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Artikel

30.09.1948 | Die Neue Zeitung

Berlin bezweifelt Sofortlösung

Otto Bach: "Luftbrücke besser als UN"

Berlin (NZ). - Die Sonderausgaben der Westberliner Zeitungen, die am 27. September den Beschluß der Westmächte, die Berliner Frage vor den Sicherheitsrat der UN zu bringen, in großen Schlagzeilen verkündeten, lösten eher eine gewisse Erleichterung des inzwischen chronisch gewordenen Spannungszustandes der Bevölkerung aus, als daß eine Wiederholung der allgemeinen Erregung aus den ersten Tagen der Währungsreform zu konstatieren wäre. Erleichterung darüber, daß die zermürbende Phase der Geheimdiplomatie damit ihren Abschluß gefunden hat und daß die größte Befürchtung der Berliner, die Leidtragenden eines "faulen Kompromisses zu werden", gebannt ist. Der gewählte Oberbürgermeister von Berlin, Stadtrat Ernst Reuter, sprach den Berlinern aus dem Herzen, als er am Abend des 27. September in einem Rias-Kommentar feststellte: Unser hartnäckiger Appell an die Welt ist nicht vergeblich gewesen. Die Welt hat gezeigt, daß sie jedes Risiko auf sich nimmt, wenn es darum geht, die Grundrechte unserer Stadt zu verteidigen und zu stützen.

Zweifellos spielt für die ständig wachsende Zuversicht der Bevölkerung die Tatsache eine nicht unerhebliche Rolle, daß angesichts der Lage mit einer Zurückziehung der B-Mark, die während der Dauer der Verhandlungen verschiedentlich als nahe bevorstehend bezeichnet wurde, in absehbarer Zeit nicht mehr gerechnet wird. Abgesehen davon, daß die Einführung der Westwährung in den Westsektoren zum Symbol des Widerstandes gegenüber den Machtansprüchen der Sowjets geworden ist, setzt der Berliner sein Vertrauen auf dieses Geld, weil er inzwischen erfahren hat, daß alle Dinge, die das Leben angenehm machen und die sowieso nur in beschränktem Maße über die Luftbrücke transportiert werden können, nur oder vorwiegend gegen B-Mark zu erhalten sind. Vielleicht war es die tiefe Skepsis, mit der die Berliner in den vergangenen zwei Monaten die wortkargen Kommuniqués und die aufschlußreichen Kombinationen verfolgten, vielleicht war es diese Skepsis, die verhinderte, daß der überraschend schnelle Entschluß der Westmächte ihnen noch einmal verstärkt die Krisenhaftigkeit des Konfliktes zum Bewußtsein brachte. Während die Weltöffentlichkeit mit Ausnahme der beteiligten Großmächte die Zuspitzung der Lage jetzt erst mit voller Deutlichkeit übersieht, war der politische Instinkt der Berliner nach zwei jahrelangen Vier-Mächte-Kontroversen genügend geschärft, um sich über die brutalen und totalitären Aggressionsabsichten der Sowjets keine Illusionen mehr zu machen. Sowenig man in breiten Kreisen der Bevölkerung eine Einigung in Moskau erwartet hatte, so besteht ebensowenig Neigung, sich übertriebenen Hoffnungen auf eine Sofortlösung durch die UN hinzugeben.

Die Berliner halten sich, wie der Sprecher der SPD, Otto Bach, im Stadtparlament erklärte, an die sichtbare Realität der Luftbrücke und vertrauen ihr mehr als den Satzungen der UN. Dazu kommt, daß die Zweifel an einem Erfolg unterstützt werden von unklaren Vorstellungen über die Verhandlungsführung und die Erinnerung an die zahlreichen früheren sowjetischen Vetos, die das Vertrauen zur UN im Bewußtsein der Bevölkerung merklich erschüttert haben.

Wenn Erik Reger in einem Leitartikel des "Tagesspiegels" vom 28. September fordert, die Sowjetunion müsse aus der Besetzung Deutschlands, die es als Basis für seine Aggression benutze, ausscheiden, so gaben die Berliner diesem Wunsch schon früher Ausdruck, indem sie Plakate der SED, die einen Abzug aller Besatzungsmächte propagierten, mit der Unterschrift versahen: "Zuerst die Russen."

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Horst Falk
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke
Aktualisiert am: 06.02.2006
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