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21.09.1948 | Die Neue Zeitung

Nun auch Zeitungskrieg in Berlin

SED zerreißt Westzeitungen - Kotikow will Vertriebsmonopol

Berlin (NZ). - SED-Mitglieder stürmten am Morgen des 18. September die Filiale des amerikanisch lizenzierten "Deutschen Verlages" in Berlin-Weißensee (sowjetischer Sektor) und zerrissen die dort liegenden Exemplare des "Tagesspiegels" und der britisch lizenzierten CDU-Zeitung "Tag". Sie drohten dem Filialleiter, daß sie sein Geschäft demolieren würden, falls er weiterhin westlich lizenzierte Zeitungen verkaufe. Kurz darauf lauerten sie einem Zeitungsfahrer auf und vernichteten die Exemplare der "Sie", die er der Filiale übergeben wollte.

Diese Zwischenfälle hängen mit einem Befehl des sowjetischen Generals Alexander Kotikow zusammen, der in Berlin, ähnlich wie in der Ostzone, die Bildung einer zentralen Zeitungsvertriebsgesellschaft vorsieht, die allein berechtigt sein soll, den Zeitungshändlern Gewerbegenehmigungen zu erteilen. Es sollen nur Zeitungen vertrieben werden, die mit der Gesellschaft einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen haben. Außer dem französisch lizenzierten "Kurier" und der britischen "Welt" haben es jedoch alle westlichen Berliner Blätter abgelehnt, auf dieses Ansinnen einzugehen.

Im Zuge dieser Maßnahme wurde am 18. September allen Zeitungshändlern auf den Berliner S-Bahnhöfen - die bekanntlich der sowjetischen Kontrolle unterstehen - die Lizenz mit der Maßgabe entzogen, sie bei der neugegründeten Vertriebsgesellschaft wieder zu beantragen. "Mißliebige" Händler sollen auf diese Weise ausgeschaltet werden.

Die Westberliner Zeitungshändler hatten zunächst eine Resolution gefaßt, die den Verkauf der Ostzeitungen im Berliner Westen untersagt. Sie hatten diesen Boykott jedoch schon am 16. September wieder abgebrochen und wollen ihn erst wieder aufnehmen, wenn ihre Gewerbefreiheit infolge des Kotikow-Befehls im Ostsektor tatsächlich eingeschränkt werden sollte. Ein Vertreter des Magistrats hatte es übernommen, mit dem sowjetischen Kommandanten über den ganzen Fragenkomplex zu verhandeln. Am gleichen Tag hatten jedoch zwei Postämter im Ostsektor in einer Belegschaftsversammlung den Beschluß gefaßt, westliche lizenzierte Blätter nicht mehr weiterzuleiten. Wie dazu aus dem sowjetischen Sektor mitgeteilt wurde, hatte der FDGB an alle Postämter im Osten Berlins die Anweisung gegeben, entsprechende Entschließungen zu fassen. Der Leiter für Post- und Fernmeldewesen beim Berliner Magistrat, Stadtrat Dr. Holthöfer, bezeichnete diesen Beschluß als eine schwere Pflichtverletzung. Die Postangestellten, die sich danach richteten, machten sich dabei eines Dienstvergehens schuldig.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
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Aktualisiert am: 06.02.2006
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