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Artikel

07.11.1948 | Berliner Zeitung

Gebietet den Saboteuren energisch Einhalt

Notwendige Folgerungen aus den Anschlägen auf die Berliner S-Bahn

Die Reichsbahndirektion Berlin hat der Öffentlichkeit gestern umfangreiches Material über Sabotageakte gegen die Anlagen der Stadtbahn unterbreitet. Die angeführten Beispiele wurden inzwischen durch weitere ergänzt. So wurde, wie mitgeteilt wird, vor kurzem von unbekannten Tätern auf dem S-Bahnhof Babelsberg-Ufastadt der Kabelanschluß der Stromschiene entfernt und auf die Erde geworfen. Hierdurch kam es zu einem Kurzschluß, der Kabelanschluß fing Feuer. Der S-Bahnzug 2604 hatte als Folge eine Verspätung von 75 Minuten. Von einem anderen Anschlag wurde der Zug 1578 auf dem S-Bahnhof Schöneberg betroffen. Bei der Anfahrt dieses Zuges bemerkten die Beamten in der Mitte des Zuges eine Rauchsäule. Man stellte fest, daß an die Kupplung des ersten Anhängewagens Nr. 165 816 ein Kabelende angeschlossen war, das bei der Anfahrt des Zuges mit der Stromschiene in Berührung kam und dadurch einen Kurzschluß verursachte. Auch hier waren die Fahrgäste der S-Bahn die Leidtragenden. Sie mußten eine längere Verkehrsstörung in Kauf nehmen, und ihre Verärgerung machte sich in Unkenntnis der Ursachen dieser Verkehrsunterbrechung in Vorwürfen gegen die Reichsbahnverwaltung Luft.

Aber die Vorwürfe richten sich in solchem Falle nicht nur gegen die Reichsbahndirektion, sondern auch gegen die sowjetische Besatzungsmacht, der der Betrieb der Berliner S-Bahn unterstellt, ist und der damit die Verantwortung für den Zustand der Reichsbahnanlagen aufgebürdet wird. Gerade das soll mit diesen Anschlägen und Sabotageakten bezweckt und erreicht werden. Und damit wären wir bei den Hintergründen der Sabotagefälle angekommen.

Die geistigen Urheber der Anschläge gegen die S-Bahn sind nicht die zehn oder zwölf Männer und Jugendlichen, die bisher bei ihren folgenschweren Taten von Bahnpolizisten gefaßt werden konnten, sondern es sind die gleichen Kräfte, die täglich und stündlich in Wort und Schrift, verbrecherische Elemente geradezu herausfordern, den friedlichen Aufbau in der sowjetischen Besatzungszone und im Ostsektor Berlins zu stören und zu hemmen, die das Sowjetvolk täglich verunglimpfen und seine Erfolge im sozialistischen Aufbau des Landes herabzusetzen trachten. Die gleichen Kräfte entfesseln eine infame Kriegshetze mit dem Ziel, das deutsche Volk für einen neuen Krieg reif zu machen, um es als Landsknechte beim Kreuzzug gegen die Sowjetunion mißbrauchen zu können.

Nichts könnte diesen Herrschaften heute gelegener kommen als eine völlige Lahmlegung des Betriebes der Berliner S-Bahn, des heute noch einzig zuverlässigen Verkehrsmittels in den Berliner Westsektoren. Daß Hunderttausende Werktätiger unter den verhängnisvollen Folgen solcher Lahmlegung zu leiden hätten, kümmert die Drahtzieher der Sabotageakte nicht. Sie fahren sowieso mit dem Auto und sind nicht auf die Stadtbahn angewiesen.

Bis zu welchem Grade man dabei zu gehen gedenkt, hat der mißglückte Anschlag auf das Kraftwerk Klingenberg eindeutig bewiesen. Nur unter Aufbietung aller Kräfte gelang es damals der Belegschaft, ein unübersehbares Unglück zu verhindern, dem auch Menschenleben zum Opfer gefallen wären. Mit der gleichen Gewissenlosigkeit werden die Anschläge auf die S-Bahn organisiert und vorbereitet. Lumpen finden sich noch genug in Deutschland. Verblendete, in deren Köpfen der Nazismus eine verheerende Unordnung schaffte, von der sie sich noch nicht befreien konnten. Sie betätigen sich als Schädlinge und als Verbrecher am deutschen Volk und müssen dementsprechend behandelt werden. Weit gefährlicher sind aber ihre Hintermänner, die Kräfte, denen sie zu Diensten sind. Können jene bei einiger Wachsamkeit aller oft noch erkannt und an ihren Taten gehindert werden, so tragen diese das Mäntelchen der Unschuld umgehangen. Sie tarnen sich geschickt als Freunde des Volkes. Sie spielen die Biedermänner, die Unschuldsknaben und lassen sich gern als "Helden der Freiheit", als "Märtyrer des Friedenswillens" feiern und beweihräuchern. Sie gebärden sich als Wohltäter der Menschheit und sind doch nur gefährliche Wölfe, die im Schafspelz einherstolzieren. Sie in ihrer Gefährlichkeit rechtzeitig zu erkennen, bedeutet gleichzeitig, ihnen das Handwerk zu legen.

Niemand unter den Millionen werktätiger Berliner kann ein Interesse daran haben, daß das Kraftwerk Klingenberg in die Luft fliegt, das zuverlässigste Berliner Verkehrsunternehmen lahmgelegt wird oder das deutsche Volk noch einmal die Schrecken eines Weltkrieges zu spüren bekommt. Und darum ist es erforderlich, daß alle, denen an einem störungslosen Ablauf unseres Aufbaus, an einer Rückkehr zu friedlichem Leben und an einer glücklicheren Zukunft unseres Volkes gelegen ist, sich mit aller Energie gegen die Friedensstörer, gegen die Saboteure und gegen die Kriegshetzer wenden. Wir müssen unsere Wachsamkeit erhöhen und den Feinden unseres Volkes in den Arm fallen.

Es würde nicht genügen, wenn die Bahnpolizei ihre Streifen auf den Bahndämmen verstärkt oder Soldaten der Besatzungsmacht den Schutz der Reichsbahnanlagen übernehmen. Weit wichtiger und wirkungsvoller ist die Stärkung der Front der Friedensfreunde, Zu einer festen Phalanx der anständigen Menschen müssen sie sich zusammenschließen und ihren Willen zum Fortschritt, zum Aufbau und zu einer friedvolleren Zukunft so deutlich zum Ausdruck bringen, daß den Kriegshetzern und Saboteuren ein für allemal die Lust an der Fortführung ihrer verbrecherischen Pläne vergeht.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Alltag, Mensch, Verkehrsmittel, S-Bahn, Recht
Aktualisiert am: 06.02.2006
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