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Artikel

30.09.1948 | Die Neue Zeitung

"Sowjetunion will UN nicht verlassen"

Eine Erklärung Wyschinskijs - Berlin-Debatte nicht vor Sonnabend

Paris (AP). - Während der Beginn der Sicherheitsratsdebatte über Berlin mit Spannung erwartet wird, weisen verschiedene Stimmen darauf hin, daß die Sowjetunion es wahrscheinlich nicht zu einem völligen Bruch mit der übrigen Welt kommen lassen wolle. Führende Persönlichkeiten der Westmächte gaben nochmals ihrer Überzeugung Ausdruck, daß die Berliner Frage nur durch eine entschiedene Haltung gegenüber der Politik Moskaus gelöst werden könne.

"Wir werden die Vereinten Nationen nicht verlassen; wir werden bleiben und mit den anderen Völkern der Welt zusammenarbeiten", erklärte der stellvertretende sowjetische Außenminister Andrej Wyschinskij am 26. September einem britischen Pressevertreter, wie die Londoner Zeitung "Daily Herald", das Blatt der Labour-Partei, am 28. September berichtete. AP meldet, ein sowjetischer Gewährsmann im Palais de Chaillot, dem Pariser Sitz der UN, habe angedeutet, daß man bei der Sicherheitsratsdebatte über Berlin mit einer Überraschung rechnen könne. Die als "gewöhnlich gut informiert" bezeichnete Persönlichkeit habe gesagt, die Sowjets würden bei der Debatte anwesend sein, und: "Sie werden sehen, was dann passiert."

Der demokratische US-Senator J. W. Fulbright äußerte bei seiner Rückkehr von einer Deutschlandreise in New York, der amerikanische Militärgouverneur General Lucius D. Clay habe ihm versichert: "Wenn wir unsere Aufgabe richtig erfüllen und nicht fortlaufen, wird es in nächster Zeit keinen Krieg geben." Fulbright räumte allerdings ein, daß General Clay eine Fortdauer der Berliner Krise den ganzen Winter hindurch für möglich halte.

Die Außenminister der Westmächte, George C. Marshall, Ernest L. Bevin und Robert Schuman, billigten am 28. September die von ihren Sachverständigen ausgearbeiteten gleichlautenden Noten, durch die der Sicherheitsrat aufgefordert wird, das Vorgehen der Sowjetunion in Berlin, das den Frieden bedrohe, zu überprüfen. Die Noten werden am 29. September UN-Generalsekretär Trygve Lie ausgehändigt. Eine gewisse Verzögerung ihrer Fertigstellung soll darauf zurückzuführen sein, daß sie mit einem Anhang versehen wurden, der einen Überblick über die bisherigen Vier-Mächte-Verhandlungen gibt.

Politische Beobachter erwarten, daß die Debatte über Berlin nicht vor Sonnabend, vielleicht aber auch erst am nächsten Montag beginnt. Nach Äußerungen eines amtlichen französischen Sprechers werden sich die Westmächte bei ihrem Vorgehen auf die Artikel 39 und 40 der UN-Charta stützen. Artikel 40 ermächtigt den Sicherheitsrat, in der ihm vorgetragenen Streitfrage eine vorläufige Regelung zu treffen und die streitenden Parteien aufzufordern, bis zu einem endgültigen Beschluß diese provisorische Abmachung einzuhalten. Anfangs hatte verlautet, die Westmächte wollten sich nur auf Artikel 39 berufen, der Gegenmaßnahmen des Sicherheitsrates gegen einen Friedensbruch vorsieht.

Der ständige polnische UN-Delegierte Juliusz Katz-Suchy sagte am 28. September einem UP-Korrespondenten gegenüber voraus, daß die Westmächte die Berliner Frage nach einer oberflächlichen Debatte im Sicherheitsrat der UN-Vollversammlung vorlegen würden. Der Appell an den Sicherheitsrat sei lediglich ein taktischer Schachzug. Katz-Suchy dementierte frühere Meldungen, wonach er ein sowjetisches Veto gegen alle Sicherheitsratsbeschlüsse angekündigt habe.

Der Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Republikanischen Partei, Gouverneur Thomas E. Dewey, erklärte am 28. September während einer Wahlrede in Missoula (Montana), die freien Völker unternähmen gewaltige Anstrengungen gegen eine große Übermacht, um eine friedliche Beilegung der Berliner Krise zu erreichen. Er fügte hinzu: "Wir wollen uns aber in keine Kompromisse einlassen, wenn es um unsere Prinzipien geht."

Präsident Harry S. Truman, der sich vorher in ähnlicher Weise zu der energischen Politik der Westmächte bekannt hatte, empfing am 27. September während seines Aufenthalts in Bonham (Texas) den US-Botschafter in Moskau, Walter Bedell Smith, zu einer dreieinhalbstündigen Unterredung. Smith äußerte nach der Begegnung, seit Kriegsende seien die Beziehungen zur Sowjetunion zu keiner Zeit ernster gewesen als jetzt. Der Botschafter wird demnächst wieder über Paris nach Moskau reisen.

Der AP-Kommentator Relman Morin wandte sich gegen die Auffassung, die widerspruchsvolle Haltung der Sowjetregierung bei den Verhandlungen über Berlin sei darauf zurückzuführen, daß Generalissimus Josef W. Stalin dem Einfluß seiner Umgebung unterlegen sei. Alle Berichte des amerikanischen Nachrichtendienstes, die in Washington zur Verfügung stünden, zeigten im Gegenteil, daß er nach wie vor der Führer des Sowjetstaates sei. Wahrscheinlich habe Stalin selbst auf Grund neuer Informationen seinen ursprünglich versöhnlichen Standpunkt aufgegeben.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, UN, Paris
Aktualisiert am: 06.02.2006
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