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Artikel

30.10.1948 | Die Neue Zeitung

Stalin-Worte lösen Befremden und Dementis aus

"Abgelehnter Kompromiß" unbekannt

Paris (UP). - Das einem Korrespondenten der Moskauer Zeitung "Prawda" am 28. Oktober von dem sowjetischen Regierungschef Generalissimus Joseph W. Stalin gewährte Interview, in dem die Westmächte im Zusammenhang mit der Berliner Frage sehr scharf angegriffen werden, hat in Kreisen der westlichen UN-Delegierten lebhaftes Befremden und teilweise Dementis ausgelöst und zu der Befürchtung Anlaß gegeben, daß damit der "Kalte Krieg" an allen Fronten intensiviert werden solle. Besonders die Behauptung Stalins, der Vorsitzende des Sicherheitsrates, Dr. Juan A. Bramuglia, habe einen von allen Seiten angenommenen Entwurf zur Lösung der Berliner Frage besessen, wurde von der amerikanischen UN-Delegation formell, von den Delegationen Großbritanniens und Frankreichs in privaten Unterredungen dementiert. Belgiens Ministerpräsident Paul Henri Spaak erklärte, ebenso wie ein südamerikanischer Delegierter, er wisse nichts von einem solchen Entwurf. Der amerikanische Delegierte im Sicherheitsrat, Dr. Philip C. Jessup, bezeichnete besonders Stalins verächtliche Behandlung der außerordentlich ehrlichen Bemühungen der sechs "Neutralen" als bedauerlich.

In seinem Interview, das er der "Prawda" auf schriftlichem Wege gab, hatte Stalin laut Dena/Reuter die Ergebnisse der Verhandlungen des Sicherheitsrates als einen Beweis für die Aggressionspolitik der herrschenden Klassen in den USA, Großbritannien und Frankreich bezeichnet. Am 30. August hätten die Vertreter der vier Großmächte in Moskau ein Übereinkommen erreicht, das für keinen Beteiligten einen Prestigeverlust bedeutet und die Möglichkeit einer weiteren Zusammenarbeit garantiert hätte. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien hätten jedoch die Ergebnisse ihrer Vertreter in Moskau nicht anerkannt und das Übereinkommen verletzt, indem sie beschlossen, die Berliner Frage dem Sicherheitsrat vorzulegen. Auch dort sei aber bei inoffiziellen Besprechungen ein erneutes Übereinkommen erreicht worden. Dr. Juan A. Bramuglia, der argentinische Delegierte und derzeitige Vorsitzende des Sicherheitsrates, hätte tatsächlich einen von allen Seiten angenommenen Entwurf zur Lösung der Berliner Frage besessen, was von Großbritannien und den Vereinigten Staaten jedoch geleugnet werde.

Stalin sieht den Kernpunkt der Schwierigkeiten darin, daß die Urheber der aggressiven Politik in den USA und England nicht an einem Übereinkommen und an einer Zusammenarbeit mit der Sowjetunion interessiert seien. Ihr Ziel sei es lediglich, durch fortwährende Besprechungen eine Einigung zu hintertreiben und die Schuld dann der Sowjetunion zuzuschieben. An einer wirklichen Zusammenarbeit läge ihnen nichts, da eine Politik der Verständigung mit der Sowjetunion die Positionen dieser Kriegshetzer untergraben würde. Die gegenwärtig führenden Persönlichkeiten in den Vereinigten Staaten und Großbritannien verfolgten eine Politik der Aggression, deren letztes Ziel die Entfesselung eines neuen Krieges sei.

Stalin behauptete, auch die Vertreter der sechs "neutralen" Staaten im Sicherheitsrat - China, Kanada, Belgien, Argentinien, Columbien und Syrien - unterstützten offensichtlich diese Aggressionspolitik und die Herbeiführung eines neuen Krieges.

Die kategorische Frage des Korrespondenten, wie dies alles enden werde, beantwortete Stalin mit der Prophezeiung, daß nur "der unrühmliche Zusammenbruch der Kriegshetzer" folgen könne. Winston Churchill, der Hauptbefürworter eines neuen Krieges, habe bereits das Vertrauen seines Volkes und der demokratischen Kräfte in aller Welt verloren. Das gleiche Schicksal stehe allen anderen Kriegstreibern bevor. "Die Schrecken des letzten Krieges", so endete Stalin seine Ausführungen, "sind in den Völkern noch zu lebendig und die sozialen Kräfte, die sich für den Frieden einsetzen, zu stark, als daß Churchills Schüler imstande wären, sie zu überwinden und zur Entfesselung eines neuen Krieges zu mißbrauchen."

Diese bisher schärfste öffentliche Kritik an den Westmächten durch Stalin selbst hat, wie UP aus Paris meldet, in Kreisen der westlichen Delegierten zu der Befürchtung Anlaß gegeben, daß damit die noch immer lebendige winzige Hoffnung auf eine baldige Beilegung der Berliner Krise nunmehr zerstört worden sei. Man könne Stalins Erklärungen nur als kategorische Ablehnung des Angebots der Westmächte, die Berliner Frage auf der Grundlage der von den "Neutralen" ausgearbeiteten Resolution außerhalb der Vereinten Nationen zu regeln, werten. Keiner der westlichen Delegierten kann sich die Beweggründe der Stalin-Erklärung vorstellen, aber jeder ist davon überzeugt, daß Stalin seine gewöhnliche Zurückhaltung nunmehr aufgegeben habe. Seine Beschuldigungen seien schon oftmals von sowjetischen Delegierten, von Außenminister Wjatscheslaw M. Molotow, von der sowjetischen Presse oder dem Rundfunk vorgebracht worden. Aber - und dieser Tatsache wird besondere Bedeutung beigemessen - noch niemals vorher habe sich Stalin öffentlich in dieser Weise geäußert, an dessen "mildernde Hand" man im Westen bisher immer noch geglaubt habe.

Das französische Außenministerium meinte, Wyschinskij habe bereits hundertmal genau dasselbe gesagt, die Regierung sehe deshalb keinen Grund zu einer neuen Stellungnahme. Andere offizielle französische Kreise vertreten die Ansicht, daß Stalins Beschuldigungen, die Westmächte hätten in Paris ein bestehendes Übereinkommen abgelehnt, in direktem Widerspruch zu Wyschinskij stehen, der ständig argumentiert habe, daß der Sicherheitsrat in dieser Angelegenheit nicht zuständig sei. Präsident Harry S. Truman lehnte jeden Kommentar ebenso wie das US-Außenministerium ab, welches auf das amerikanische Weißbuch über die Berliner Krise verwies, das einen vollständigen und wahrheitsgetreuen Überblick über die Ereignisse gebe. In Washington glaubt man, daß Stalin das ganze Prestige seiner Person benutzen wolle, um die Weltmeinung in der Frage, wer für und wer gegen den Krieg sei, zugunsten der Sowjetunion zu beeinflussen. Henry A. Wallace meinte, Stalin habe mit seiner Feststellung, die Westmächte erstrebten einen Krieg, nichts Neues gesagt. Er, Wallace, habe bereits seit der Fulton-Rede Churchills stets das gleiche gesagt.

Aus gut unterrichteten Londoner Quellen verlautet, daß Außenminister Ernest L. Bevin die nächste Gelegenheit ergreifen werde, um auf Stalins Erklärungen zu antworten. Nach Ansicht politischer Beobachter sollte das Interview dem sowjetischen Volk zum erstenmal den Ernst der Meinungsverschiedenheiten vor Augen führen. Es lasse kein Anzeichen erkennen, daß sich die UdSSR um weitere Verhandlungen über Berlin bemühen werde.

Stalins letzte Antwort wird als direkter Hinweis auf die künftige Rolle der kommunistischen Parteien in den westlichen Staaten angesehen. Diese Antwort lasse keinen Zweifel darüber, daß Moskau mit Hilfe dieser "sozialen Kräfte" die angeblichen kriegerischen Absichten der Westregierungen zunichte machen wolle. Wenn man Kriegshetzer entlarven wolle, könne nur empfohlen werden, einmal die Verantwortlichen für die in China, Indonesien, Griechenland und anderswo systematisch vorbereiteten und geführten Konflikte zu suchen.

In Belgien werden Stalins Beschuldigungen, die Neutralen hätten die aggressive Politik der Westmächte unterstützt, als lächerlich bezeichnet. Ein hoher Regierungsbeamter meinte, Stalins Erklärungen wären offensichtlich für die sowjetische Bevölkerung gemünzt gewesen und seien nicht ernst zu nehmen.

In Moskau ist man der Ansicht, Stalin habe die sowjetischen Wünsche für die Lösung der Berliner Frage darlegen wollen. Das Tor zu Verhandlungen sei noch nicht zugeschlagen, falls die Westmächte davon abgehen würden, auf einer Lösung durch die Vereinten Nationen zu bestehen.

Moskau hat neue Möglichkeiten

Paris (AP). - Die Westmächte erwarten jetzt das sowjetische Echo auf ihr neuestes Angebot für die Regelung der Berliner Frage, wobei es noch unklar ist, welche Bedeutung dem Stalin-Interview in diesem Zusammenhang zukommt. Ihre Außenminister hatten nach einer eingehenden Besprechung am Mittwoch, in der sie über den nächsten Schritt nach dem sowjetischen Veto berieten, erneut ihre Bereitschaft bekundet, mit der Sowjetunion über einen Kompromiß zur Überwindung der Berliner Krise zu verhandeln. In einem kurzen Kommuniqué erklärten sie, daß sie nach wie vor bereit seien, die Formel der von sechs der nichtständigen Mitglieder des Sicherheitsrates, den sogenannten "Neutralen", eingebrachten Resolution als bindend anzuerkennen. Sie betonten ferner, daß die Berliner Frage noch immer auf der Tagesordnung stehe und dieser Zustand erst aufgehoben werden müsse, ehe sich die Vollversammlung mit der Angelegenheit beschäftigen könne. In Delegiertenkreisen der UN sieht man in diesem Verhalten der Westmächte eine Aufforderung, neue Vorschläge zu unterbreiten, die im Rahmen des Sicherheitsrates geprüft werden könnten. In französischen Kreisen weist man darauf hin, daß sich die Westmächte durch diese Erklärung gewissermaßen das Recht vorbehielten, auch von sich aus jegliche neue Initiative zu ergreifen, die sie für notwendig erachteten, um wieder normale Bedingungen in der ehemaligen deutschen Hauptstadt herbeizuführen. Persönlichkeiten, die den Delegierten der "Neutralen" nahestehen, äußerten in Privatgesprächen, daß ihre Länder beabsichtigten, ihre Bemühungen der letzten Wochen fortzusetzen.

Offenkundig in der gleichen Absicht hat der argentinische Außenminister, Dr. Juan Attilio Bramuglia, die Vertreter der sechs "Neutralen" am 28. Oktober zu einem Frühstück geladen. Wie aus gutunterrichteter Quelle verlautet, sei während dieser Besprechung beschlossen worden, einen geeigneteren Zeitpunkt zur Wiederaufnahme der Frage im Sicherheitsrat abzuwarten. Zahlreiche Kreise fragen sich, ob es nicht möglich sein sollte, unter Umständen auf das sowjetische Angebot zurückzugreifen, das den gleichzeitigen Beginn einer etappenweisen Aufhebung der Blockade vorsieht, die bis zu dem Termin durchgeführt sein muß, der für die Einführung der sowjetischen Währung in Berlin festgesetzt wurde.

Der amerikanische Delegierte im Sicherheitsrat Dr. Philip C. Jessup wird sich, wie am 28. Oktober in Paris bekanntgegeben wurde, für drei oder vier Tage nach Deutschland begeben. Nach einer Zwischenlandung in Frankfurt wird er nach Berlin weiterreisen und dort mit dem amerikanischen Militärgouverneur, General Lucius D. Clay, und seinem politischen Berater Besprechungen führen. In Kreisen der amerikanischen UN-Delegation betont man jedoch, daß die Reise Jessups in keiner Weise mit dem offensichtlichen Wunsch der Westmächte zusammenhänge, den toten Punkt in der Berliner Krise zu überwinden.

Zu der von dem britischen Militärgouverneur für Deutschland, General Sir Brian Robertson, kürzlich geäußerten "persönlichen Ansicht", das deutsche Problem könne am besten durch die Zurückziehung der alliierten Streitkräfte aus Deutschland gelöst werden, nehmen Londoner Kreise nur sehr zurückhaltend Stellung. Ein Sprecher des Foreign Office meinte, es sei noch ein langer Weg zurückzulegen, bevor man einen solchen Plan in Erwägung ziehen könne. Einige Beobachter in London überlegen, ob Robertsons Bemerkung eventuell als Versuchsballon zu werten sei, um die sowjetische Reaktion kennenzulernen. Aus allen Äußerungen geht aber eindeutig hervor, daß derartige Pläne bis zur Aufhebung der Blockade Berlins überhaupt nicht zur Erörterung stehen könnten.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, UN, Verhandlung, Berliner Krise, Luftbrücke
Aktualisiert am: 06.02.2006
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