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Artikel

14.09.1948 | Die Neue Zeitung

Unruhe in der Sowjetzone wächst

Leser berichten über den Hunger - Widerstandsgruppen entstehen

Berlin (NZ). - Der sowjetische Oberbefehlshaber Marschall Wassilij Sokolowskij hat befohlen, mit Wirkung vom 1. Oktober die Lebensmittelrationen in der Ostzone zu erhöhen. Die "Neue Zeitung" kündigte bereits in ihrer Nr. 67 vom 21. August 1948 diese geringfügige Rationserhöhung an. Ostzonenkorrespondent der "Neuen Zeitung" berichtete seinerzeit, daß man nicht wüßte, wie man den Plan realisieren solle, obwohl die Besserstellung täglich nur einen Teelöffel voll Zucker, eine Scheibe Brot und zwei mittelgroße Kartoffeln mehr bedeuten würde.

"Man trifft jedoch auf eine typische Weise Vorsorge", so hieß es in jenem Bericht, "das Versprechen der Form nach innezuhalten. Man spart jetzt einfach ein ... Menschen, deren Gärten auch nicht die geringste Möglichkeit zur Eigenversorgung bieten, sollen nicht einmal mehr die normalen Lebensmittelkarten erhalten ... Schwerarbeiter werden zu Arbeitern und Arbeiter zu Normalverbrauchern degradiert. Sollten diese Rationskürzungen dann einmal wieder ausgeglichen werden, so nennt man das "Verbesserung der Ernährung" und braucht im ganzen doch nicht mehr zu verteilen als vorher."

Briefe aus der Ostzone

Nichts kann wohl die Zustände in der sowjetischen Besetzungszone besser schildern, als die Briefe, die täglich aus der Ostzone in den Redaktionen der westlich lizenzierten Zeitungen eingehen. "Magdeburg ist seit vier Wochen ohne Fett", schrieb ein Leser der "Neuen Zeitung". "Ich überreiche Ihnen anbei die amtlichen Bekanntmachungen. Irgendwelcher Kommentar ist wohl überflüssig. In der ersten Dekade haben wir für die Fettmarken Mischsirup erhalten ... Dabei nehmen wir hier in Magdeburg infolge des Vorhandenseins von vielen sowjetischen Betrieben noch eine bevorzugte Stellung ein. In dem Ort Flechtlingen in der Letzlinger Heide zum Beispiel gibt es seit Monaten keine Fleischzuteilungen. Auf die anfallenden Marken ist bisher nur Speisequark aus Magermilch zur Auslieferung gelangt, dessen Hauptbestandteil Wasser ist."

Aus einem anderen Orte der Ostzone lief die Abschrift eines Briefes ein, dessen Absender ebenfalls auf die Hungersnot - das Problem Nr. 1 der Ostzone - eingeht. "Wir müssen hier buchstäblich verhungern. Wir haben keine Kartoffeln, kein Mehl, kein Fett, fast nichts zu essen, außer trockenem Brot und jede Woche zirka einem Pfund Gemüse mit Wasser gekocht. Fleisch seit drei Wochen keins.

Lebensmittel für Sowjets

Vom Lande ist nur zu Phantasiepreisen etwas zu erhalten. Ein Pfund Roggenmehl 6 Mark, ein Pfund Raps 12 Mark, ein Brot 35 Mark. Jetzt erhalten wir auf dem Papier in der Kartenstufe IV ungefähr 1100 Kalorien, und wenn man alles abzieht, was man nicht erhält - Fleisch, Fett und so weiter - dann bleiben, vielleicht 900 Kalorien übrig.

Was nach Berlin geschickt wird, wird uns entzogen. Alles Schweinefleisch wird in Büchsen eingekocht und ab nach Sowjetrußland. Das Weizenmehl auch. Ebenso die Textilwaren und Gebrauchsartikel. Für uns bleibt nichts mehr. Nur noch das langsame Sterben. Und die Kommunisten, diese Volks- und Landesverräter, finden dieses Leben, das uns die Sowjets bereiten, ganz in Ordnung!"

Diese Klagen wiederholen sich in Briefen aus allen Ländern der Ostzone. "Wir hier im Lande Brandenburg", schreibt ein Märker, "sind buchstäblich dem langsamen Hungertode ausgesetzt, und niemand macht sich auch nur annähernd einen Begriff davon, wie groß die Anzahl der Todesopfer ist, die die Hungerblockade gekostet hat."

"Ist es nicht menschlicher", fragt darum ein anderer, "diejenigen, welche ausgeschaltet werden sollen, mit einer amtlichen Giftpille zu versehen? Sehr wichtig erscheint mir, in aller Öffentlichkeit festzustellen, daß der Haß (gegen Sowjetrußland) nur noch vertieft wird und weiter um sich greift. Und ich glaube im Namen Unzähliger zu sprechen, wenn ich hier den Amerikanern und Engländern aus vollem Herzen Dank sage für die Gegenmaßnahmen, die sie wenigstens in Berlin ergreifen." Es scheint, als ob die Bewohner der Ostzone Mangel, Not und Elend auf sich nehmen würden, wenn sie in Freiheit leben dürften und wenn man ihnen vor allem Gedanken- und Meinungsfreiheit zubilligen würde. Die Klagen über die kommunistische Literatur, mit der sie ausschließlich gesättigt werden, nehmen nicht ab.

"Hier im Kreise Beeskow-Storkow und weiter nach Lübben, Kottbus, durften noch nie westlich lizenzierte Zeitungen verkauft, noch öffentlich gelesen werden. Wir haben eine Diktatur, wie sie nicht einmal im "Dritten Reich" bestand. Das Abhören des RIAS soll verboten sein. Wer erwischt wird, kommt in das Gefängnis und erhält Prügel... Durch losgeschlagene Nieren starb mancher ... Der Haß wächst riesengroß, selbst bei uns Frauen."

"Trotzdem ein ungeheurer Druck auf uns lastet", schreibt ein junger Mann, der sich als Leiter einer Widerstandsgruppe bezeichnet, "versuchen wir schon seit langem, eine Gemeinschaft gegen den Kommunismus und Bolschewismus entstehen zu lassen. Und heute können wir sagen, es ist geschafft. Die ersten Gruppen werden in Kürze ihre Arbeit aufnehmen. Es ist für uns natürlich schwierig, in einem Lande, wo hinter jeder Tür und jeder Wand ein Spitzel der NKWD oder der SED stehen kann, ohne jede Hilfe zu existieren. Wir wissen genau, daß wir vorläufig nur propagandistisch tätig sein können und in Kürze wird das erste Mitteilungsblatt für unsere Gemeinschaft herausgegeben werden. Diese Blätter sollen so weit wie möglich verbreitet werden. Einen Gruß vom schweren Kampf in der Zone des Schweigens, senden Ihnen die Kameraden der W.B.O (Widerstandsbewegung der Ostzone)."

Die Tätigkeit einer derartigen Widerstandsgruppe wird in der Öffentlichkeit meist nur durch die lakonische sowjetische Mitteilung bekannt, daß einige Saboteure wegen Zusammenarbeit mit dem Westen vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

In Wahrheit aber besteht das einzige Verbrechen dieser Männer darin, daß sie den kommunistischen Terror nicht länger untätig ertragen können.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Statistik, Alltag, Mensch, Hunger
Aktualisiert am: 06.02.2006
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