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Artikel

16.10.1948 | Südkurier

Die Wetterlage als Berliner Politikum

Berlin. Die eigentümliche Situation Berlins führt dazu, daß die tägliche Wetterlage zu einer Art Politikum geworden ist, vor allem in den Augen der Bevölkerung, vielleicht aber auch in den Überlegungen der sowjetischen Besatzungsmacht. Am Donnerstag lag Berlin im Nebel. Die Wirkung war eine Verkürzung der Flugzeit für die Luftbrücke, die erst ab 10 Uhr vormittags arbeiten konnte. Gestern ging ein wolkenbruchartiger Platzregen mit Herbstgewittern über Berlin nieder, und die Bevölkerung stellte fest, daß die schon als selbstverständlich erscheinenden Geräusche der Flugzeugmotoren einige Stunden lang nicht zu hören waren. Für den Außenstehenden mag es seltsam erscheinen, solchen Wettererscheinungen Bedeutung beizumessen, aber Feststellungen dieser Art sind nötig, um Situation und Stimmung der Stadt begreiflich zu machen. Dabei ist wiederum festzustellen, daß diese beginnenden Winterschwierigkeiten auf das Vertrauen der Bevölkerung in die Leistungsfähigkeit der Luftbrücke bis jetzt keinen Einfluß ausüben.

Der Aufbau einer rein kommunistischen Polizei auf militärischer Basis hat in der Ostzone solchen Umfang angenommen, daß allmählich sehr konkrete Nachrichten darüber vorliegen. Zeitweilig auftauchende phantastische Zahlen von einer 400 000-Mann-Polizei werden auf den realen Tatbestand einer 60-70 000 Mann starken Polizeiarmee reduziert, deren kasernierte Kerntruppe hauptsächlich um Berlin konzentriert ist und zum Teil auch im sowjetischen Sektor der Stadt Standquartier beziehen soll. Zwischenfälle könnten, dieser, großenteils aus kommunistisch geschulten deutschen Kriegsgefangenen bestehenden Truppe den vielleicht erwünschten Anlaß zu Aktionen geben, die für die Situation der Stadt schwere Folgen haben würden.

Es wird als eine der wichtigsten Vorbeugungsmaßnahmen gegen etwaige Pläne dieser Art angesehen, daß die Berliner Wahlen möglichst schnell und umfassend durchgeführt werden. Die SED hat sich bis jetzt auf den Standpunkt gestellt, sie werde keine Kandidaten für die Wahlen aufstellen, da sie den Wahlbeschluß des Stadtparlaments als ungültig betrachtet, solange nicht auch der sowjetische Kommandant seine Zustimmung gegeben hat. Inzwischen haben die anderen Parteien weitgehende Wahlvorbereitungen eingeleitet und die Stadtverwaltung, soweit sie aus nichtkommunistischen Mitgliedern besteht - wird gedrängt, in den Westsektoren Wahlmöglichkeiten auch für die Bewohner des Ostsektors zu schaffen, weil dort die Einrichtung von Wahllokalen verboten werden könnte. Das bedeutet, daß man den sowjetisch-kommunistischen Vorbereitungen auf Polizeiaktionen eine Art Volksabstimmung entgegensetzen will, wobei wiederum die Wetterlage eine Rolle spielen wird, oder richtiger die Wetterentwicklung bis Anfang Dezember, und die sich daraus ergebenden Folgen für das Leben der Millionenstadt.

Kampf um den Wahlmodus

Bonn. Neben der Auseinandersetzung um den Charakter und die Rechte der zweiten Kammer hat sich der Kampf um den künftigen Wahlmodus in die Beratungen des Parlamentarischen Rates eingeschoben. Zur Debatte standen drei verschiedene Wahlsysteme: die Verhältniswahl nach Weimarer Muster, die Mehrheits- und Personenwahl und die Mehrheitswahl nach dem britischen Verfahren. Im Wahlrechtsausschuß kam es bei der Abstimmung zu dem Ergebnis, daß alle drei Systeme zum Teil mit absoluter, zum Teil mit relativer Mehrheit zurückgewiesen wurden. Man muß deshalb nun durch komplizierte Kombinationen aus diesen drei Systemen zu einem Kompromiß gelangen oder aber drei Kompromißvorschläge in Gesetzesform bringen und durchberaten.

Trotz diesem Stand der Dinge erklärten Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion, sie beabsichtigten, weiterhin auf dem Mehrheitswahlrecht zu bestehen. Der Vorsitzende des Hauptausschusses, Prof. Carlo Schmid (SPD), plädierte im Gespräch mit Pressevertretern dafür, daß im Bunde einer stabilen Regierungsmehrheit zuliebe das Mehrheitsverfahren angewendet werde, daß in den Gemeinden jedoch, wo man möglichst viele Bürger zur politischen Mitarbeit heranziehen wolle, daß

Verhältniswahl-System eingeführt werde. In den Ländern solle man eine Kombination der Systeme zu erreichen suchen.

Streik in Hessen uneinheitlich

Frankfurt. Wegen einer Lohnforderung von 15% ist das hessische Verkehrs- und Transportgewerbe am Donnerstagmorgen wie schon gemeldet, in den Streik getreten. In Frankfurt haben sich etwa 4000 Transportarbeiter dem Streik angeschlossen, während in den übrigen hessischen Städten die Streiklage noch nicht überblickt werden kann. Am ersten Tage war in Frankfurt das Streikbild nicht einheitlich, und eine Reihe von Speditionsfirmen hatte die Arbeit nicht niedergelegt. An den Bahnhöfen sind Streikposten aufgestellt, die eine Verladung der Güter verhindern sollen. Hier kam es zu mehreren Schlägereien zwischen Streikenden und Arbeitswilligen. Da die Eisenbahn arbeitet, konnten am Donnerstag noch alle Güter entladen werden.

Quellenangaben

Quelle: Südkurier
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Alltag, Mensch, Wetter
Aktualisiert am: 06.02.2006
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