Ziehen und Schieben
Eisenbahn
Flugzeuge
Automobile
Lastwagen
Zurück | Drucken

Artikel

11.11.1948 | Die Neue Zeitung

"Freie Läden" mit hohen Preisen

Sowjetzone "versorgt" Werktätige durch verstaatlichten Schwarzmarkt

Berlin (NZ). - Die SED-Presse und der kommunistische FDGB hatten vor einigen Wochen mit großem Aufwand verkündet, daß nach einem Beschluß der ostzonalen Wirtschaftskommission nunmehr in allen größeren Gemeinden und Städten der sowjetischen Zone sogenannte "freie Läden" eingerichtet würden. Die Werktätigen könnten hier Lebensmittel, Bekleidungsgegenstände, Haushaltsgeräte und sonstige Waren ohne Marken oder Bezugsscheine zu erhöhten Preisen erhalten. Jeder Arbeiter, der "mehr arbeitet und mehr verdient", könne dadurch "besser leben", während andererseits der Schwarze Markt der "Kapitalisten und Saboteure" durch diese Läden den Todesstoß erhalten würde.

In der folgenden Zeit wurde daraufhin in allen Teilen der Ostzone mit der Einrichtung dieser Läden begonnen. Viele Kaufhäuser und Privatgeschäfte in verkehrstechnisch günstiger Lage mußten deshalb auf Betreiben der sowjetischen Kommandanturen, oft binnen weniger Stunden, für diese "freien Läden" geräumt werden. Auch in Berlin wurden Läden im sowjetischen Sektor zugunsten dieser neuen "Unternehmen" in Anspruch genommen, und Warenhäuser, wie Wertheim am Alexanderplatz, hatten Verkaufsräume abzutreten oder ihre Häuser vollkommen zu räumen. Die Eröffnung der "freien Läden" steht nun unmittelbar bevor. Die sowjetisch lizenzierte Presse veröffentlicht darüber ausführliche Berichte, in denen auf alles, was dort verkauft werden soll, und auf die inzwischen "festgelegten Preise" eingegangen wird.

So wird unter anderem berichtet, daß diese Preise "zumeist nicht wesentlich unter dem Preisniveau des Schwarzen Marktes stehen werden". Von "zuständiger Stelle" werde diese hohe Preislage aber damit begründet, daß "vor allem das unkontrollierbare Kapital des Schwarzen Marktes in die öffentliche Hand überführt werden soll". Die "freien Läden" seien nämlich "volkseigene Betriebe", deren Einnahmen den Ländern zufließen, die damit ihren Haushalt sanieren sollten.

Früher war es der Schnaps, der aus den dem Ernährugssektor entzogenen Kartoffeln gebrannt wurde, der die Staatskassen wieder füllte, wenn neue Aufwendungen für die Besatzungsmacht oder Reparationszahlungen sie geleert hatten. Doch nach der Währungsreform der Sowjetzone ist auch dort das Geld beim kleinen Manne knapp geblieben, so daß der Schnaps zum Ladenhüter wurde. Zwar entschloß man sich, die Spritsteuer herabzusetzen, so daß dadurch der Preis für eine Flasche 40prozentigen Wodkas von durchschnittlich 70 auf etwa 56 Ostmark gesenkt wurde, aber auch das genügte nicht, um den Umsatz wieder zu steigern. So scheint jetzt die Eröffnung der "freien Läden" der letzte Ausweg zu seien, um die wirtschaftliche Sowjetisierung der Ostzone endgültig zu besiegeln. Ob die Bevölkerung allerdings die Gelegenheit, trotz großer Not und schlechter Belieferung der Lebensmittelkarten in diesen Läden zu kaufen, benutzen wird, bleibt immerhin fraglich. Die Preisliste der Unternehmen ist wirklich nicht für den Arbeiter gemacht. So kosten nämlich, wie die sowjetisch lizenzierte Presse berichtet, Herrenschuhe zwischen 150,- und 300,- Ostmark, Damenschuhe 300,- bis 400,- Ostmark, Seidenstrümpfe 30,- Ostmark, Herrenhüte 80,- bis 150,- Ostmark, Anzugstoff je Meter 90,- bis 135,- Ostmark, dreiteilige Damengarnituren sogar 50,- bis 80,- Ostmark.

Für die Lebensmittelabteilung werden folgende Preise angegeben: Weißer Zucker 38,- Ostmark, Kunsthonig 26,- Ostmark, Kartoffelmehl 12,- Ostmark, Sirup 10,- Ostmark, Trockenmilch 19,- Ostmark (immer je Kilo). Gemüse soll bis zu einem Preis von 1,80 Ostmark je Kilo erhältlich sein, während man Kartoffeln für 75,- Ostmark je Zentner anbieten will. Die Süßwarenabteilung will Fondants für 40,- bis 85,- Ostmark je Kilo und Konfekt für 120,- bis 180,- Ostmark je Kilo verkaufen, Kuchenbrötchen sollen dagegen pro Stück 0.80 Ostmark, eine 100-Gramm-Tafel Schokolade zwischen 18,- bis 24,- Ostmark kosten. Der Trumpf dieses Geschäftszweiges aber sollen Butterkremtorten sein, die man für 80,- Ostmark pro Stück anbieten will.

Neben Seife, das Stück bis zu 10,- Ostmark, und Parfümerien soll es aber auch Haushaltsgeräte und andere Waren geben. Fahrräder sollen 570,- bis 800,-, Fahrradmäntel 100,- und Fahrradschläuche 50,- Ostmark kosten; der Zentner Briketts dagegen 18,- Ostmark.

Mit den Einnahmen aus diesen Läden will man in der Sowjetzone jedoch nicht nur die Ländereinnahmen sichern, sondern gleichzeitig auch neu auftretende Kaufkraft abschöpfen. So dient dieser Schritt dazu, den Nutzen der progressiven Leistungslöhne für den Ostzonenarbeiter illusorisch zu machen, der, wenn er auch mehr verdienen mag, diese Preise auf keinen Fall bezahlen kann. Sein Mehrverdienst ist in allen Fällen prozentual bedeutend geringfügiger als der Preisaufschlag der "staatlichen Schwarzhandelsläden", wie die "freien Läden" von der Ostzonenbevölkerung genannt werden.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Autor
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Statistik, Alltag, Mensch, Kosten, Preise, Versorgung
Aktualisiert am: 06.02.2006
Zurück | Drucken