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Artikel

18.09.1948 | Die Neue Zeitung

Neues Leben im Hamburger Hafen

60 000 deutsche Seeleute warten auf Heuer

Hamburg (DPD). - Die fünf Saugrohre der Getreideheber senken sich durch die Ladeluken in das Innere eines britischen Getreideschiffs der Liberty-Klasse, das in der Strommitte des Hamburger Ellerholz-Hafens an einem Dückdalben festgemacht hat. Nach wenigen Minuten fließt kanadischer Weizen mit zischendem Geräusch in die das Schiff umgebenden Schuten. Über 60 solcher Liegeplätze, das sind 89 v. H. der Vorkriegszeit stehen im Hamburger Hafen wieder zur Verfügung; jeder Getreideheber löscht etwa 130 Tonnen in der Stunde. In einem halben Tag wird eine Ladung von 7000 Tonnen bewältigt. 14 schwimmende Getreideheber gegen früher 27 sorgen dafür, daß nicht zuviel Hafentage die Wirtschaftlichkeit des Seeschiffes herabsetzen.

Der Begriff des "schnellen Hafens" ist in der Kaufmannssprache der Nachkriegszeit entstanden. Hamburg ist auf dem besten Wege, neben den großen Konkurrenten Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam ein "schneller Hafen" zu werden. 489 von ehemals 945 Stückgutkaikränen sind einsatzbereit. Ebenso warten acht landfeste und neun schwimmende Schwerlastkräne, darunter der gewaltige 90 Meter hohe 300-Tonnen-Schwimmkran, auf häufigere Verwendung. 26 Verladebrücken für Massengut und 9 schwimmende Kohlenheber erzielen Umschlagleistungen, die sich mit den Wettbewerbshäfen messen können. Hamburg beginnt wieder zu atmen; denn Hamburg belebt sich.

Zwar ist es noch ein weiter Weg bis zum Stande von einst. 2000 Häfen in allen Erdteilen wurden vor dem Krieg regelmäßig von Hamburg bedient. Heute muß Hamburg bedient werden. In guten Jahren liefen 18 000 Schiffe mit rund 22 Millionen Nettoregistertonnen den Hafen an. Im Jahre 1946 waren es 4,2 Millionen, 1947 6 Millionen, und 1948 hofft man auf 8 Millionen Tonnen zu kommen. Für 1950 sieht der Generalbauplan eine Leistungsfähigkeit von 70 v. H. des Umschlags von 1936 vor.

Die meisten der heute im Hamburger Hafen einlaufenden Schiffe aus aller Welt gehören zum Standardtyp der Victory- oder Liberty-Klasse mit einem Tiefgang von über 8 Metern. Da sie sehr leicht gebaut sind, dürfen sie keine Grundberührung haben. 1945 war nur der Kaiser-Wilhelm-Hafen mit 9 Metern Tiefe und einer 500 Meter langen Kaimauer in der Lage, den Nachschubverkehr der Alliierten aufzunehmen. Heute stehen für die Standardtypen im Kaiser-Wilhelm-, Kuhwäre- und Ellerholzhafen 2300 Meter Kaimauern. Das sind etwa 76 v. H. der Vorkriegszeit mit einer Wassertiefe von nahezu 10 Metern zur Verfügung. Der Hafen besitzt heute für den Stromzuschlag 2200 Schuten mit über 200 000 Tonnen Gesamtfassungsvermögen.

Deutschland lebt noch von der Hand in den Mund. Es bleibt noch nicht viel Ware für längere Zeit liegen. Aber für alle Fälle sind 270 000 qm Lagerfläche in den Lagerhäusern des Hamburger Freihafens wiederhergestellt. Mit 275 000 qm sind auch rund 40 v. H. der Kaischuppenflächen von 1939 aufnahmebereit. Durch ausgeschlachtete Verwendung des Materials der schwer getroffenen Schuppen anderer Hafenbecken entstanden sie in kürzester Zeit wie neu. Die meisten dieser Schuppen sind in der bisher üblichen Zimmermannskonstruktion erbaut. Nun ist das Holz knapp geworden. Daher werden im Kaiser-Wilhelm-Hafen 17 500 qm Schuppen in der modernen Eisenbeton-Schalenbauweise mit den charakteristischen Tonnendach gebaut. Auch die Fußböden sind aus Beton gegossen, was den Kaufleuten gar nicht gefällt, denn allzu leicht wird das kostbare Stückgut auf dem harten Boden beschädigt.

Kiefer und Fichte zur Verladung nach England bereit. Holz, Schrott, Kali und Salz sind heute wichtige Exportgüter. 1947 wurden für 15,3 Millionen Dollar Rohstoffe exportiert. Davon entfielen auf Holz allein 13,7 Millionen Dollar. Auch Maschinen, Farben, feinmechanische und optische Instrumente, Fahrräder, Chemikalien, Musikinstrumente und Spielzeug im Werte von 6,6 Millionen Dollar wurden bereits in den ersten Monaten dieses Jahres über Hamburg ausgeführt. Mehr als die Hälfte davon gingen nach Übersee. Die skandinavischen Länder, Italien, Spanien und Portugal erhielten nur wenig.

Anfang 1948 wurden deutsche Schiffsmakler wieder zugelassen. Sie haben den regelmäßigen Linienverkehr nach allen Häfen der Welt, der Hamburg vor dem Krieg zum zentralen Hafen Mitteleuropas machte, wieder aufgebaut. Der Erfolg war groß. Bis jetzt haben 50 ausländische Reedereien Überseelinienverkehr ab Hamburg eingerichtet. Es gibt schon wieder Routen nach Nord- und Südamerika, Afrika, Ostasien, Australien und den Mittelmeerländern. 29 Reedereien haben den Nord- und Ostseeverkehr aufgenommen. Unter ihnen sind auch vier deutsche Firmen, die ersten seit Kriegsende. Ihre Schiffe dürfen nach dem Potsdamer Abkommen 2000 BRT nicht übersteigen. Das größte Passagierschiff Deutschlands ist zur Zeit das zwischen Hamburg und Cuxhaven verkehrende M. S. "Jan Molsen". Unter dem Schiffspersonal des "Jan Molsen" machen ehemalige Handelsschiffskapitäne mit Patent für große Fahrt als Decksleute Dienst. Sie haben noch Glück. Viele der 60 000 Hamburger Seeleute, die der Krieg auf Strand gesetzt hat, sind Dockwächter im Freihafen oder klopfen in den Trümmern der Stadt Steine.

Ein Wiederaufbau der deutschen Volkswirtschaft ohne Berücksichtigung der Handelsflotte sei nicht denkbar, erklärte Professor Dr. Stödter vom Verband Deutscher Reeder vor der Hamburgischen Verwaltungsakademie. Zur Entspannung der ernsten Lage seien, wie der "Neuen Zeitung" weiter aus Hamburg berichtet wird, die Überlassung einer größeren Anzahl Liberty-Schiffe auf Charterbasis und die Aufhebung der Dollarklausel erforderlich. Gleichzeitig müßten alle Beschränkungen aufgehoben werden, denen der Neuaufbau einer deutschen Handelsflotte durch die Potsdamer Beschlüsse unterworfen sei. Wünschenswert sei ferner die Hebung größerer deutscher Schiffswracks. Den Kreditbedarf der heute noch tätigen 60 deutschen Reedereien schätzte Dr. Stödter auf etwa 20 Millionen D-Mark. Für die deutsche Küstenschiffahrt sei eine Tonnage von 400 000 an Stelle der veralteten 160 000 BRT der heutigen Restflotte erforderlich.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Schiff, Arbeit, Lohn, Statistik, Wiederaufbau, Handel, Transport, Hamburg, Verkehrswerkstatt, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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