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Artikel

23.09.1948 | Berliner Zeitung

Und vor uns steht der Winter ...

Eine endgültige Klärung der Berliner Verhältnisse ist in Kürze dringend erforderlich

Ein langdauernder, freundlicher Sommer geht zu Ende, und die ersten kühlen Abende und die immer zeitiger einsetzende Dunkelheit erinnern uns an die sechs Monate, die nun vor uns stehen und vielleicht für alle Westberliner die härtesten sein sollen, die sie in den letzten zehn Jahren erlebten. Hat bisher der unverzagte Lebenswille der Berliner den Schwierigkeiten standgehalten, so wurde er immer von dem Bewußtsein getragen, sie seien nicht zu vermeiden gewesen, und ein Gemisch von unternehmungsfreudiger Selbsthilfe und lebensfroher Skepsis gegenüber der harten Alltagswirklichkeit half ihm, darüber hinwegzukommen.

Jetzt aber, im Spätherbst 1948, mischt sich ein düsteres Gefühl der Bitterkeit in die Empfindungen der Menschen. Sie haben, drei Jahre nach den Bombennächten, Bränden und Zerstörungen, ihre Reserven in der Hoffnung geopfert, man würde ihnen gestatten, mit ihrer weiteren Umgebung zusammenzuleben und mit ihren Anstrengungen Sorgen bannen helfen, die normalerweise in viel kürzerer Frist hätten überwunden werden können. Doch ohne daß sie es wünschten, wurde ein Teil ihres Gemeinwesens zu einer Zitadelle weitreichender politischer Expansionsbestrebungen der Westmächte. Es wurde einbezogen in große Machtauseinandersetzungen, an denen teilzuhaben vielleicht einigen effektheischenden Parteipolitikern, ihnen aber, den Durchschnittsberlinern, nichts im geringsten gelegen ist. Sie sind mit ihren Sorgen um das tägliche Brot, die Kleider für die Kinder und die Fensterscheibe in der mühsam reparierten Kochstube viel zu hellhörig geworden unter dem Schwall großer Worte, der sie zwölf Jahre lang überschüttete, um in Missionen und Kreuzzügen irgendwelcher Art ihre Rettung zu sehen.

Sie sind sich längst über die Rolle klar, die sie "im Kampf um Berlin" spielen sollen. - So, wie der kleine Muschkote im Winterfeldzug, ungenügend ausgerüstet und gekleidet, für abenteuerliche Pläne zugrunde gehen mußte, so werden heute 2,3 Millionen Berliner in den Westsektoren als Kanonenfutter einer Propagandaschlacht benutzt, und es werden ihnen die Fanfarenklänge der Westpresse genau so wenig das Darben erleichtern, wie der "Führerbefehl" dem Landser einst das Sterben.

Konnte ihnen schon irgend jemand sagen, was nun, vierzehn Tage vor dem ersten Frost eigentlich geschehen ist, um das Leben in diesem Winter in unserer Stadt überhaupt aufrechtzuerhalten? Die Worte Dr. Friedensburgs, er wolle sich um eine tägliche Fettzuteilung von 50 g "bemühen", die als Kälteschutz dienen soll, kann wohl billigerweise nur als eine Entgleisung verstanden werden, wenn man sie nicht als Hohn auffassen sollte. Schließlich kommt selbst ein Eskimo nicht ohne eine warme Hütte aus, wenn er auch täglich einen halben Liter Tran trinkt.

Die 700 000 Westberliner Haushaltungen aber brauchen, wenn auch nur an eine sehr bescheidene Zuteilung von 3 Zentner Kohle je Haushalt gedacht würde, mehr als 100 000 t Briketts. Sehen sie sich die bisherigen Versprechungen der mit Ziffern jonglierenden Generale an, so kommen sie zu dem Resultat, daß davon bis heute nichts in Berlin ist.

Diese 100 000 t nach Berlin zu schaffen, erfordert allein die Leistungen, für die die englisch-amerikanischen Maschinen rund zwei Monate benötigten. In diesen zwei Monaten muß aber die Versorgung mit Lebensmitteln und Industriekohle fortgesetzt werden, wenn die Westmächte an ihrer Politik festhalten. Selbst die optimistischste Voraussage des Generals Clay sieht eine Tageshöchstleistung von 4500 t Kohle und Lebensmitteln vor, das heißt, bei dem Tagesbedarf-Minimum von 1300 t Lebensmitteln und 1000 t Industriekohle bliebe Raum für etwa 2000 t Kohle je Tag oder 60 000 t in einem Monat. Vorausgesetzt, daß der Herbst ohne Nebel, der Winter ohne Schnee, Vereisung und Frost bliebe, was auch der Kühnste nicht erwartet. Wir wollen nicht übersehen, daß in drei fluggünstigsten Monaten der Luftbrücke noch nicht eine einzige Tonne Hausbrand in Westberlin auf Vorrat gelagert werden konnte.

Diese 60 000 t, die etwa bis Weihnachten nach Berlin geschafft werden könnten, entsprechen ungefähr dem Bedarf, den die mehr als 20 000 Haushaltungen und die ausgedehnten Dienststellen der westlichen Militärregierungen in Berlin benötigen. Was aber ein Winter ohne Kohle bedeutet, das haben Hunderte von Alten, Schwachen und Kranken vor zwei Jahren erfahren müssen. Diesmal würde es die ganze Bevölkerung von zwölf Verwaltungsbezirken sein.

Nicht nur die unmittelbar das Leben der Menschen bedrohenden Gefahren stehen riesengroß vor uns, wir alle kennen die hundert Widerwärtigkeiten, die sonst noch damit verbunden sind: keine Feuerung für den Kochherd, kein Strom für die Kochplatte, die Wasserleitungen eingefroren, die Spülungen geplatzt - man will es nicht ausmalen, was vor uns steht.

Ehe deshalb die Verzweiflung einer Millionenbevölkerung gegen diejenigen zum Ausdruck kommt, die auf ihrem Rücken rücksichtslos ihre egoistische Stellung in Westberlin halten wollen, muß eine Klärung der Verhältnisse erzielt werden. Es darf kein Zweifel bestehen, daß die Klärung der Verhältnisse die Berliner vor dem Erfrieren als Folge westlicher Prestigepolitik bewahren muß.

Sollen die Kranken frieren?

Kohlensorgen der Westkrankenhäuser.

Rund zwei Drittel aller Berliner Krankenhäuser liegen in den Westsektoren. Wenn sie nicht rechtzeitig und ausreichend mit Kohle für den Winterbedarf versorgt werden, besteht die Gefahr ihrer Schließung. Es war der Gesundheitsverwaltung bisher nicht möglich, von den westlichen Besatzungsmächten zu erfahren, ob und welche Mengen an Kohle für die Gesundheitsaufgaben der Westsektoren zur Verfügung gestellt werden könnten. Die Gesundheitsverwaltung wird nun die Abteilung für Wirtschaft des Magistrats bitten, möglichst umgehend diese Klärung herbeizuführen. Zur Zeit haben die Krankenhäuser noch Restbestände an Kohlen. Der Monatsbedarf beträgt aber 4000 bis 5000 Tonnen. Wenn die Gesundheitsverwaltung gezwungen wäre, wegen Kohlenmangels die Krankenhäuser der Westsektoren zu schließen, könnte höchstens für einen Teil der bettlägerigen Patienten noch in Krankenhäusern des Ostsektors Platz geschaffen werden.

Die Möglichkeit einer Evakuierung von Krankenhauspatienten in die westlichen Besatzungszonen wird im Landesgesundheitsamt pessimistisch beurteilt, weil es sich um wenigstens 10 000 Kranke handeln müßte, deren Abtransport bei dem von den Westmächten zugesagten Tageskontingent von 80 Personen mehr als vier Monate erfordern würde. Auch wäre es fraglich, ob in den Westzonen genügend Krankenbetten frei gemacht werden könnten.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Brennstoff, Kohle, Statistik
Aktualisiert am: 06.02.2006
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