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Artikel

11.09.1948 | Die Neue Zeitung

Hunderttausende demonstrierten für Freiheit

Berlin warnt vor "faulen Kompromissen" - Tumulte gegen Kommunisten - Sowjets schießen

Berlin (NZ). - Mit dem Ruf "Freiheit für den Ostsektor" versammelten sich am 9. September Hunderttausende von Berlinern auf dem Platz der Republik vor dem alten Reichstagsgebäude zu der größten deutschen Kundgebung seit Kriegsende. Acht kurze Ansprachen von Arbeitern und Politikern wurden von dem Menschenmeer mit brausendem Beifall aufgenommen. Jeder Anwesende hob seine Hand als Zeichen der Zustimmung, daß den vier Militärgouverneuren ein Memorandum der drei demokratischen Parteien über die gewaltsame Einschränkung der Berliner Selbstverwaltung, besonders im sowjetischen Sektor, überreicht werden sollte. Zehntausende der Demonstranten begleiteten die Parteivertreter, als sie zum Gebäude des Alliierten Kontrollrats zogen und dort das Schreiben den Verbindungsoffizieren der Besatzungsmächte übergaben. Gleichzeitig kam es an der britisch-sowjetischen Sektorengrenze, auf der Ost-West-Achse, beim Brandenburger Tor, Unter den Linden und hinter dem Reichstagsgebäude zu ersten Zusammenstößen zwischen Teilnehmern der Kundgebung und der durch Sowjetsoldaten verstärkten Ostsektoren-Polizei. Die Sowjets und die Ostpolizei machten von der Waffe Gebrauch. Ein Mann wurde getötet, fünf weitere Personen verwundet, eine Anzahl von Polizisten durch Steinwürfe der empörten Menge verletzt. Die rote Fahne auf dem Brandenburger Tor wurde von Jugendlichen heruntergerissen.

Sämtliche Westberliner Betriebe hatten am Tage der Kundgebung um 14 Uhr geschlossen. Die Bewohner ganzer Straßenblocks gingen geschlossen zum Platz der Republik. Fabriken und Verwaltungsstellen transportierten ihr Personal auf Lastwagen. Privatautos erschienen in langer Kette. Auf der Ost-West-Achse standen mehr als 500 Wagen aller Nationalitäten, Amerikaner, Engländer, Franzosen, Tschechen, Schweizer, Polen und Wagen aus der deutschen Ostzone, bei denen der Sicherheit halber das Nummernschild mit Zeitungspapier umwickelt war.

Eine Kompanie britischer Militärpolizisten und ein großes Aufgebot deutscher Polizei sorgten für Ordnung und riegelten insbesondere das sowjetische Kriegerdenkmal gegen deutsche Übergriffe ab. Obwohl zu Beginn der Kundgebung um 17.00 Uhr der Versammlungsplatz gedrängt voll war, strömten die Menschen noch eine Stunde lang heran. In den Fensterrahmen und auf dem Dach des Reichstagsgebäudes saßen Hunderte von Jugendlichen. In den Ruinen der Kroll-Oper und des ehemaligen Generalstabsgebäudes drängten sich Tausende von Zaungästen. Die Lautsprecheranlagen reichten nur dazu aus, einem Teil der Anwesenden die Reden zu übermitteln, so daß größere Gruppen sich um Autos mit Radiogeräten, um Amerikaner oder um Ausländer, die mit Koffergeräten ankamen, gruppierten.

Als erster Redner sprach der amtierende Bürgermeister von Berlin, Dr. Ferdinand Friedensburg: "Wenn ich hier diese überwältigende Kundgebung ansehe, dann gelüstet es mich, mit meinen Freunden zu beraten, ob wir nicht einmal eine gleiche Demonstration in der Gegend des Alexanderplatzes im sowjetischen Sektor veranstalten wollten."

Der Berliner Stadtverordnetenvorsteher Dr. Otto Suhr, der als nächster sprach erklärte, daß die SED nur zu den Methoden der Gewalt greife, weil sie mit ihren Ideen und Argumenten die Berliner nicht überzeugen könnte. "Sie würden keinerlei Erfolg haben, wenn sie nicht die sowjetische Macht hinter sich wüßten!"

Nach Suhr sprachen drei Redner aus den Reihen der Berliner Arbeiter. Nach einem von den Sowjets entlassenen Eisenbahner sprach ein Straßenbahnangestellter, und alle Anwesenden stimmten ihm begeistert zu, als er rief: "Der Winter mit seinen Sorgen steht vor der Tür, und trotzdem wird uns auch der stärkste Winter nicht auf die Knie zwingen."

Der Liberal-Demokrat Rudolf Markewitz, der anschließend sprach, erklärte, daß Berlin weder die Ostwährung haben wolle noch gewillt sei, sich der kommunistischen Diktatur zu beugen. Einer der sozialdemokratischen Verwaltungsbeamten des Ostsektors, der einige Stunden zuvor von den Sowjets aus seinem Posten entfernt worden war, hielt dann eine kurze Ansprache und fand begeisterte Zustimmung mit seinem Ruf an den Ostsektor: "Wir kommen wieder!"

"Der Kampf wird gewonnen"

Als letzter sprach der gewählte Oberbürgermeister Berlins, Professor Ernst Reuter. Die Verhandlungen der Alliierten, erklärte er, befänden sich augenblicklich auf dem toten Punkt, und das sei die beste Zeit, daß das Volk von Berlin seine Stimme erhebe. "Uns kann man nicht verhandeln und verkaufen. Es ist unmöglich, auf dem Rücken einer so tapferen Bevölkerung faule Kompromisse zu schließen"...

"Wenn sie nur könnten, stünden auch heute die Menschen von Halle, Leipzig, Magdeburg und der ganzen Ostzone wie wir auf ihrem Platz und würden unseren Kampf unterstützen." Die Völker der Welt könnten auf die Berliner bauen, so schloß er seine Rede, und das Volk von Berlin könne gewiß sein, daß der Kampf gewonnen werde.

Die Kundgebung auf dem Platz der Republik war um 18.30 Uhr vorbei, und die Teilnehmer strömten auf den schmalen Wegen zwischen den Schrebergärten auseinander. Am Brandenburger Tor staute sich die Menge. Diskussionsredner der kommunistischen FDJ erschienen und hielten Propagandareden. Die Umstehenden lachten sie aus und forderten sie auf, "recht schnell nach Sowjetrußland zurückzukehren."

Mit Steinen gegen die Sowjets

Gerade in diesem Moment kam ein sowjetischer Jeep mit mehreren bewaffneten Soldaten durch das Brandenburger Tor, um an dem im britischen Sektor gelegenen sowjetischen Kriegerdenkmal die Postenablösung vorzunehmen. Pfuirufe und Pfiffe ertönten. "Was haben sie hier zu suchen? Sie sollen in ihrem Sektor bleiben" - wurde gerufen. Die sowjetischen Soldaten hoben ihre Waffen, die mißbilligenden Rufe steigerten sich zum Orkan, Steine flogen, die Schutzscheibe des sowjetischen Wagens wurde getroffen.

Britische Militärpolizei eilte herbei und bahnte dem sowjetischen Wagen einen Weg zu dem Denkmal. Mehrere sowjetische Soldaten eilten aus der Wache des Denkmals herbei und deuteten mit ihren Maschinenpistolen auf die Menschenmenge. Von deutscher Seite wurden die Rufe lauter und Steine flogen wieder. Dann drängten deutsche Polizisten zusammen mit britischer Militärpolizei die Demonstranten ab, und ein britischer Hauptmann verhandelte mit den Sowjets und forderte sie auf, alle Drohungen mit der Waffe zu unterlassen.

Wenige Minuten später konnten die Zuschauer sehen, daß die rote Fahne auf dem Brandenburger Tor plötzlich verschwunden war. Zwei Jungen waren hinaufgeklettert, hatten sie entfernt und brachten sie herunter, wo dann die Menge die rote Fahne in Fetzen riß. Andere Kundgebungsteilnehmer zogen mit SPD-Fahnen Unter den Linden in den sowjetischen Sektor. Sie warfen ebenfalls Steine auf sowjetische Wagen und pfiffen sowjetische Soldaten aus. Bereitschaftstruppen der Ostsektorenpolizei wurden auf Lastwagen herangeschafft. Schüsse fielen. Die Polizei begann zu prügeln. Die Menge warf wieder Steine.

An der Sektorengrenze unmittelbar hinter dem Reichstag zogen Mitglieder der FDJ einen Westpolizisten aus dem britischen Sektor auf sowjetisches Gebiet und übergaben ihn der Ostpolizei. Versuche der Markgraf-Polizisten, die Menge zu zerstreuen, blieben erfolglos. Die Erregung über die Verhaftung war groß. Wieder wurden Steine geworfen. Ein Oberkommissar feuerte daraufhin mehrere Schüsse knapp über die Köpfe der Demonstranten ab. Der Pariser Platz wurde hermetisch abgeriegelt. Die Menge war aber noch nicht beruhigt, und jetzt schoß die Polizei wieder und traf fünf Personen. Größere Gruppen wurden festgenommen und auf Lkw's abtransportiert; einer wurde getötet.

Beifall für die Briten

Nach dem Herunterholen der Flagge verdichtete sich das Gedränge vor dem Brandenburger Tor. Wieder ertönten Pfuirufe gegen die dort stehende Militärpolizei, bis plötzlich aus der Maschinenpistole eines sowjetischen Sergeanten Mündungsfeuer aufblitzte. Die Massen flüchteten von der Straße in den Tiergarten, während britische Militärpolizei in dichter Kette gegen das Brandenburger Tor vorrückte. Es wurde Beifall geklatscht. Die Menge wurde von dem Vorplatz in den Tiergarten und in die Stresemannstraße abgedrängt. Inzwischen verhandelten britische und sowjetische Offiziere am Brandenburger Tor.

Gegen 19.15 Uhr waren auf der Ostseite des Brandenburger Tors acht sowjetische Jeeps und mehrere Zweitonner aufgefahren. Kriminalbeamte der Ostpolizei waren anwesend, um sämtliche Passanten zu beobachten. Russische Soldaten brachten eine neue rote Fahne an der Quadriga auf dem Brandenburger Tor an, die alte Fahnenstange blieb aber leer.

Wiederum versuchten am Reichstag zwei sowjetische Offiziere zwei Westpolizisten in ihren Wagen zu zerren. Die Polizisten schlugen um sich und konnten wieder freikommen. Britische Fahrzeuge kamen zu Hilfe und verfolgten den sowjetischen Jeep.

Um 19.45 Uhr war an der Sektorengrenze die Ruhe wieder eingetreten. Polizeigruppen blieben allerdings auf beiden Seiten der Straße in Bereitschaft. Nach dem Urteil von Beobachtern waren die Wiederherstellung der Ruhe sowie die Vermeidung von größeren Zwischenfällen der Überlegenheit und dem raschen Handeln der britischen Militärpolizei zu verdanken.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Enno R. Hobbing
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Demonstration, Protest
Aktualisiert am: 06.02.2006
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