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Artikel

02.10.1948 | Die Neue Zeitung

Westmächte sind Berlin verpflichtet

Skeptische Erwägungen vor der Debatte im Sicherheitsrat

Paris (NZ). - Die Frage, ob die am 4. Oktober beginnende Debatte des Sicherheitsrates unmittelbar zu einer Beilegung der Berliner Krise führen kann, wird von der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern allgemein skeptisch angesehen. Man rechnet jedoch damit, daß sich die Sowjetunion dort nunmehr auch einer formellen Verurteilung ihrer Politik durch das höchste Forum der Welt wird aussetzen müssen. Sollte sie die Sicherheitsratsdebatte mit juristischen Spitzfindigkeiten zu verhindern suchen, so würde das bereits ein Eingeständnis schlechten Gewissens sein, wie André François-Poncet, der ehemalige französische Botschafter in Berlin, in der Pariser Zeitung "Figaro" schreibt. Dann müßte der Streitfall der Vollversammlung vorgelegt werden, deren Resolutionen - wenn sie auch keine Vollzugskraft haben - wenigstens nicht der Abdrosselung durch ein Vetorecht ausgesetzt sind.

Der tschechoslowakische Außenminister Wladimir Clementis gab vor Pressevertretern seiner Überzeugung Ausdruck, daß kein Krieg bevorstehe. Im übrigen schloß er sich der Behauptung der sowjetischen Propaganda an, daß es der Fehler der Westmächte gewesen sei, die direkten Verhandlungen mit der Sowjetunion abzubrechen.

Zu den Gefahren, die die gegenwärtige Situation für die Vereinten Nationen in sich birgt, nahm der amerikanische UN-Delegierte John Foster Dulles, außenpolitischer Berater des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Thomas E. Dewey und möglicherweise der nächste US-Außenminister, in einer Rede vor einer Versammlung der Carnegie-Stiftung in Paris Stellung. Er wandte sich dabei gegen die Auffassung, daß man die Vereinten Nationen dieser Zerreißprobe nicht aussetzen dürfe. Dulles sagte: "Ganz gleich, wie groß das Risiko sein mag, die Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit stehen über allen Erwägungen."

In ähnlichem Sinne antwortete Lindley Frazer im britischen Rundfunk auf den gelegentlich erhobenen Einwand, wenngleich die Westmächte in der Berliner Frage völlig im Recht seien, sollten sie nicht durch die Geltendmachung dieses Rechts einen neuen Weltkrieg riskieren. Frazer wies auf die Verpflichtungen hin, die die Westmächte gegenüber der Berliner Bevölkerung auf sich genommen hätten, und sagte, der Welt und der Sowjetunion müsse gezeigt werden, daß feierlich geschlossene Abkommen nicht ungestraft gewaltsam gebrochen werden dürften.

Nachdem die Beschwerde der Westmächte beim Sicherheitsrat über die Haltung Moskaus in der Berliner Frage veröffentlicht wurde (der Wortlaut der Note wie auch der Text des amerikanischen Weißbuchs über die bisherigen Vier-Mächte-Verhandlungen wurden in einer Sonderbeilage der "Neuen Zeitung" wiedergegeben), hält man es für möglich, daß Außenminister George C. Marshall den Standpunkt der Vereinigten Staaten während der Debatte persönlich vertreten wird. Falls die USA, wie angekündigt, auf den Vorsitz im Sicherheitsrat verzichten, wird der argentinische Außenminister Juan Atilio Bramuglia das Amt des Präsidenten übernehmen. Die Sowjetunion wird sich nicht von dem stellvertretenden Außenminister Andrej Wyschinskij, sondern von Jakob Malik vertreten lassen.

Auch Sowjets meinen: Lage ernst

Berlin (DPD). - Der sowjetische Oberbefehlshaber Marschall Wassilij Sokolowskij ist von seiner Reise in die Sowjetunion noch nicht zurückgekehrt. Über den Zweck dieser Fahrt geben die sowjetischen Stellen nur ausweichende Antwort.

Gut unterrichtete Beobachter vertreten die Überzeugung, daß infolge der Überweisung der Berliner Frage an die UN über das künftige Vorgehen auf sowjetischer Seite noch eine gewisse Unsicherheit herrsche. Alle Bestrebungen der Sowjets gingen dahin, die Deutschlandfrage als Ganzes zu behandeln, ohne das Berliner Problem herauszulösen. Sowjetischerseits habe man die internationale Lage noch nie als so ernst bezeichnet wie im Augenblick.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, UN, Presse
Aktualisiert am: 06.02.2006
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