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Artikel

25.09.1948 | Die Neue Zeit

West-Presse im Ostsektor verboten

Protest gegen "Meinungsterror" - Gegenboykott im Westen Berlins

Berlin (NZ). - Der Vertrieb der westlich lizenzierten Presse ist seit dem 23. September im Berliner Ostsektor verboten worden. Ausgenommen davon sind nur der französisch lizenzierte "Kurier" und die britisch kontrollierte "Welt", die mit der sowjetisch kontrollierten "Zeitungsvertriebsgesellschaft" einen Vertrag abgeschlossen haben.

Auch auf den der sowjetischen Kontrolle unterstehenden S-Bahnhöfen in den Westsektoren wurde die Westpresse am 24. September von Beamten der Ostpolizei beschlagnahmt.

Damit wird der Befehl des Generals Kotikow durchgesetzt, der der zentralen "Zeitungsvertriebsgesellschaft" das Monopol über den gesamten Zeitungsvertrieb im Ostsektor gibt und nur solche Blätter zum Verkauf zuläßt, die mit dieser Gesellschaft einen Lieferungsvertrag abgeschlossen haben.

Die Westpresse hat auf diese Maßnahme mit einem Boykott der sowjetisch lizenzierten Presse in den Westsektoren geantwortet. Dieser Boykott soll so lange aufrechterhalten werden, bis der freie Vertrieb der Westpresse auch im sowjetischen Sektor wieder möglich ist. Händler, die sich dieser Gegenmaßnahme nicht anschließen, werden künftig von den westlich lizenzierten Verlagen nicht mehr beliefert. Den Abonnenten der Westpresse, die im Ostsektor wohnen, ist außerdem von einigen Verlagen bereits die Möglichkeit gegeben worden, ihre Zeitungen gegen Vorlage der Bezugsquittung in den Filialen der Westsektoren abzuholen.

Ferner haben die Verleger der freiheitlichen Berliner Presse in einem Schreiben an die Militärregierung die Neutralität der Zeitungshändler gefordert, die ihre Kioske auf den S-Bahnhöfen in den Westsektoren haben. Zwar unterständen die sieben Bahnhöfe der sowjetischen Kontrolle, aber das beziehe sich nach eindeutigen Abmachungen nur auf die technische Durchführung des Bahnverkehrs. Die Gewerbeerlaubnis der Bahnhofsbuchhändler wurde nicht von der sowjetisch kontrollierten Reichsbahndirektion Berlin erteilt, sondern von den jeweiligen Stadtbezirken. Sollten die Bahnhofsbuchhändler Schwierigkeiten machen, so wollen die westlichen Verleger vor den S-Bahnhöfen eigene Zeitungsstände errichten. Darüber hinaus wird die Berliner Bevölkerung aufgerufen, solange keine Ostblätter zu kaufen, wie "dieser Meinungsterror" bestehe.

Wie von der Arbeitsgemeinschaft der Berliner Zeitungshändler weiter bekannt wird, ist im Ostsektor allen Händlern, die keinen Anstellungsvertrag mit der "Zeitungsvertriebsgesellschaft" abgeschlossen haben, das Geschäft geschlossen worden. Später sei dieser Befehl jedoch wieder rückgängig gemacht worden. Es herrsche "völliges Durcheinander".

Wie aus der Ostzone verlautet, soll dort nach einem bisher noch nicht veröffentlichten Befehl der Besitz von Westzeitungen unter die gleiche Strafe gestellt werden, wie der Besitz von Westgeld. Der 36jährige Kurt Steinmetzer wurde, einer Meldung des "Telegraf" zufolge, von zwei sowjetischen Soldaten verhaftet, weil er den "Sozialdemokrat" und "Telegraf" bei sich getragen habe. Er sei an der Dampferanlagestelle in Hohensaaten bei einer Kontrolle festgenommen worden, auf der einzig und allein nach den Lesern von westlich lizenzierten Zeitungen gefahndet worden sei.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeit
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Aktualisiert am: 06.02.2006
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