung die Mittel- und Kleinbetriebe berücksichtigt werden müßten. Mittelbetriebe der Berliner Radioindustrie wollen beobachtet haben, daß die großen Berliner Firmen bevorzugt mit Leichtmetallen und Transformatorenblechen versorgt werden.

Die Kompensationsgeschäfte Westberliner Firmen mit dem Berliner Ostsektor und der Ostzone werden nicht einheitlich beurteilt. Solche Firmen, die über die Luftbrücke ein gutes Westgeschäft durchzuführen vermögen, sind meist schärfere Verfechter einer absoluten Gegenblockade als die Firmen, deren schwierige Lage durch Gegenseitigkeitsgeschäfte mit dem Osten erleichtert werden kann. Insbesondere die Westberliner Bauindustrie klagt über den großen Mangel an Baustoffen, besonders Bindemitteln. Um die Arbeitskräfte zu beschäftigen, haben sich viele Firmen auf Enttrümmerung umgestellt. Ein langfristiger Einsatz gelernter Arbeiter zur Enttrümmerung wirke sich psychologisch nachteilig aus. Günstiger als der Schwarzkauf von Baustoffen, der zu Preiskalkulationen führe, die von den westlichen Bezirksämtern nicht anerkannt würden, sei der Abschluß von Kompensationsgeschäften mit Baustofflieferanten im Ostsektor. Man müsse die Arbeit aufrechterhalten, um der zunehmenden Konkurrenz von Baufirmen aus dem Ostsektor innerhalb der Westsektoren zu begegnen.

Aus Kreisen der Maschinenindustrie wird besonders die Haltung der westdeutschen Wirtschaftsstellen gegenüber der Westberliner Wirtschaft stark kritisiert. Es wird ein ausgeprägter Egoismus der Westzonen festgestellt; nur zögernd finde man sich zu Subventionen für die Berliner Wirtschaft bereit, nutze aber doch jede sich bietende Möglichkeit aus, im Westen nicht absetzbare Waren nach Berlin möglichst noch zu erhöhten Preisen zu verkaufen. Der Absatz der Berliner Firmen könne sich durch eine gewisse Passivität des Westens nicht entfalten und dadurch nur allmählich den Ausfall der Ostzone und die beschränkte Aufnahmefähigkeit des Berliner Marktes ausgleichen. Kreise des Maschinen- und Apparatebaues weisen darauf hin, daß Kompensationsgeschäfte mit der Ostzone und mit dem Ostsektor in Frage kämen, wenn Kohle und andere wichtige Güter im Austausch gegen die gelieferten Produkte aus dem Osten bezogen werden könnten. Solche Geschäfte hätten Aussicht auf Erfolg, da die Autarkiebestrebungen der Ostzone bei weitem nicht den Verlust der westlichen Bezugsquellen ausgleichen könnten. Die Deutsche Wirtschaftskommission (DWK) habe sich an verschiedene Firmen um Lieferungen gewandt und bemerkt, sie werde sich um Beschaffung von Westmark zur Bezahlung bemühen. Dagegen seien sowohl die Deutsche Wirtschaftskommission als auch die ostzonale Handelsgesellschaft im Angebot von Rohmaterialien als Gegenlieferungen für in der Ostzone dringend benötigte Industriegüter sehr zurückhaltend. Die kritisierten Mängel zeigen, wie leicht sich oft durch eine kleine organisatorische Verbesserung der Erfolg steigern ließe. Der außergewöhnlichen Lage müsse, so wird fast übereinstimmend geäußert, noch durch eine stärkere Betonung der Notgemeinschaft Rechnung getragen werden. Es dürfe nicht eine bevorzugte Gruppe geben, die aus den Verhältnissen Nutzen zieht, während eine andere Gruppe allein den Schaden trägt

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Ökonomie, Industrie, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Handel, Arbeit, Facharbeiter, Ausbildung
Aktualisiert am: 06.02.2006
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