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Artikel

16.09.1948 | Die Neue Zeitung

Berliner Urteil löst Empörung aus

Proteste gegen Verbannung der fünf Demonstranten

Berlin (NZ). - Das Urteil des sowjetischen Militärgerichtes gegen die fünf Berliner, die von den Sowjets bei der antikommunistischen Demonstration am 9. Dezember aufgegriffen und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden waren, hat in der freien Welt eine Welle der Entrüstung ausgelöst.

Unter dem Motto "Berliner Urteil geht alle an", sagte der BBC-Kommentator, Seaton Anderson: "Die fünf jungen Berliner, die zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden sind, kenne ich nicht. Ich weiß nicht, ob sie tatsächlich an den Ereignissen am Brandenburger Tor, wo die Russen mit Steinen beworfen und eine russische Fahne heruntergerissen wurde, beteiligt waren. Aber ebenso wenig wissen es die Russen.

Sie haben keinen Beweis dafür erbracht. Sie haben den Angeklagten keine Gelegenheit gegeben, sich zu verteidigen. Sie haben es nicht gestattet, daß die angeblichen Augenzeugen einem Kreuzverhör unterzogen wurden. Die Verurteilten dürfen keine Berufung einlegen. Die Geständnisse, die ihnen die Russen in den Mund gelegt haben, sind offensichtlich falsch. Die Welt weiß, daß bei der antikommunistischen Demonstration in Berlin am vergangenen Donnerstag keine aufreizenden faschistischen Reden gehalten wurden.

Das Urteil ist unmenschlich. Das Arbeitslagersystem der Russen steht in keiner Weise zurück hinter dem System, das Hitler und Himmler mit den Konzentrationslagern geschaffen haben. Deshalb scheint es mir Spott und Hohn zu sein, wenn die Russen zur Ehrung der Opfer der ehemaligen Konzentrationslager Gedenkfeiern veranstalten ... Das Urteil verstößt gegen die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, also gegen etwas, das uns alle angeht."

Der Leiter der Rechtsabteilung bei der amerikanischen Militärregierung für Deutschland, Oberst Raymond, bezeichnete das Urteil als "schimpflich". Das Strafmaß stehe in keinem Verhältnis zur Straftat. In den USA werde ein solches Urteil gegen Mörder ausgesprochen, denen mildernde Umstände zugebilligt werden.

"Skandalös" und "unerhört" kommentierten maßgebliche Kreise der britischen Kontrollkommission den sowjetischen Richterspruch. Nach britischer Ansicht seien die Provokationen auf dem Platz der Republik nicht von den Demonstranten, sondern von sowjetischen Soldaten und von Ostpolizisten eingeleitet worden. Die Urteilsbegründung sei daher phantastisch.

Die "Stimme Amerikas" sagte: "Die Entrüstung, die man überall in Deutschland über dieses Urteil empfindet, wird hier in Amerika voll geteilt.

Aber lassen wir uns von unseren Gefühlen nicht dazu hinreißen, die nüchternen Tatsachen zu vergessen. Jedermann in und außerhalb Berlins weiß, daß dieses Urteil nicht eine Sühne für eine Ausschreitung gegen die Besatzungsmacht darstellt, sondern einen Racheakt und den Versuch, in kleinlichster und brutalster Weise Vergeltung zu üben. Trotzdem ist es wichtig, nun ruhiges Blut zu bewahren. Wichtig ist es auch, sich immer wieder vor Augen zu halten: Es geht in Berlin um mehr als um das Schicksal von Einzelpersonen, um mehr als um das Schicksal der Millionenbevölkerung dieser Stadt, es geht um nicht weniger als um den Weltfrieden." Auf der Tagung der SPD in Düsseldorf wurde durch den Vizepräsidenten des Parlamentarischen Rates, Adolph Schönfelder, die Absicht bekanntgegeben, den Parlamentarischen Rat zu einer Sondersitzung einzuberufen, auf der gegen die Verurteilung der fünf Jugendlichen Protest erhoben werden soll.

Der SPD-Parteitag hatte bereits vorher eine Resolution angenommen, in der es unter anderem heißt: "Der Parteitag nimmt mit Empörung und Abscheu von dem verbrecherischen Schandurteil der sowjetischen Militärjustiz gegen friedliche Demonstranten für Recht und Freiheit Kenntnis. Solange deutsche Kommunisten sich zu Handlangern der Sowjets machen, tragen sie die Verantwortung für diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Der Berliner Stadtverordnetenvorsteher, Dr. Otto Suhr, verlangte auf einer Protestversammlung der antikommunistischen Parteien und der "Unabhängigen Gewerkschaftsorganisation", daß ein internationaler Untersuchungsausschuß unter Teilnahme von deutschen Vertretern das sowjetische Urteil überprüfen solle.

Der jüngste der Verhafteten, der 16jährige FDJ-Angehörige Horst Stern, Sohn eines SED-Mitglieds, soll sich, wie am 15. September bekannt wurde, bei der Kundgebung auf dem Platz der Republik als kommunistischer Zwischenrufer betätigt haben. Seine Verhaftung erfolgte anscheinend ebenso irrtümlich wie seine Verurteilung. Die Namen der anderen Verurteilten: Reinhard Goeper, Dieter Linke, Günther Grans und Klaus Stiller. Sie sind 16, 18, 19, 22 und 40 Jahre alt.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Protest, Recht, Gericht
Aktualisiert am: 06.02.2006
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