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Artikel

09.10.1948 | Die Neue Zeitung

Die Neutralen wollen vermitteln

Vereinigte Staaten billigen Schlichtungsversuch

Paris (SDP). - Der Beschluß des Sicherheitsrates der Vereinigten Nationen, die Debatte über die Berliner Frage bis zum 9. oder 11. Oktober zu vertagen, soll nach Ansicht der amerikanischen Delegierten den neutralen Ratsmitgliedern Gelegenheit geben, die Lage zu prüfen und eventuell eine Lösung vorzuschlagen, wie der Informationsdienst des US-Außenministeriums mitteilt. Argentinien, Kolumbien, China, Syrien, Kanada und Belgien haben bereits auf Veranlassung des argentinischen Außenministers Juan Bramuglia mehrere interne Konferenzen über den Konflikt der Großmächte abgehalten.

Grundlage für Kompromiß

Obwohl über die Verhandlungen strenges Stillschweigen bewahrt wird, nimmt man an, daß die sechs neutralen Staaten den amerikanischen Vorschlag, gleichzeitig die Blockade Berlins aufzuheben und eine Außenministerkonferenz über die deutsche Frage einzuberufen, als gute Grundlage für einen Kompromiß betrachten. Bramuglia hatte bereits mehrere Unterredungen mit Vertretern der Westmächte und wird sich wahrscheinlich auch mit dem stellvertretenden sowjetischen Außenminister Andrej Wyschinskij in Verbindung setzen. Der argentinische Außenminister äußerte sich optimistisch über die Aussichten seiner Bemühungen.

Die Vereinigten Staaten stimmen der Initiative der sechs neutralen Sicherheitsratsmitglieder zu und würden - SPD zufolge - die Formulierung einer Resolution begrüßen, durch welche die Sowjetunion aufgefordert würde, die Verkehrsverbindungen nach Berlin freizugeben. Laut AP dementieren zuständige Kreise der Westmächte jedoch energisch Meldungen, wonach ein "Waffenstillstand" vorgesehen sei, in dem die Sowjets die Blockade zeitweilig aufheben sollten, während die vier Großmächte direkt über die deutsche Frage verhandelten. Mit der Annahme eines Termins für den "Waffenstillstand" würden sich die Westmächte nur einem neuen Druck unterwerfen.

Der Vorschlag für einen "Waffenstillstand" soll von dem australischen Delegierten Dr. Herbert V. Evatt in Gesprächen mit UN-Generalsekretär Trygve Lie und dem belgischen Delegierten Paul Henri Spaak gemacht worden sein.

Wie Südena/AFP berichtet, wird von britischer Seite darauf hingewiesen, daß die Bemühungen um einen Kompromiß nur ein Anfang seien und mit großer Vorsicht beurteilt werden müßten; jedoch bestehe kein Zweifel, daß jedermann den Erfolg dieses Versuchs wünsche.

Marshall warnt

Inzwischen haben verschiedene führende Persönlichkeiten der Westmächte auf den Ernst der augenblicklichen Lage hingewiesen. US-Außenminister George C. Marshall sagte am 7. Oktober in einer Rede vor dem amerikanischen Klub in Paris, wenn es je eine Bedrohung des Weltfriedens gegeben habe, die hart bis an die Grenze des "Schießkrieges" gegangen sei, dann sei dies bei der sowjetischen Blockade Berlins der Fall. Die Vereinigten Staaten setzten sich gegen die Politik, die in der Blockade ihren Ausdruck finde, energisch zur Wehr.

Charles Saltzman, einer der Hauptberater Marshalls in Fragen der Deutschlandpolitik, forderte in einem Vortrag vor der Universität von New Hampshire am 7. Oktober die amerikanische Bevölkerung auf, die Möglichkeit eines Krieges mit der Sowjetunion nicht zu unterschätzen. Saltzman sagte: "Wir machen die äußersten Anstrengungen, um einen Krieg zu vermeiden, und hoffen, den Konflikt durch Geduld, Ruhe und innere Festigkeit beizulegen. Vielleicht wird dies jedoch nicht möglich sein. Es ist nunmehr völlig klar, daß die Politik der Sowjetunion nicht auf einem Geist der Zusammenarbeit basiert, sondern auf der dogmatischen Doktrin, wonach ein Kampf zwischen dem Kommunismus und der übrigen Welt nicht vermieden werden könne und so lange fortgesetzt werden müsse, bis das eine der rivalisierenden Systeme vollkommen vernichtet sei."

In Großbritannien erklärte der zweite Vorsitzende der Konservativen Partei, Anthony Eden, am 6. Oktober, die Sowjets hätten bei ihren Verhandlungen mit den Westmächten niemals die Absicht gehabt, zu einer Verständigung zu kommen. Der konservative Abgeordnete Harold MacMillan sprach die Ansicht aus, daß die Westmächte früher oder später von ihrem Recht auf Zugang nach Berlin auch zu Wasser und zu Lande Gebrauch machen müßten. Glücklicherweise seien die Vereinigten Staaten stark genug. Angesichts der schwachen Rüstung der Staaten Westeuropas seien sie es, auf denen der Weltfriede ruhe.

Währenddessen erklärte der tschechoslowakische Ministerpräsident Antonin Zapotocky am 7. Oktober vor dem Prager Parlament, es werde Berlins wegen keinen Krieg geben. Alle Hoffnungen der Kriegshetzer und Spekulanten, eine Kriegspsychose schaffen und Panik und Unruhe verbreiten zu können, um eine ruhige und friedliche Welt unmöglich zu machen, würden vergebens sein.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Berliner Krise, Verhandlung, UN
Aktualisiert am: 06.02.2006
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