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Artikel

23.09.1948 | Die Neue Zeitung

US-Konsulate werden bestürmt

Auswanderungsanträge werden nur durch die Post entgegengenommen

München (NZ). - Seit dem 20. September herrscht auf den amerikanischen Konsulaten in Deutschland Hochbetrieb: Den Bewohnern der Westzonen und den Berlinern der westlichen Sektoren ist nun die Möglichkeit gegeben, die Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika zu beantragen. Die Nachricht verbreitete sich blitzschnell, und bereits Tage vor der offiziellen Verlautbarung der Auswanderungsmöglichkeit reisten aus den kleineren Orten die Auswanderungslustigen nach den Städten, in denen sich amerikanische Konsulate befinden.

Vor dem amerikanischen Generalkonsulat in Frankfurt hatte sich bereits vor Beginn der Dienststunden am Montag eine riesige Menschenmenge angesammelt. Etwa tausend Personen warteten bereits seit Mitternacht, um ihre Anträge abzugeben. Das Konsulat mußte die Polizei herbeirufen, die alle Mühe hatte, aus der Menschenmasse Schlangen zu formieren, um nicht den Verkehr auf den Straßen zu behindern. Trotz mehrmaliger Bekanntgebe, daß Anträge nur auf dem Postweg eingereicht werden dürften, drängten sich die Menschen auch noch in den Nachmittagsstunden vor den Türen des Konsulats.

Fast alle haben Verwandte in den Vereinigten Staaten, und so mancher trug bereits das Schreiben eines Onkels oder Vetters aus Amerika bei sich, in dem ihm die Bezahlung der Überfahrtskosten zugesichert wird. Bekanntlich ist die Beibringung einer solchen Bürgschaft, eines Affidavits, Vorbedingung der Einreisemöglichkeit.

Ganz besonders guter Dinge sind zwei 25jährige Bäcker aus der Ostzone, die kürzlich illegal in die amerikanische Besetzungszone kamen, hier registriert wurden und nun fest überzeugt sind, die Staaten zu erreichen. Zwei hübsche junge Mädchen erklärten kokett lächelnd den Umstehenden, sie würden in Kürze mit ihren Eltern und Geschwistern "rüber"-gehen, ihre Schwester habe kürzlich einen "Ami" geheiratet. Auf die Frage, ihr Schwager müsse aber ein freundlicher Herr sein, wenn er die ganze deutsche Verwandtschaft hinübernehmen wollte, nickten sie begeistert: "Das ist er, und eine Menge Geld hat er auch!"

Als im Münchner Generalkonsulat ein Vertreter der "Neuen Zeitung" den amerikanischen Vizekonsul interviewen wollte, fand er ihn an einem mit Briefen überhäuften langen Tisch zwischen dreißig eifrigst stempelnden amerikanischen Konsulatsbeamten und Sekretärinnen vor. Auch er stempelte. 12 000 Briefe seien bis zur Mittagszeit eingelaufen. Auf der Frage, ob es beabsichtigt sei, weitere Anträge abzulehnen, da nur insgesamt 13 000 Reichsdeutsche auswandern könnten, antwortete der Vizekonsul:

"Darüber entscheidet Washington, zunächst registrieren wir alle Eingänge. Die Leute bringen ihre Schreiben noch immer zum Teil persönlich her; wir nehmen aber nur Posteingänge an!"

Auch in Bremen tut sich allerhand; ein Besucher gibt dem anderen die Tür in die Hand. Ein amerikanischer Beamter, an dessen Schreibtisch "Information" steht, tut den ganzen Tag nichts anderes, als den Menschen zu erklären, sie müßten ihren Antrag über die Post einreichen. Der Leiter der "Visa Section" berichtete: "Die Menschen haben es alle so eilig.

Vorhin habe ich einen jungen Mann abgewiesen und ihm erklärt, er müsse seinen Antrag mit der Post herschicken. Nach einer Viertelstunde war er wieder da, er hatte sich auf dem Postamt seinen Brief abstempeln lassen und gab ihn zur Vorsicht persönlich ab."

Die Informationsstelle im amerikanischen Konsulatsgebäude von Berlin fertigte am Montag stündlich 60 bis 70 Besucher ab. Ununterbrochen klingelten die Telephone. Auch hier warteten Schlangen von Menschen vor dem Tor. Die Mehrzahl der Auswanderungslustigen ist schon im Besitz von Affidavits oder Einladungen von Verwandten aus den USA. Alle erhoffen sich ein sicheres Leben oder die Wiedervereinigung mit ihren Angehörigen. Kaum einer will aus Deutschland hinausgehen aus Angst vor einem Krieg - wenigstens sagt es keiner.

In Stuttgart befindet sich die Auswanderungsabteilung nicht im Gebäude des Konsulats, sondern im "Zeppelinbau". Hier bestand die Aufgabe des auskunftgebenden Beamten darin, die Menschen an die richtige Stelle zu verweisen.

Obwohl auch hier die Schlange vielhundertköpfig war, wurden bis zur Mittagsstunde des Montags nur hundert Anträge eingereicht. Viele hatten sich nur aus Neugierde mit angestellt.

In Hamburg hatten bereits vor Ankündigung der Auswanderungsmöglichkeit etwa 20 000 Personen entsprechende Anträge gestellt. Sämtliche Anträge müssen neu eingereicht werden.

Große Menschenmassen lasen die Anschläge des Generalkonsulats; auch hier versuchten die ganz Vorsichtigen, ihr Antragschreiben persönlich abzugeben.

Das Auswanderungsfieber hätte nicht diesen Höhepunkt erreichen können, wenn sich die betreffenden Personen vergegenwärtigt hätten, daß nur 13 000 Reichsdeutschen, 13 000 Volksdeutschen und etwa 2000 Österreichern die Einwanderung bewilligt werden kann. Ferner müssen Personen, die nach den USA wollen, einen Bürgen benennen können, der sich bereit erklärt, die etwa 200 Dollar betragenden Reisekosten zu bezahlen.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Recht, Auswanderung
Aktualisiert am: 06.02.2006
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