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Artikel

08.09.1948 | Berliner Zeitung

Ein Beispiel ruft zur Tat

Stumm-Polizei tatenlos gegen den Schwarzen Markt in Westberlin

Daß ein Krimineller, der sich durch eine Flucht in die Zone, oder noch weiter, keineswegs der Verfolgung entziehen würde, nichts weiter braucht, als eine halbe Runde um den Potsdamer Platz zu laufen, um dann der Polizei, der Bevölkerung und den Besatzungsmächten eine Nase drehen zu können, wäre nicht nur möglich, sondern ist auch schon ausgenutzt worden. Mögen auswärtige Besucher mit ironischem Humor darüber berichtet haben, dem Berliner bleibt leider auch der Ernst dieser Situation nicht verborgen. Und wenn heute hinter den unnatürlichen Grenzen in unserer Stadt unzählige lichtscheue Elemente sicherer denn je im trüben fischen, dann fragt er mit Recht, was wird hier gespielt?

Die Spaltung der Polizei hat jedoch sehr deutlich gezeigt, wo die Interessen der rechtschaffenen Bevölkerung gewahrt bleiben. Wer heute am Potsdamer Platz aus der U-Bahn steigt, den Bahnhof Zoo oder Friedrichstraße betritt, sieht sich nicht mehr von den leidigen Schwarzhändlern oder Geldwechslern belästigt. Denn hier hat mit eisernem Besen die Polizei des Ostsektors ausgekehrt. Razzien, plötzlich, durchgreifend und kurz hintereinander, waren das einfache Rezept, das die Schwarzhändler ihr einst unumstrittenes Domizil wie das Höllenfeuer meiden ließ. Es ist dabei nur bedauerlich, daß sie um so leichter auf das verlorene Territorium verzichten können, als ihnen doch wenige Schritte weiter wieder alle Freiheiten gewährt werden.

Vom Haus Vaterland z. B. angefangen, an jener Stelle des amerikanischen Sektors, wo die amerikanische MP mit ihren Jeeps auf "Zwischenfälle" zu warten pflegt, bis zum Askanischen Platz vor dem Anhalter Bahnhof, ist es fast nicht möglich, auch nur langsamen Schrittes die Stresemannstraße zu durchschreiten. Und die Polizisten, die sich ebenso geduldig durch das Gedränge schlängeln, wie die Schwarzhändler, ihrer ungeachtet, das ewige "Zigaretten, Zigaretten..., West gegen Ost..." brabbeln, machen eher den Eindruck, daß sie für Ruhe und Ordnung bei den "Geschäften" zu sorgen hätten, als daß es ihnen obläge, dagegen einzuschreiten. Das wäre ein Beispiel.

Am Zoo bietet sich das zweite. Hier hat sich das Gewoge der raunenden und ständig lauernd um sich blickenden Gestalten vom Bahnhofsgelände verzogen und sich unter den "Schutz" der Westpolizei begeben, wo es in der Hardenbergstraße zwischen Joachimsthaler Straße und Gedächtniskirche bis herum zu der Wechselstube am Kurfüstendamm und noch in einem Teil der Kantstraße mit dem Ausdruck seiner Unehrlichkeit und Arbeitsscheu dem dortigen Milieu das typische Gesicht verleiht. Die Polizisten hier ziehen es meist vor, sich in der sauberen Atmosphäre am S-Bahnhof aufzuhalten, für die die Bahnpolizei gesorgt hat. Dafür sind denn die Schwarzhändler ungestört unter sich.

Beide Beispiele können zweifellos nicht den Anspruch der Vollständigkeit erheben, sie sind jedoch typisch. Während die Polizei im Ostsektor die Notwendigkeit erkannt hat, in Härte und Konsequenz im Kampf gegen den Schwarzen Markt der Hartnäckigkeit seiner Vertreter zu entsprechen und danach zu handeln, vermag sich die Stumm-Polizei zu weiter nichts aufzuraffen, als daß sie achselzuckend erklärt, daß alles keinen Zweck hätte.

Man kann zunächst über den Weg zu einem gemeinsamen Ziel zweierlei Meinung sein. Dann aber nicht mehr, wenn die Praxis über den Wert der Ansichten bereits entschieden hat, wie es hier der Fall ist. Die Polizei verfügt nicht nur nach drei turbulenten Nachkriegsjahren über reiche praktische Erfahrungen, den neuerlichen Erfolg der Bahnpolizei und der Polizei des Ostsektors im Kampf gegen den Schwarzen Markt hat schließlich die Stumm-Polizei täglich vor Augen. Es ist dabei entweder verwunderlich, wenn sie daraus nichts lernt; denn es gäbe nichts natürlicheres und leichteres, als einem guten Beispiel zu folgen, oder aber es ist unerhört, wenn sich die abweichende Haltung der Stumm-Polizei von der rechtmäßigen letzten Endes damit erklärte, daß sie ganz andere Ziele verfolgt als jene, die das Interesse der arbeitenden Bevölkerung verlangt.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Alltag, Mensch, Schwarzmarkt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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