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Artikel

02.09.1948 | Die Neue Zeitung

Berliner Konferenz noch geheim

Beratungen der Militärgouverneure sind keine Kontrollratssitzungen

Berlin (NZ). - Nach Beendigung der ersten Phase der Vier-Mächte-Verhandlungen über Deutschland in Moskau wurden die Besprechungen am 31. August von den vier Militärgouverneuren in Berlin fortgesetzt. General Lucius D. Clay, General Sir Brian Robertson, General Pierre Koenig und Marschall Wasilij Sokolowskij hielten im großen Sitzungssaal des Kontrollratsgebäudes eine einstündige Sitzung ab. Eine zweite Besprechung fand am 1. September statt.

Gegenstand der Besprechungen waren "gewisse technische Fragen", die mit der Aufhebung der Blockade Berlins und einer Regelung der Berliner Währungsfrage zusammenhängen. Dies bestätigte, einem Bericht aus Washington zufolge, Michael McDermott, der Sprecher des US-Außenministeriums. Die Militärgouverneure werden ihre Empfehlungen nach Moskau weiterleiten, wo die endgültigen Beschlüsse gefaßt werden sollen.

Ostmark in ganz Berlin?

Gut unterrichtete Beobachter nehmen an, daß es sich in der Währungsfrage darum handelt, in ganz Berlin die Ostmark unter Vier-Mächte-Kontrolle einzuführen.

Es läßt sich nicht feststellen, ob in Moskau bereits eine bindende Übereinkunft erreicht worden ist, so daß die Militärgouverneure lediglich die Durchführungsmaßnahmen zu treffen hätten, oder ob die Vertreter der Besatzungsmächte nur die allgemeine Anweisung erhalten haben, die beiden genannten Probleme zu besprechen. Unterrichtete Kreise vermuten allerdings, daß in Moskau bisher wenig erreicht wurde, und daß die Verhandlungen tatsächlich nur auf eine niedrigere Ebene verlegt worden sind, ohne die feste Maßgabe, daß in Berlin ein Ergebnis erzielt werden muß. Diese Kreise glauben an die Möglichkeit des Scheiterns der Berliner Besprechungen.

Ein ergebnisloser Ausgang der Berliner Konferenz wäre nach ihrer Ansicht weniger beunruhigend, als wenn die drei Botschafter in Moskau ihre Gespräche mit Molotow ergebnislos beenden müßten, und ließe weitere Versuche zur Verständigung offen. Andere Kreise sind jedoch der Meinung, daß von den Militärgouverneuren praktische Abmachungen binnen kurzer Frist verlangt worden sind.

In den Sitzungen am 31. August und am 1. September trafen sich die Militärgouverneure nicht in ihrer Eigenschaft als Mitglieder des Alliierten Kontrollrates, sondern lediglich als Vertreter ihrer Länder.

An den ersten Besprechungen nahmen ungefähr 30 hohe Beamte der vier Militärregierungen teil. Die amerikanische Delegation bestand aus General Clay, seinem Stellvertreter, General George P. Hays, Botschafter Robert D. Murphy, Finanzberater Jack Bennet, dem Leiter der Eigentumsabteilung Hawkins (der den Leiter der Wirtschaftsabteilung Lawrence Wilkinson vertrat), dem Generalsekretär des Stabes von General Clay, James King, und zwei Dolmetschern. Die britische Militärregierung war durch General Robertson, seinen Stellvertreter, Generalmajor Nevil Brownjohn, den Leiter der politischen Abteilung, Steel, den Leiter der Wirtschaftsabteilung, Sir Cecil Weir, sowie durch verschiedene Finanzexperten und Dolmetscher vertreten.

Marschall Sokolowskij, sein Stellvertreter, Generalleutnant Michail Dratwin, der politische Berater, Botschafter Semeonow, Oberst Kudriatsew als Vertreter der Propagandaabteilung, der Chef der Finanzabteilung, Maletin, und einige andere Experten kamen als sowjetische Delegierte. Von der französischen Militärregierung waren General Koenig, General Babst, Botschafter Jacques Tarse de St. Hardouin und Wirtschafts- sowie Finanzfachleute erschienen. Mitglieder der Militärregierungen, die sonst den Sitzungen des Kontrollrates als Beobachter beiwohnen, wurden nicht zugelassen.

Man nimmt an, daß die erste Sitzung sich darauf beschränkte, den Arbeitsplan für künftige Besprechungen festzulegen. Wie aus einer Quelle verlautet, ist geplant, zwei Ausschüsse einzusetzen, die sich einmal mit Finanzfragen, zum anderen mit den die Aufhebung der Blockade betreffenden Fragen befassen sollen.

West-Politiker besorgt

Maßgebliche nichtkommunistische Politiker in Berlin betrachten die Besprechung mit Sorge. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß die Einführung der Ostwährung in Berlin, selbst unter Vier-Mächte-Kontrolle, den Sowjets eine große finanzielle und wirtschaftliche Machtposition einräumen würde. Sie weisen darauf hin, daß die Sowjets die Ausgabe der Ostmark kontrollieren. Selbst wenn genaue Bestimmungen über die Finanzkontrolle in Berlin festgelegt werden würden, würde es den Sowjets immer noch möglich sein, der Stadtverwaltung durch ein Veto die nötigen Gelder vorzuenthalten und so die Behinderung der gewählten Stadtregierung fortzuführen. Des weiteren weisen diese Politiker darauf hin, daß bei einer Aufhebung der Blockade nicht auf den Status quo von Anfang Juni, sondern viel weiter zurückgegriffen werden müßte. Sämtliche Behinderungen des deutschen und alliierten Personen- und Güterverkehrs müßten wegfallen. Die deutschen Kreise glauben nicht, daß die Sowjets bereit sind, solche weitgehenden Zugeständnisse zu machen.

Durch die Wiederaufnahme der Vier-Mächte-Beratungen ist das seit Monaten verlassene Kontrollratsgebäude wieder belebt. Ungefähr 50 alliierte Korrespondenten halten sich während der Besprechungen in den Gängen und den Büros auf. Sowjetische Pressevertreter sind allerdings nicht anwesend. Ihr Fehlen wurde durch einen sowjetischen Offizier mit den Worten erklärt: "Warum sollten sie auch hier sein? Es wird ihnen schon gesagt werden, was passiert ist." Vor dem Gebäude des Kontrollrates fanden sich während der Sitzungen 200 bis 300 Berliner ein, die die An- und Abfahrt der großen Wagen neugierig beobachteten.

Es hat allerdings den Anschein, als ob diese zufälligen Zuschauer weniger an der Politik, die innerhalb des Gebäudes gemacht wird, interessiert sind, als an dem Aufwand von Wagen und hohen Offizieren, der dazu gebraucht wird. Ein Dena-Reporter will sogar gehört haben, wie verschiedene Schaulustige das erste Treffen der Militärgouverneure seit dem 21. März dieses Jahres mit den Worten kommentierten: "Jetzt geht das Theater wieder los."

Entscheidung fällt in Moskau

Moskau (AP). - Obgleich wichtige Themen der Vier-Mächte-Verhandlungen über Deutschland jetzt in Berlin zur Diskussion stehen, wird die Entscheidung in Moskau gefällt werden. Ob es während der Beratungen der Militärgouverneure in Berlin zu neuen Konferenzen im Kreml kommt, steht noch nicht fest. Die erste Phase der Moskauer Verhandlungen gilt nunmehr als abgeschlossen.

Die letzte Konferenz der Beauftragten der Westmächte mit Außenminister Wjatscheslaw M. Molotow und seinem Stellvertreter Andrej Wyschinskij fand am Abend des 30. August statt. Die Sitzung dauerte zwei Stunden und zehn Minuten; sie war eine der kürzesten. François Seydoux, der politische Berater General Koenigs, der während der Moskauer Besprechungen den französischen Botschafter Yves Chataigneau unterstützte, flog, wie Reuter meldet, am 31. August von Moskau nach Berlin. AP zufolge ist anzunehmen, daß er den drei Militärgouverneuren der Westzonen Informationen überbrachte. Seydoux wird in Kürze in Moskau zurückerwartet.

Realismus in London

London (DENA/Reuter). - Hiesige Beobachter gaben sich keinen Illusionen über die Schwierigkeiten hin, die noch zu bewältigen sind, bevor man an eine neue Inangriffnahme des Deutschland-Problems durch die Besatzungsmächte denken könne. Es sei naiv, anzunehmen, daß die Lage in Berlin ohne weiteres normalisiert werden könne, selbst wenn alle interessierten Parteien dies aufrichtig wünschten. Nach Ansicht dieser Beobachter habe der Kreml seine Absicht nicht aufgegeben, die westlichen Alliierten zur Preisgabe ihrer westdeutschen Pläne und des wirtschaftlichen Wiederaufbaus Westeuropas zu überreden.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform, Verhandlung, Konferenz
Aktualisiert am: 06.02.2006
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