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Artikel

24.10.1948 | Berliner Zeitung

Große Schiebungen in Gatow aufgedeckt

Gute Geschäfte mit Hilfe der Luftbrücke / Bisher 25 Personen verhaftet

In der Umgebung des sogenannten Luftbrückenflugplatzes Gatow war es seit langem kein Geheimnis mehr, daß die in Gatow landenden Flugzeuge den Schwarzen Markt in den Berliner Westsektoren im großen Umfange immer wieder mit neuen Waren versorgen. Es war auch Tagesgespräch, daß von den mit Flugzeugen nach Berlin geschafften und angeblich für die Bevölkerung bestimmten Lebensmitteln laufend größere Mengen unterschlagen wurden und in dunkle Kanäle flossen. An diesen Schiebungen mußten sowohl Angehörige der britischen Besatzungsmacht als auch deutsche Mittelsmänner beteiligt seien, die die Weiterleitung zu den deutschen Schiebern übernahmen. Alle derartigen Behauptungen wurden aber bisher von den Besatzungsbehörden und von der Flugplatzleitung als aus der Luft gegriffen bezeichnet, und es wurde wiederholt versichert, daß derartige Schiebungen bei der strengen Kontrolle der ein- und ausfliegenden Flugzeuge unmöglich seien.

Die immer wieder vorgebrachten Beschuldigungen veranlaßten aber anscheinend vorgesetzte britische Stellen doch zu einer eingehenden Untersuchung, die am Freitag zu einer überraschenden Aktion führte. Man kam Unterschlagungen auf die Spur, die sogar das erwartete Ausmaß bei weitem überschritten. Es verlautet, daß hohe britische Beamte der Besatzungsbehörde in die Affäre verwickelt sind. Von der Militärpolizei wurden bisher etwa 25 Personen verhaftet, darunter mehrere führende Beamte der englischen Luftüberwachung.

Die meisten der Festgenommenen gehören jedoch zum deutschen Personal des Flugplatzes. Unter den verhafteten Deutschen befindet sich auch der Leiter der Personalstelle des Flugplatzes Gatow, W., dessen Verhalten seit langem bei den deutschen Arbeitern und Angestellten des Flugplatzes zu stürmischen Protesten Anlaß gab. Er war es im besonderen, der die Interessen seiner Auftraggeber höher bewertete als die seiner deutschen Arbeitskollegen.

Die Schiebungen liegen, wie die bisherige Untersuchung ergab, zu einem gewissen Teil bereits über zwei Jahre zurück. Seither wurde der Schwarze Markt Berlins laufend mit Schieberwaren versorgt. Die Gewinne, die sowohl die deutschen Mittelsmänner als auch die beteiligten britischen Staatsangehörigen dabei erzielten, werden als ungeheuer bezeichnet. Der große Skandal soll in aller Kürze liquidiert werden, ohne daß die Öffentlichkeit viel davon erfährt. Das britische Militärtribunal ist bereits zum Montag zusammengerufen worden, um gegen die in Spandau inhaftierten deutschen Angehörigen der Flugplatzbelegschaft zu verhandeln. Die verhafteten britischen Beamten befinden sich in Militärgewahrsam. Wann gegen sie verhandelt werden wird, steht noch nicht fest.

Bei den Vorgängen auf dem Flugplatz Gatow handelt es sich durchaus nicht um einen Einzelfall. Bekanntlich wurde bereits vor kurzem vor dem amerikanischen Militärgericht gegen einen amerikanischen Besatzungsangehörigen verhandelt, der der Unterschlagung mehrerer Säcke Mehl, die über die sogenannte Luftbrücke nach Berlin kamen, angeklagt war. Am Freitag wurde ein ähnlicher Fall gegen den amerikanischen Soldaten Kenneth Brubenzer verhandelt, der als Lastwagenfahrer auf dem Flugplatz Tempelhof beschäftigt war.

B. wurde beschuldigt, im Laufe des Monats August 14 Säcke Zucker in Tempelhof unterschlagen zu haben, die er zu einem Bekannten, einem gewissen Willi Schlade in Steglitz, brachte. Schlade, seine Verlobte Marianne Eisel und ein Chauffeur, Toni Sperling, aus Schöneberg, verkauften auf Veranlassung des amerikanischen Soldaten sieben Zentner Zucker auf dem Schwarzen Markt. Den Erlös lieferten sie an den Amerikaner ab. Die restlichen sieben Säcke, die die drei Deutschen nicht umsetzen konnten, wurden von Brubenzer und zwei weiteren amerikanischen Soldaten von Schlade wieder abgeholt.

Die drei Deutschen erklärten vor Gericht, daß sie nicht gewußt hätten, daß dieser Zucker über die sogenannte Luftbrücke nach Berlin gebracht und dann gestohlen worden war. Diese Aussagen konnte die Anklagevertretung nicht widerlegen. Ein Urteil ist in der Sache noch nicht ergangen. Es wurde ausgesetzt, bis das Urteil des Kriegsgerichts gegen Brubenzer vorliegt.

Alle diese Fälle beweisen, daß die Schieber die Gelegenheit, die sich ihnen bot, gut zu nützen verstanden. Man kann ihnen daraus nicht einmal einen Vorwurf machen, denn sie erweisen sich lediglich als gelehrige Schüler ihrer auf höherer Ebene weit geschäftstüchtigeren Herren.

Luftbrücke verteuert Lebensmittel

Im Laufe der letzten Wochen sind in den Westsektoren die Preise für verschiedene bezugsbeschränkte Lebensmittel teilweise erheblich angestiegen. So hat sich der Preis für eine Büchse Fleisch, für die 750 g an Marken abgegeben werden müssen, im Laufe der letzten vierzehn Tage von 1,57 DM auf 1,67 DM erhöht. Während vor vier Wochen 500 g Vollmilchpulver, das für Kinder und Kranke ausgegeben wird, noch 1,70 DM kostete, beträgt der Preis heute für die gleiche Menge 3 DM.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Recht, Betrug, Strafe
Aktualisiert am: 06.02.2006
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