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Artikel

09.10.1948 | Die Neue Zeitung

Verständliche Sprache

Die Debatte im Sicherheitsrat über die Berliner Krise ist im vollen Gange. Gegen den Willen der Sowjetunion und deren Trabanten, der Sowjetukraine, wurde die Berliner Frage auf die Tagesordnung gesetzt. Schon allein dieses Abstimmungsergebnis zeigt, in einer wie hoffnungslosen Minderheit sich die Sowjetunion in der Beurteilung über die Verantwortung für die Zuspitzung des Konfliktes zwischen Ost und West befindet.

Am Mittwoch haben die Delegierten der Anklagemächte das Wort ergriffen und die Verantwortung noch einmal klargelegt. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Rede des amerikanischen Delegierten Dr. Phillip C. Jessup. Der Sinn seiner Rede gipfelte in der kategorischen Erklärung, daß die Vereinigten Staaten Berlin niemals der Sowjetunion überlassen werden. Das ist ein Satz, der noch einmal das Engagement der Vereinigten Staaten in Europa unterstreicht und dem Kreml unmißverständlich klarmacht, daß die Zeit des Nachgebens, des Zurückweichens, der gutgläubigen aber einseitigen Konzessionen endgültig vorbei ist.

Nicht zuletzt der amerikanischen Entschlossenheit, jeder direkten oder indirekten Aggression äußersten Widerstand entgegenzusetzen, ist es zu verdanken, wenn auch die anderen beiden Mitglieder des Alliierten Kontrollrates, Großbritannien und Frankreich, dieselbe Linie der Festigkeit und starken Hand eingeschlagen haben. Der amerikanische Delegierte hat keinen Zweifel über den Ernst der Situation gelassen. Er hat offen ausgesprochen, daß die Vereinigten Staaten auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschrecken würden, falls dies zur Aufrechterhaltung ihrer Position in Berlin notwendig werden sollte. Voraussetzung für weitere Verhandlungen und für die Lösung des Konfliktes ist die Aufhebung der Blockade. Sollte die Sowjetunion entschlossen sein, den Weg des Druckes und der Androhung der Gewalt weiter zu gehen, so würde sie sehr bald begreifen müssen, daß diese Sprache sehr wohl auch von anderen gesprochen werden kann, besser und lauter, als der Kreml es sich wahrscheinlich in seinen Illusionen vorstellt.

Die leichte Verlegenheit des Sowjetdelegierten Andrej Wyschinskij dokumentiert am deutlichsten, daß er die Sprache der USA verstanden hat. Eine klare Sprache mit den überzeugenden Argumenten der ebenso großen oder größeren Machtentfaltung wie der der Sowjetunion ist offenbar überhaupt die einzige Sprache, die der Kreml ernst zu nehmen gewillt ist.

Der Westen hat lange gebraucht, bis ihm klargeworden ist, daß nur Stärke und Zusammenarbeit dem Kreml imponieren. Von Woche zu Woche steigert sich die Bereitschaft des Westens, seine Lebensformen und seine Freiheiten gegen jede neue Despotie zu verteidigen. Im östlichen Lager hingegen hat man einsehen müssen, daß es keine Aussicht auf einen schnellen Erfolg gibt. Die Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten, auf die der Kreml nach den eigenen Worten Stalins spekuliert hat, ist ausgeblieben. Die Amerikaner haben sich als hartnäckiger erwiesen, als es der Kreml in seine Rechnung eingesetzt hatte. Die Luftbrücke ist von einer evidenten Tragfähigkeit auch dann, wenn der Winter mit Nebel, Schnee und Regen sie weniger wirksam machen sollte und den Berliner Durchhaltewillen auf noch härtere Proben stellen sollte als bisher.

Dafür aber knistert es im Gebälk des Ostens. Die Tito-Krise hat der Welt klar gemacht, wie hohl das Scheingebäude sowjetischer Macht in Wirklichkeit ist. Nicht zuletzt hat gerade das Überspannen des Bogens im Berliner Konflikt die weltweite Isolierung der Sowjets zutage treten lassen und ihnen gezeigt, daß sie ohne Freunde in der Welt dastehen und ihre Nachbarn nur mit Furcht erfüllen. Aber auch die Furcht kann fruchtbar sein. Sie stählt die Kräfte des Widerstandes, wenn sie weiß, daß Mut und Ausdauer bessere Kämpfer sind als erzwungener Gehorsam. Die freie Welt blickt voller Bewunderung auf die Berliner, die allen sowjetischen Lockungen zum Trotz die Freiheit wählten, auch wenn ihnen das sowjetische Zuckerbrot winkt. Alle freien Menschen in der freien Welt fühlen sich den Berlinern verbunden, denn in Berlin wird die Freiheit verteidigt, jene Freiheit, die ein kostbarer Besitz des Abendlandes ist und ohne die das Leben nicht mehr lebenswert bleibt.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Berliner Krise, Verhandlung, UN
Aktualisiert am: 06.02.2006
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