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Artikel

04.09.1948 | Die Neue Zeitung

Blockierte Stadt hat zwei Gesichter

Eindrücke eines ausländischen Besuchers in Berlin

Berlin (OFNS). - Auf den ersten flüchtigen Blick scheinen in Berlin zwischen dem sowjetischen Sektor und den Westsektoren nur geringe Unterschiede zu bestehen. Es sind die gleichen Ruinen, die gleichen toten Straßen, die gleichen müde aussehenden Hausfrauen, die gleichen Gruppen deutscher Polizisten an den Straßenecken, und nur die Russisch und Deutsch geschriebenen Straßennamen zeigen, daß man die unsichtbare Grenze überschritten hat. Diese Grenze ist jedoch sehr realer Natur, und das Leben hüben und drüben ist voneinander so verschieden - obgleich es sich in jedem Fall innerhalb der Grenzen einer einzigen Stadt abspielt - wie das Leben zweier verschiedener Staaten mit entgegengesetzten politischen und wirtschaftlichen Systemen.

Neulich stattete ich Pankow im Ostsektor einen Besuch ab, und ehe ich das im britischen Sektor gelegene Charlottenburg verließ, empfand ich bereits die Spannung, die immer mehr von mir Besitz ergriff. Eine Deutsche, Frau H., begleitete mich, um für die Ehrlichkeit meiner Absichten zu garantieren, da man im Sowjetsektor im Gegensatz zum übrigen Berlin Ausländern, über deren Identität man nicht vollkommen sicher ist, nur sehr zögernd antwortet. Frau H. hatte vier Monate in einem sowjetischen Gefangenenlager verbracht, weil man sie infolge ihrer Beherrschung der russischen Sprache als Spionin verdächtigt hatte, und ihr Gatte war 1946 von einem betrunkenen Russen erschossen worden. Sie war also sehr gut in der Lage, meine Vorsichtsmaßnahme zu verstehen.

Durch die Hintertür

Der deutsche Fahrer unseres britischen Wagens hegte ebenfalls Furcht über das Schicksal, das seinem Fahrzeug möglicherweise bevorstehen könnte, erklärte sich dann aber einverstanden, uns zu fahren. Da ein Wagen mit dem Union-Jack im Zentrum des sowjetischen Sektors vielleicht in unnötiger Weise Aufmerksamkeit erregt hätte, machte er einen großen Umweg durch den französischen Sektor, um gewissermaßen durch eine "Hintertür" in das sowjetisch besetzte Gebiet zu kommen; vorher versicherte er sich jedoch, daß wir alle unser Westgeld hatten verschwinden lassen, denn im Ostsektor ist der Besitz solcher Scheine ein strafbares Vergehen.

Wir ließen den Wagen in einiger Entfernung von unserem Ziel halten (denn für die Einwohner des Ostsektors ist es nicht immer ratsam, ganz offen Beziehungen zum britischen Sektor zu pflegen) und besuchten als ersten Herrn S., einen Geschäftsmann, der sein ausgebombtes Geschäft jetzt in einer Erdgeschoßwohnung in einem Wohnviertel betreibt. Frau H. läutete - das ist etwas, was man im Westsektor nicht tun kann, da es am Tage und in der Nacht nur je zwei Stunden Strom gibt. Herr S. war noch nicht da, und so unterhielten wir uns zunächst mit seinen Angestellten. Trotz des "Chaos" und "Hungers" in den Westsektoren, von dem man im Ostsektor unter beachtlichem Rühren der Propagandatrommel spricht, beneideten uns diese jungen Frauen und Mädchen, daß wir in Charlottenburg wohnten. Sie erzählten uns, daß sie, obgleich sie im großen und ganzen gesehen gewisse Gemüsearten und so weiter im sowjetischen Sektor leichter, aber in schlechterer Qualität bekämen, doch keine Trockenkartoffeln und andere "Luxusartikel" der Westsektoren erhielten und daß sie sich letzten Endes ja immer vor Augen halten müßten, daß die Lebensmittel, die ihnen die Sowjets zuteilten, den hungernden Deutschen der übrigen Ostzone entzogen werden.

Inzwischen war Herr S. gekommen, und es stellte sich heraus, daß er Halbjude war; als ich ihn über seine Einstellung zum Leben im russischen Sektor Berlins fragte, erklärte er mir: "Ich habe zwölf Jahre Naziherrschaft hinter mir, unbefürchtend das müßte genügen, sollte man meinen. Was mich betrifft, so besteht der einzige Unterschied zu der damaligen Zeit darin, daß ich heute für antisozial gehalten werde. Und dies nicht, weil ich Jude, sondern Angehöriger des Mittelstandes bin. Wir müssen noch genau so , nachts aus dem Bett geholt zu werden, es besteht noch die gleiche Unsicherheit, und es gibt noch die gleichen schlechten Menschen, die sich als Denunzianten betätigen. Nur eines ist besser geworden: damals waren viele irregeführte Menschen mit dem Regime zufrieden, heute ist dies fast niemand."

Diesem Gedanken, den Herr S. hier aussprach, begegnete ich bei fast allen meiner Besuche. In einer Stadt, die sogar während der Zeit des Nationalsozialismus einen beachtlichen Teil kommunistisch eingestellter Bevölkerung besaß, gibt es fast keine Kommunisten mehr. Ehemalige KPD-Mitglieder sind schwer enttäuscht von einem Kommunismus, der jetzt die Maske abgenommen hat. Frühere Nazis, von ihrer ehemaligen Weltanschauung enttäuscht, sehen, daß man nur zu leicht eine Parallele ziehen kann, und die anderen, die sich keiner dieser beiden "Ismen" verschrieben haben, wollen weiter nichts als Stabilität, Sicherheit, Frieden und das Recht, das aussprechen zu dürfen, was sie denken.

"Wieder in die Freiheit"

Wenn das deutsche Sprichwort wahr ist, daß die Menschen meistens von dem reden, was für sie unerreichbar ist, dann ist es bezeichnend, daß im östlichen Berlin dieser Wunsch nach politischer Stabilität, Normalisierung und Freiheit sogar das alles beherrschende Thema Ernährung in den Schatten stellen kann.

Die Ostberliner weisen immer wieder darauf hin, daß die Verhältnisse im sowjetischen Sektor Berlins sich von denen in der Ostzone noch weitgehend unterscheiden. Sogar die wenigen Kommunisten, auf die ich stieß, gaben zu, daß in der Ostzone die Neuorganisierung der Landwirtschaft nach dem Zerschlagen der großen Güter auf dem Kleinbauern lastet. Sie behaupten, daß dieser Prozeß notwendig sei, um auf die Umerziehung der Bevölkerung zum Kollektivismus hinzuarbeiten; die Deutschen im Ostsektor können hierauf nur antworten, daß diese Rechnung nicht stimmt, und daß die Kleinbauern, die nur daran interessiert sind, sich und ihre Familie zu ernähren, den großen Stadtmärkten nur einen Bruchteil ihrer Erzeugnisse zuführen. Schließlich beklagten sich die Einwohner des sowjetrussischen Sektors darüber, daß die Kontrolle der Bürokratie noch größer als unter Hitler sei. Vielleicht machte die für mich aufschlußreichste Bemerkung unser Chauffeur, als er vor der Brücke, die zum französischen Sektor führt, noch einmal Gas gab, tief aufatmete und sagte: "Wieder in der Freiheit." Ist denn das Leben in den Westsektoren so viel besser? Vom Standpunkt der Lebensbedingungen und Wirtschaft aus gesehen, nein. Ein Angestellter im britischen Sektor verdient im Monat durchschnittlich 250 Mark netto, von denen 25 v. H. in Westgeld und 75 v. H. in Ostgeld ausgezahlt werden. Er kann seine Steuern, Sozialversicherung, Miete, Lebensmittelzuteilungen, Wäsche und Schuhreparaturen, elektrischen Strom und Gas (so weit diese verfügbar sind) sowie das Fahrgeld auf den Verkehrsmitteln in Ostgeld bezahlen. Für alles andere benötigt er Westmark - für das zusätzliche Gemüse, das er sich besonders dann kauft, wenn er verheiratet ist und Kinder hat, für Kaffee, Zigaretten und so weiter. Er kann sich weder ein Glas Bier noch neue Kleidung leisten. Gegenwärtig muß er auch für Medikamente mit Westgeld bezahlen, obgleich man jetzt Vorbereitungen trifft, in dieser Hinsicht eine Änderung herbeizuführen.

Man könnte sich vorstellen, daß er es aus diesem Grunde vielleicht vorzieht, im Sowjetsektor zu wohnen, wo es wenigstens nur eine einzige Währung gibt. Er wohnt aber lieber im Westen.

Luftbrücke verleiht Sicherheit

Als ich eines Abends bei flackerndem Kerzenlicht im Zimmer meiner Gastgeberin, Frau W., saß, die in der Nähe des Kurfürstendamms im meist stromlosen britischen Sektor lebt, hörte ich einer Gruppe von Leuten zu, die sich über das ganze Thema unterhielten. Frau W., die selbst von der Gestapo verhaftet worden war und deren Gatte gegenwärtig von der MWD (sowjetischer Geheimdienst) festgehalten wird, zog natürlich ein Leben in der westlichen Welt vor; sie war aber nicht die einzige, die dies tat. Alle waren sich darüber einig.

Der Chauffeur, der mich durch die dunklen Straßen zurückfuhr, rundete das Bild ab. Ich sagte zu ihm: "Kein Strom", und er antwortete: "Kein Strom und keine Sowjets ist immer noch besser als umgekehrt." Ein großes Flugzeug dröhnte über uns in der Dunkelheit, und er fügte hinzu: "Solange wir dieses Brummen hören, fühlen wir uns sicher."

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: J. Halcro Feguson
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Alltag, Mensch
Aktualisiert am: 06.02.2006
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