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24.10.1948 | Berliner Zeitung

77 Prozent waren Hamsterer

Notwendige Kontrollen zur Sicherung einer geregelten Versorgung

Potsdam (Eig. Ber.). Ein Beispiel dafür, in wie großem Umfang versucht wird, Lebensmittel aus der Ostzone nach Westberlin zu befördern, ergab eine Kontrolle des zwischen Oebisfelde und Berlin-Spandau-West im britischen Sektor von Berlin verkehrenden Personenzuges durch brandenburgische Polizei in Wustermark. Fast 77 % der rund 1300 Reisenden waren Hamsterer. Während die Fahrgäste ohne Hamstergepäck mit dem nächsten Zuge sofort weiterfahren konnten, zog sich die Abfertigung der schwerbepackten Hamsterer bis gegen drei Uhr morgens hin. Insgesamt wurden 2000 Zentner Kartoffeln, 5 Ztr. Mehl, 8 Ztr. Zwiebeln, 1 Ztr. Butter, Öl, Margarine und andere Fettwaren, 1 Ztr. Pflaumenmus, einige Zentner Getreide, 6. Ztr. Ölsaaten, zehn Gänse, 6 Kaninchen und andere Lebensmittel beschlagnahmt. Auch zahlreiche Tauschartikel wie Bettbezüge, Handtücher und Textilien wurden sichergestellt. Alle diese Waren werden, wie der Leiter der Kontrollaktion mitteilte, der ordnungsgemäßen Versorgung zugeführt. Bei zahlreichen Personen wurden u. a. hohe Beträge in Westgeld vorgefunden. Elf Personen wurden festgenommen und dem Schnellrichter vorgeführt. Ein Schieber, der eine größere Menge Mehl in die Toilette geschüttet hatte, wurde wegen Sabotage verhaftet. Die Polizei fand nach Abschluß der Kontrolle noch mehrere Zentner auf die Schienen geschüttete Kartoffeln, außerdem waren Ölflaschen zerschlagen und Butter auf die Bänke geschmiert worden. Einer der Schieber warf die gehamsterte Butter auf den Bahnsteig und zertrampelte sie. Er wurde ebenfalls festgenommen. Die meisten der Hamsterer waren Berliner aus den Westsektoren.

Entgegen den Einstellungen der Westpresse konnten Personen, die auf dem Land gearbeitet hatten und landwirtschaftliche Produkte als Arbeitsentgelt mit sich führten, ihre Lebensmittel behalten, wenn sie eine Bescheinigung des zuständigen Bürgermeisters besaßen.

Der gegen 9 Uhr morgens in Potsdam eintreffende Magdeburger Schnellzug wurde gleichfalls kontrolliert. Zahlreiche Berliner Hamsterer ließen ihr Gepäck im Stich, das später als "herrenloses Gut" gesammelt und beschlagnahmt wurde. Andere Personen versuchten, ihr Hamstergut noch schnell an Ort und Stelle zu Schwarzmarktpreisen zu verkaufen. Dabei kam es unter den Reisenden zu Schlägereien.

Vom Schnellgericht wurden 50 Personen zu Freiheitsstrafen verurteilt und sofort ins Gefängnis übergeführt. Zum Abtransport des beschlagnahmten Hamstergutes benötigte die Polizei 20 Lastwagen.

"Freier Markt" verdreifacht

Potsdam (ADN). Die verschärften Kontrollen gegen Westberliner Schieber und Hamsterer im Lande Brandenburg wirken sich bereits auf die Aufkaufmöglichkeiten der Organisation "Freier Markt" aus. So verdreifachten sich in den letzten Tagen die Aufkaufergebnisse des "Freien Marktes" im Landkreis Frankfurt a. d. O.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Alltag, Mensch, Statistik, Lebensmittel, Recht, Kontrolle, Gericht, Hamsterfahrt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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