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09.09.1948 | Die Neue Zeit

"Grenzstadt" Helmstedt - heute

An einem Tag 136 legale, 1400 illegale Grenzgänger

Helmstedt. (NZ) - Helmstedt war eine Stadt wie jede andere. Es teilt heute mit vielen Städten, Flecken, Dörfern, Siedlungen das gleiche Schicksal, im Herzen eines Landes Grenzstadt zu sein. Man merkt es ganz plötzlich. Eben noch zeigt ein Schild neben der Autobahn: "Nach Berlin 189 km." Hundert Meter weiter springen zwanzig bepackte armselige Gestalten von einem Lastwagen und schlagen sich seitwärts in die Büsche, an die "Grüne Grenze". Nicht etwa hastig oder heimlich. Es sind größtenteils regelmäßige, professionelle Grenzgänger.

Weitere hundert Meter: Ein Schlagbaum quer über die Autobahn. Ein Amerikaner hebt ihn, bevor man angehalten hat. Die Amerikaner interessieren sich nur für Ausländer. Zwei Minuten später die endgültige Grenze. Ein britischer MP, zwei deutsche Polizeibeamte, zwei Häuschen, sonst nichts. Sechzig Meter weiter auf der anderen Seite: 32 schwerbewaffnete Rotarmisten und rund ein Dutzend deutscher Polizeibeamten. Sie halten von den 75 bis 80 Männern, Frauen und Kindern, die die Grenze täglich in beiden Richtungen mit ordnungsgemäßen Papieren passieren, etliche fest und schicken rund ein Viertel wieder zurück.

Die legale Übergangsstelle ist langweilig. Interessanter als an der Autobahn ist es an dem Schienenstrang nach Berlin. Zwei lange Güterzüge, mit Lebensmitteln und Kohle beladen, und etliche Lokomotiven stehen startbereit. Das Zugpersonal redet über die Moskauer Besprechungen. Sie wissen von ihren Kollegen, daß die Strecke nach Magdeburg wieder intakt ist. Sie wollen wissen, daß sie es immer war.

Keine Reise ohne Einpuderungsschein" ist Helmstedts peinliches Willkommen am Bahnhof. Nur Reisende aus dem Osten sollen sich entlausen lassen. Die Wandernden tragen deutliche Spuren ihrer Gewaltmärsche. Bis vor kurzem war Dreileben-Drakenstedt die nächste Bahnstation in der Sowjetzone, am Bahndamm entlang etwa 32 Kilometer entfernt. Neuerdings hat man nur 25 Kilometer zu laufen bis nach Eilsleben.

Die Illegalen von West nach Ost und umgekehrt gehen durch den Forst. Zwischen dem englisch besetzten Helmstedt und der russisch besetzten Ortschaft Beendorf ist es auf den letzten paar hundert Metern vor der Grenze totenstill. Gras wächst auf der Straße. Kein Schlagbaum, keine englische Sperre, nur ein alter Autobus ist von den Russen quer über die Straße gezogen worden. Das Polizeikommando von Helmstedt hat mit 200 Mann 83 Kilometer Zonengrenze zu bewachen. Einmal haben die Russen zwei Beamte abgefangen, drei Tage eingesperrt, ausgefragt und mit ihren Waffen wieder zurückgeschickt. Seitdem besteht kein offizieller Kontakt mehr zwischen deutscher Polizei des Westens und deutscher Polizei des Ostens. Der inoffizielle, heimliche Kontakt kompliziert für beide Teile die Suche nach Verbrechern, die sich unter den täglich rund 1400 illegalen Grenzgängern (so weit man sie zählen kann) befinden könnten. "Ich bringe jeden um, ob Deutschen, Engländer oder Russen, der mich daran hindert, meine drei Kinder aus Weißenfels zu holen", droht einer von den 1400.

In einem großen Gasthaus zwischen Helmstedt und Beendorf ist eine der Grenzpolizei-Außenstellen. Ein Illegaler mit einem unscheinbaren Köfferchen ist festgenommen. Ein Polizeiinspektor zückt ein Taschenmesser, um den möglicherweise doppelten Boden aufzuschlitzen. Das kleine illegale Männlein wird sehr lebhaft und redet von Schadenersatz und so. Der Inspektor macht den Schnitt: Ergebnis 36 000 Westmark.

"Im großen und ganzen ist es ruhiger geworden seit der Blockade", meint einer der Polizisten. Auf der Autobahn passierten am Tage 23 Kraftfahrzeuge mit 51 Insassen und 83 Fußgänger die Grenze nach Osten, 15 Kraftfahrzeuge mit 27 Insassen und 53 Fußgänger nach West die legale Schleuse an der Autobahn von Hannover nach Berlin. Ob die Zahlen steigen oder noch mehr fallen werden, wird nicht in Helmstedt, sondern in Moskau entschieden.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeit
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Statistik, KFZ, Eisenbahn, Grenze
Aktualisiert am: 06.02.2006
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