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Artikel

21.10.1948 | Die Neue Zeitung

Berlin-Debatte noch ohne Entscheidung

Wyschinskij blieb stumm und machte sich Notizen

Paris (AP). - Auch die Sitzung des Sicherheitsrates am 19. Oktober brachte keinen konkreten Fortschritt auf dem Wege zur Lösung der Berliner Krise. Die Delegierten der Westmächte beantworteten die Fragen, die der Ratsvorsitzende, Dr. Juan Attilio Bramuglia, in der letzten Sitzung gestellt hatte, nämlich: Wie kam es zu der Verhängung der Blockade, und welchen Stand haben die Blockademaßnahmen erreicht? Warum wurden die am 30. August in Moskau getroffenen Vereinbarungen nicht durchgeführt? Aus welchem Grund sind die Vier-Mächte-Besprechungen eingestellt worden?

Der sowjetische Vertreter, Andrej J. Wyschinskij, gab keine Antwort auf diese Fragen; er verhielt sich schweigsam und machte sich lediglich Notizen. Statt dessen hat die sowjetische UN-Delegation ein Weißbuch des Moskauer Außenministeriums über die Berliner Frage an die anderen Delegationen der Vollversammlung verteilt. In diesem Schriftstück werden sowjetische Noten und Veröffentlichungen in der Zeit vom 13. Februar 1948 bis zum 3. Oktober 1948 zitiert. Ein Berichterstatter der BBC weist darauf hin, daß dieses Weißbuch nicht als Antwort auf die Fragen Bramuglias anzusehen sei und daß in dem Schriftstück über die Moskauer Besprechungen, mit Ausnahme der Instruktionen an die Militärgouverneure, überhaupt nicht berichtet werde.

Nachdem die Westdelegierten ihre Ausführungen in der Sitzung des Sicherheitsrats beendet hatten, in denen sie erneut auf das ungerechtfertigte sowjetische Vorgehen verwiesen und betonten, daß die Aufhebung der Blockade eine unerläßliche Vorbedingung für jegliche neue Verhandlung sei, vertagte Bramuglia die Sitzung auf den 22. Oktober mit der Ankündigung, daß der Sicherheitsrat nunmehr erwägen werde, welche Maßnahmen zu ergreifen seien, um die Berliner Frage zu lösen.

"Typische Sowjetantwort"

Der britische Delegierte, Sir Alexander Cadogan, gab in der Ratssitzung einen Überblick über die Vorgeschichte und die einzelnen Maßnahmen der Blockade. Er wich von dem vorbereiteten Text seiner Ansprache ab und erklärte, daß die Sowjets, während der Sicherheitsrat sich um die Lösung der Krise bemühe, neue Einschränkungsmaßnahmen in Berlin durchführten, indem sie die Fahrzeuge mit Lebensmitteln für die Westsektoren zu einem Passieren des Ostsektors zwängen, wobei sie viele Fahrzeuge festhielten. "Und dann will Wyschinskij", so fügte er laut UP hinzu, "immer noch behaupten, daß kein Versuch von seiten der sowjetischen Behörden vorliege, Berlin zu blockieren."

Nach Cadogan sprach der US-Delegierte Warren Austin. Er betonte unter anderem, daß die sowjetische Regierung niemals eine Sitzung des Außenministerrates angeregt habe, bevor ihre Blockademaßnahmen vervollständigt gewesen seien. Die neuen von Cadogan angeführten Verkehrsbeschränkungen seien eine "typisch sowjetische Antwort auf das Ersuchen des Sicherheitsrates, Informationen über die Blockade Berlins zu geben". Der neue Schritt sei ein "Beispiel für die Entschlossenheit Moskaus, die Berliner Blockade noch zu verschärfen, und ein Zeichen herzloser Gleichgültigkeit gegen die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf hilflose Deutsche". Wörtlich fügte er hinzu: "Die Sowjetunion hat nicht das Recht, diese Haltung einzunehmen. Sie verfügt jedoch über die materielle Macht, und der Einsatz ihrer Machtmittel ist ein offensichtlicher Verstoß gegen die Ziele und Grundprinzipien der Vereinten Nationen. ... Wir bitten den Sicherheitsrat, diese Bedrohung des Friedens aus der Welt zu schaffen. Wir bitten nicht etwa, Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung zu unterbinden, sondern dafür zu sorgen, daß diese Verhandlungen stattfinden können, und zwar ohne Anwendung von Zwangsmitteln." Als dritter Redner sprach der Franzose Alexandre Parodi. Er schloß sich im wesentlichen den Worten seiner Vorredner an, betonte jedoch besonders, daß die ersten Blockademaßnahmen bereits vor der Währungsreform der Westzone ergriffen worden seien, was die sowjetischen Begründungen für die Zwangsmaßnahmen als "trügerische Ausflüchte" erscheinen lasse. Die "technischen Schwierigkeiten", mit denen die Sowjets zum Teil die Verkehrsbeschränkungen begründet hätten, bildeten nur eine Seite des Problems. "Wir waren aufrichtig bemüht", fuhr Parodi fort, "diese technischen Schwierigkeiten zu regeln, und wir glauben, daß man sie ohne große Schwierigkeiten hätte beilegen können, wenn die sowjetischen Behörden denselben guten Willen an den Tag gelegt hätten, den wir gezeigt haben."

Wie eine Sphinx ...

Über die Haltung Wyschinskijs während der Ansprachen der drei Westdelegierten berichtet ein Korrespondent des Kosmos-Pressedienstes: "Während die Delegierten der Westmächte sprachen, saß Wyschinskij, das vorgeschobene Kinn zuweilen auf den linken Arm stützend, wie das schlechte Gewissen in Person da, wie eine Sphinx, unergründlich und rätselhaft, zur Abwehr wie zum Sprung bereit. Die Augen hinter den Brillengläsern starrten ins Leere. Nur hin und wieder machte er sich Notizen oder er kaute an einem langen Bleistift. Nichts in seinem Verhalten ließ erkennen, was in seinem Inneren vorging und wie sich die Sowjetunion letzten Endes in dieser, heute die ganze Welt in Spannung haltenden Frage verhalten wird."

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, UN, Verhandlung, Luftbrücke, Berliner Krise
Aktualisiert am: 06.02.2006
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