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Artikel

12.10.1948 | Die Neue Zeitung

Amerika handelt nicht einseitig

Marshall riet von direktem Schritt in Moskau ab

Paris (NZ). - Während die Besprechungen über eine Schlichtung des Ost-West-Konflikts in der Berliner Frage andauern, wurde der Termin für die nächste Sicherheitsratssitzung abermals auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben. US-Außenminister Georg C. Marshall konferierte am 9. und 10. Oktober in Washington mit Präsident Harry S. Truman und führenden politischen und militärischen Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten. Im Zusammenhang damit wurde bekannt, daß Truman geplant hatte, einen Sonderbotschafter nach Moskau zu entsenden, was in politischen Kreisen beträchtliches Aufsehen erregte. Der Präsident nahm auf Vorstellung des Außenministers von seinem Vorhaben Abstand.

Nach seinen Unterredungen mit dem Präsidenten unterstrich Außenminister Marshall den Standpunkt der Vereinigten Staaten, daß sie durchaus zu Verhandlungen über Berlin oder die deutsche Frage im Außenministerrat bereit seien, vorausgesetzt, daß zunächst die Blockade Berlins aufgehoben werde. Außer der Berliner Frage habe er mit Truman das Palästina-Problem, die Beziehungen zu Spanien und das Problem der Atomenergie-Kontrolle erörtert. Marshall erklärte, seiner Meinung nach sei es in hohem Maße unwahrscheinlich, daß in dem letzten Punkt ein Übereinkommen mit den Sowjets erzielt werden könne, das für die Westmächte zufriedenstellend sei, sofern nicht auf allen Seiten ein wahrhaft ehrlicher Friedenswille bestehe.

Der Außenminister schien, AP zufolge, davon überzeugt zu sein, daß die Sowjetunion die Atombombe nicht besitze. Er äußerte, Truman sei besorgt über den sowjetischen Mangel an Bereitwilligkeit, den von der Mehrheit des Sicherheitsrates bewilligten Atomkontrollplan anzunehmen. Der Präsident habe eine "ganz besondere Ansicht in dieser Angelegenheit", die in der Welt einzig dastehe.

Bei einer Unterredung Marshalls mit Verteidigungsminister James V. Forrestal soll, wie aus verschiedenen Meldungen hervorgeht, neben allgemeinen Verteidigungsfragen unter Berücksichtigung der besonderen außenpolitischen Verhältnisse die militärische Hilfe der USA für die Westeuropäische Union zur Sprache gekommen sein. Marshall reiste am 11. Oktober nach Paris zurück.

Nach seiner Begegnung mit Marshall bestätigte Präsident Truman kurz vorher veröffentlichte Pressemeldungen, wonach er (Truman) am 5. Oktober dem Außenminister vorgeschlagen habe, den Vorsitzenden des Bundesgerichtshofes (Chief Justice), Fred M. Vinson, in besonderer Mission nach Moskau zu entsenden, auf Einwendungen Marshalls hin jedoch diesen Plan aufgegeben habe. Der Präsident betonte seinen Friedenswillen und sagte, er habe Marshall gefragt, ob die USA sich nicht einer Fahrlässigkeit schuldig machten, wenn sie nicht alles versuchten, um ein möglicherweise bestehendes Mißverständnis der führenden sowjetischen Politiker in Bezug auf den Weltfrieden aufzuklären.

Außenminister Marshall äußerte, er hoffe zuversichtlich, daß die Erklärung des Präsidenten eine beruhigende Wirkung auf die Befürchtungen wegen eines einseitigen amerikanischen Schritts in Moskau ausüben werde, die man in Europa hege. Er bestritt energisch, daß zwischen dem Präsidenten und ihm ein "Bruch" bestehe.

Der britischen UN-Delegation nahestehende Kreise erklärten, die Entsendung eines amerikanischen Sonderbotschafters nach Moskau würde die Vereinten Nationen "in ihren Grundlagen erschüttert, vielleicht sogar gänzlich zerstört" haben. Sie hätte eine Mißachtung des Sicherheitsrates und einen Bruch des Versprechens bedeutet, nicht unter Druck mit der Sowjetunion zu verhandeln. Laut UP ist auch die französische Regierung, die ursprünglich den stärksten Widerstand gegen den gemeinsamen Schritt der Westmächte im Sicherheitsrat geleistet hatte, über die Absicht Präsident Trumans bestürzt. Man erwartet, daß verschiedene Regierungen Außenminister Marshall um die Zusicherung ersuchen, daß die USA nicht wieder eine solche als einseitig betrachtete Aktion unternehmen werden.

Nach einem Telephongespräch mit John Foster Dulles, seinem in Paris weilenden außenpolitischen Berater, betonte der republikanische Präsidentschaftskandidat Thomas E. Dewey am 10. Oktober, daß das amerikanische Volk nachdrücklich und aufrichtig die Haltung der amerikanischen UN-Delegation unterstütze, insbesondere deren Forderung nach sofortiger Aufhebung der Blockade Berlins. Dewey nahm von einer öffentlichen Kritik des Vorgehens Trumans Abstand, soll dieses jedoch im privaten Kreise als "groben Schnitzer" bezeichnet haben. Auch der republikanische Senator Arthur H. Vandenberg warnte vor einer Politik, die "unsere Freunde verwirren, den Sicherheitsrat behindern und unsere Gegner zu dem Glauben verleiten" könne, daß "unser Appell an die Vereinten Nationen zaghaft oder unehrlich ist".

In Paris wird die sowjetische Antwort auf den Kompromißvorschlag erwartet, den der argentinische Außenminister Dr. Juan Bramuglia am 8. Oktober dem stellvertretenden sowjetischen Außenminister Andrej Wyschinskij ausgehändigt hatte. Der Vorschlag geht von den sechs sogenannten neutralen Mitgliedern des Sicherheitsrates aus und soll eine gleichzeitige Aufhebung der Blockade Berlins und Einberufung des Außenministerrates zur Erörterung der deutschen Frage vorsehen. Wie der AP-Korrespondent Joseph Dynan hervorhebt, würde eine abschlägige Antwort des Kremls den neutralen Staaten keine andere Wahl lassen, als einen formellen Antrag im Sicherheitsrat einzubringen, der von der Sowjetunion die Beendigung der Blockade verlangt. Eine solche Resolution würde im Rat wahrscheinlich eine Mehrheit erhalten, jedoch dem sowjetischen Veto ausgesetzt sein.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, UN, Verhandlung, Berliner Krise, Luftbrücke
Aktualisiert am: 06.02.2006
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