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Artikel

09.09.1948 | Die Neue Zeit

Berliner Bevölkerung ist empört

Drakonische Maßnahmen gegen die SED gefordert

Berlin (NZ). - In der Berliner Bevölkerung herrscht große Erregung über die neuen Versuche der Kommunisten, die Berliner zu terrorisieren. Es sind nicht allein die Demonstrationen und die Behinderung der Arbeit des Stadtparlaments, die den Mann auf der Straße empören - ähnliches war sowieso erwartet worden -, es ist vor allem das rigorose Vorgehen gegen nur mittelbar Beteiligte, das die Stimmung zum Sieden bringt.

Die Verhaftung der Journalisten und Magistratsordner im Stadthaus, die unter sowjetischer Bewachung gefesselt abtransportiert wurden, die Festnahme derjenigen, die sich in die Räume der alliierten Verbindungsoffiziere geflüchtet hatten, die tätlichen Angriffe gegen Bildberichte und Rundfunkreporter und schließlich die anmaßenden Fahndungsaktionen nach Besitzern von D-Mark auf den S-Bahnhöfen, die in den Westsektoren liegen - das gibt den Ausschlag. Überall in den Läden und Vorzimmern von Behörden, auf den Straßen und in den Verkehrsmitteln haben sich diskutierende Gruppen gebildet. "Berlin ist nahe am Platzen und es genügt ein Wort, um den aufgespeicherten Sprengstoff zur Entzündung zu bringen", sagte ein neutraler Beobachter. Man erwartet nunmehr drakonische Maßnahmen gegen die Kommunisten - zumindest in den Westsektoren - und rechnet damit, daß sich Tumulte im Stadthaus auch auf die alliierten Besprechungen in Moskau auswirken.

Umzug nach Westen gebilligt

Wenn jedoch der Wechselkurs der D-Mark als Stimmungsbarometer angesehen werden darf, so ist die Stimmung gerade jetzt wieder um eine Mark gestiegen: Die Wechselstuben, die zu Beginn der Viererbesprechung die Westmark in Berlin gegen 2,10 Ostmark verkauften, müssen jetzt schon wieder 3,20 verlangen.

Die meisten Berliner sind weiter zufrieden, daß sich das Stadtparlament endlich zu einem klaren Entschluß durchgerungen habe und in einen Sektor gezogen sei, wo es seine Arbeit wieder aufnehmen könne. Keiner glaubt jedoch, daß es möglich sein wird, im Ostsektor noch einmal zu einer Sitzung zusammenzutreten. "Wenn das neue Stadthaus allein von den Russen beherrscht werden soll, haben die Deutschen dort nichts zu suchen", erklärte der gewählte Oberbürgermeister von Berlin, Professor Ernst Reuter, einem Vertreter des "Tagesspiegels" zu den Vorgängen im neuen Stadthaus. "Wenn die Stadtverordneten nicht dort tagen können, kann auch der Magistrat dort nicht arbeiten."

Jedenfalls ist die Bevölkerung nach wie vor entschlossen, ihre Freiheit nicht zu verkaufen. "Wir werden die Zähne zusammenbeißen und auch den Winter überstehen, wenn uns die Alliierten nicht im Stich lassen", erklärte ein Arbeiter der - wie üblich überfüllten - S-Bahn. Und schon macht sich eine neue Solidarität bemerkbar: Man ist bestürzt, daß sich die Verhaftungen Unschuldiger - Praktiken, die man mit der Hitlerzeit überwunden glaubte - jetzt schon wieder in so großem Maße wiederholen, und die Anregung einer Berliner Tageszeitung, einen Hilfsfonds zu schaffen, der die Angehörigen der im Stadthaus Verhafteten unterstützen solle, hat bereits lebhafte Zustimmung gefunden.

Scharfe Pressekommentare

Über die Hintermänner der gelenkten SED-Demonstration herrscht sowohl in der Bevölkerung wie in der Westpresse volle Übereinstimmung. "Das Verhalten der aufgehetzten Menge wäre bedeutungslos, wenn nicht dahinter deutlich die dirigierende Hand der sowjetischen Besatzungsmacht zu sehen wäre", schreibt die Zeitung "Der Abend". Die Berichte über die Tumultszenen werden überall in großer Aufmachung wiedergegeben. Fast jede Zeitung kann neue Steinchen zu dem Mosaik der kommunistischen Übergriffe hinzufügen. Die "Welt "berichtet, wie ihr Vertreter nach seiner Verhaftung versuchte, einen Polizeioffizier darauf hinzuweisen, daß er irrtümlich festgenommen worden sein müsse. "Sie haben schön zu warten, und Sie werden sich wundern, wie lange Sie warten können", erhielt er zur Antwort. Die verhafteten Reporter des "Tagesspiegel" und des "Sozialdemokrat" sind bis zum Abend des folgenden Tages noch nicht wieder freigelassen worden.

Während die Haltung der Berliner Bevölkerung dem Osten gegenüber sich weiter versteift, ist es aber auch im Zusammenhang mit den letzten Berliner Zwischenfällen zu einer scharfen Kritik an dem angeblich zu passiven Verhalten der Westmächte gekommen. So schreibt der "Sozialdemokrat", das Organ der SPD, der in Berlin stärksten Partei:

"Es ist ein Trauerspiel, was hier in Berlin vor den Augen der gesamten Welt aufgeführt wird. Obwohl die Westmächte alle Chancen haben, aufmunternd und wärmend auf die Demokraten zu wirken, die sich hinter dem eisernen Vorhang befinden, und damit eine Möglichkeit besitzen, den Ostblock zum Einsturz zu bringen, tun sie es nicht. Es fehlt ihnen der Mut, alle diese Chancen zu nützen. Genau so wie ihren Vorgängern der Mut fehlte, das Hitlersystem zu beseitigen, so lange das mit diplomatischen Mitteln noch möglich gewesen wäre. Sie erklären zwar, alles zu tun, um der Welt den Frieden zu erhalten, tun aber wirklich alles, um das Unheil heraufzubeschwören."

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeit, Autor: Horst Falk
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform
Aktualisiert am: 06.02.2006
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