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02.10.1948 | Die Neue Zeitung

USA planen militärische Hilfe für Westunion

Montgomery zum Generalstabschef ernannt - Ständige Beratungen über Atlantik-Pakt

Im Zusammenhang mit der Berliner Krise sind die Beratungen über die Verteidigung der Westunion (Großbritannien, Frankreich, Belgien, Holland und Luxemburg) beschleunigt fortgeführt worden. Zur Debatte steht die Erweiterung des Brüsseler Abkommens zu einem Atlantik-Pakt unter Einschluß der USA und Kanadas. Die Pläne wurden im Anschluß an die Pariser Tagung der Verteidigungsminister der Westunion mit Vertretern der beiden amerikanischen Länder ausgearbeitet. Sie haben bereits jetzt zur definitiven Wahl gemeinsamer Oberkommandierender für die Streitkräfte der Westunion-Staaten geführt. Die Vereinigten Staaten und Kanada sind bereit, diese westeuropäische Koalition militärisch und wirtschaftlich weitgehend zu unterstützen. Im einzelnen liegen hierüber folgende Meldungen vor:

London (AP). - Der Chef des britischen Empire-Generalstabes, Feldmarschall Viscount Bernard L. Montgomery, ist, wie jetzt aus zuverlässiger diplomatischer Quelle verlautet, zum Chef des gemeinsamen Oberkommandos der Befehl über die vereinigte Armee und der britische Kabinett, das am 30. September zur Entgegennahme des Berichtes von Verteidigungsminister A. V. Alexander zusammentrat, die Ernennung gebilligt und auch die Vereinigten Staaten und Kanada inoffiziell zugestimmt haben, ist mit einer amtlichen Bekanntgabe in Kürze zu rechnen.

Der französische Oberkommandierende in Nordafrika, General Alphonse Juin, der inzwischen in Paris eingetroffen ist, soll für den Befehl über die vereinigte Armee und der britische Admiral Viscount John Henry D. Cunningham für das Kommando über die Marinestreitkräfte vorgesehen sein, während der Chef der Royal Air Force, Luftmarschall Lord Arthur William Tedder, die Luftwaffe befehligen soll. Montgomery wird mit Rücksicht auf seine neue Aufgabe wahrscheinlich von seinem Posten als Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte zurücktreten.

Washington trifft erste Vorbereitungen

Wie laut Reuter aus Paris verlautet, haben die fünf Verteidigungsminister und die amerikanischen und kanadischen Beobachter während der Konferenz auch über die Erweiterung des Brüsseler Fünf-Mächte-Abkommens zu einem "Atlantik-Verteidigungsblock" unter Einschluß der USA und Kanada beraten und gute Fortschritte erzielt.

Hohe Beamte in Washington teilten, UP zufolge, am 30. September mit, daß zwischen den drei amerikanischen Generalstabschefs und dem Außenministerium Verhandlungen über die militärische Unterstützung für Westeuropa im Rahmen des Senatsbeschlusses stattfanden, in dem der Vorsitzende des Außenpolitischen Senatsausschusses, Arthur H. Vandenberg, Hilfeleistungen für regionale Zusammenschlüsse in Europa gefordert hatte. Zunächst erwartet man in Washington ein enges Zusammenarbeiten des US-Oberkommandos mit dem der Westunion, da es wegen der Kongreßferien Monate dauern könne, ehe die Vereinigten Staaten, ein formelles Bündnis mit Westeuropa eingehen könnten. Durch die Pariser Beschlüsse seien jedoch die Vorbedingungen für eine amerikanische Hilfe geschaffen worden. Die noch zu überwindenden Schwierigkeiten lägen in der Tatsache, daß die Westunion ihre Verteidigungspläne noch nicht ausgearbeitet und ihren Bedarf an amerikanischem Material noch nicht festgelegt hätte.

Amerikanische Regierungsbeamte hoffen, einen Unterstützungsplan bis zur nächsten Sitzung des Kongresses Anfang 1949 fertiggestellt zu haben, den dann der Präsident in seiner traditionellen Jahresbotschaft dem Kongreß mitteilen würde. Die voraussichtliche Höhe der Unterstützung wird auf etwa drei Milliarden Dollar geschätzt. Verschiedenen Gerüchten zufolge soll Westeuropa seine Ausgaben für die Wiederaufrüstung dagegen auf ungefähr 15 Milliarden Dollar veranschlagen, berichtet Südena/AFP, was der Höhe des US-Militärbudgets für 1949 entsprechen würde. In diesem Zusammenhang ist eine Äußerung des US-Heeresministers Kenneth Royall interessant, der in einer Rede in St. Louis die jährlichen Rüstungsausgaben der Sowjetunion mit 35 Milliarden Dollar und ihre Mannschaftsstärke mit mehr als vier Millionen Mann angab. Zu dem genannten Hilfsprogramm erfährt die "New York Times", daß England größere Lieferungen an Aluminium und Stahl zugesagt worden seien, da es den Hauptanteil an der Belieferung Westeuropas zu tragen haben würde. Durch ein Sofortprogramm solle die Lieferung überzähliger amerikanischer Waffen und Panzer sowie von Rohstoffen für die westeuropäische Rüstungsindustrie sichergestellt werden. Die Zeitung schätzt den Mindestbedarf der Westunion auf 45 bis 50 Divisionen, während der gegenwärtige Stand 15 betrage.

Politische Sachverständige sehen Schwierigkeiten bei der Verabschiedung eines Hilfsprogramms voraus, da die Möglichkeit eines kommunistischen Umsturzes in Paris den Kongreß davon abhalten könnte, Frankreich größere Mengen Waffen zur Verfügung zu stellen. Der stellvertretende Außenminister Robert A. Lovett lehnte jede Stellungnahme zu diesem Bericht und zur Westunion-Konferenz ab.

Der Vorsitzende des US-Landesverteidigungsamtes, Arthur Hill, gab am 29. bekannt, daß der amerikanischen Industrie bereits "Eventualaufträge" erteilt worden wären, die nur im Kriegsfalle ausgeführt würden. Dadurch könnte jedoch beim Ingangsetzen gewisser Industriegruppen bis zu einem Jahr Zeit gespart werden.

Im Zusammenhang mit den militärischen Plänen der Westunion wiesen amerikanische Beamte laut UP darauf hin, daß die Möglichkeit rückwärtiger Versorgungspunkte auf der iberischen Halbinsel in Rechnung gestellt werden müsse. Zuständige Kreise der Regierung dementierten jedoch, Dena/AFP zufolge, einen Bericht der spanischen Nachrichtenagentur EFE, daß Spanien in Kürze eingeladen werden solle, mit den Westmächten am Atlantik-Pakt zusammenzuarbeiten. Als Grund für diese Gerüchte wird der Besuch einer amerikanischen Militärkommission in Madrid vermutet. Diese Militärkommission wird von Senator Chan Gurney geführt, der dem Wehrausschuß des US-Senats vorsteht, und ihr gehören weiter eine Gruppe hoher Armee- und Marineoffiziere an. Die Kommission hatte nach einer Rundreise durch Europa und dem Nahen Osten Besprechungen mit Generalissimus Francisco Franco und dem spanischen Generalstabschef Juan Vigon.

Gurney erklärte, der Zweck seines Besuches in Spanien sei gewesen, Franco und die spanische Generalität persönlich kennenzulernen. Das Hauptthema der Unterredungen sei "antikommunistischer Art" gewesen. Er hoffe, daß die uneingeschränkten Beziehungen zwischen Spanien und anderen Großmächten bald wiederhergestellt seien.

Gurney soll sich, laut Dena/Reuter, lobend über die spanische Armee ausgesprochen und die Hoffnung auf möglichst enge Beziehungen zwischen den amerikanischen und den spanischen Streitkräften ausgedrückt haben.

Der britische Generalstabschef, Feldmarschall Viscount Montgomery, und Kriegsminister Emanuel Shinwell haben am 30. September einen Feldzug zur Anwerbung von 100 000 Freiwilligen für die Territorialarmee eröffnet. Großbritanniens Armee, die gegenwärtig 50 000 Mann stark ist, soll dadurch auf 150 000 Mann verstärkt werden. Montgomery betonte jedoch, daß 400 000 Mann reguläre Truppen benötigt würden.

Die Leitung der schwedischen Zivilverteidigung hat laut DPD nach den vom Reichstag bereits bewilligten 25 Millionen Kronen weitere 58 Millionen zum Ausbau der Verteidigungsmaßnahmen verlangt. In den Niederlanden sind die Etats für die Armee um 33 Millionen und für die Marine um 41 Millionen Gulden erhöht worden.

Eine Bundeskonferenz der australischen Arbeiterpartei hat am 29. September beschlossen, jede Labour-Regierung solle ermächtigt sein, australische Freiwilligentruppen in alle Teile der Welt zu entsenden. Jegliche Form von Zwangseinziehungen wurde jedoch erneut abgelehnt. Premierminister Joseph B. Chifley versicherte dem Repräsentantenhaus, daß er alle Schritte unternommen habe, um bei einem plötzlichen und dringenden Notfall drastische Sicherheitsmaßnahmen verhängen zu können.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Berliner Krise, Militär, Bündnis
Aktualisiert am: 06.02.2006
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