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Artikel

25.11.1948 | Die Neue Zeitung

Westdeutschland steht zu Berlin

Adenauer und Ollenhauer als Gäste im Wahlkampf

Berlin (NZ). - Zwei Wochen vor dem 5. Dezember, dem Tag der Berliner Wahlen, ist der Wahlkampf in Berlin lebhafter geworden. Die drei demokratischen Parteien hatten bisher auf wenigen Kundgebungen die Beteiligung an den Wahlen als Entscheidung für oder gegen die Demokratie mit dem Hinweis in den Vordergrund gestellt, daß ein Fehlen an der Wahlurne als Option für die SED, die sich an den Wahlen nicht beteiligt, betrachtet werden müsse. Inzwischen begannen die Parteien jedoch - während die SED ungehindert in den westlichen Sektoren Wahlenthaltung propagiert - stärker mit Plakaten und Flugblättern um die Stimme des Wählers zu werben. Außerdem sollen bis zum Wahlsonntag täglich in allen Teilen Westberlins Kundgebungen veranstaltet werden, in deren Verlauf neben den Berliner Parteiführern prominente Politiker Westdeutschlands sprechen werden. So haben bereits der Präsident des Parlamentarischen Rates und Vorsitzende der CDU in der britischen Zone, Dr. Konrad Adenauer, und der zweite SPD-Vorsitzende, Erich Ollenhauer, in Berlin gesprochen. Professor Carlo Schmid (SPD), Professor Dr. Theodor Heuß (DVP) und August Martin Euler (FDP) werden in den nächsten Tagen in Berlin erwartet.

Große Beachtung fand vor allem eine Rede Dr. Adenauers auf einer CDU-Kundgebung am 23. November in Berlin, auf der er zu aktuellen politischen Problemen, der Arbeit des Parlamentarischen Rates und der zukünftigen Gestaltung Deutschlands Stellung nahm. "Wir dürfen niemals unser gutes Recht auf Freiheit preisgeben", erklärte Dr. Adenauer unter starkem Beifall der Berliner. "Wer diesen Gedanken auch nur hegt, verdient nicht mehr, ein Deutscher genannt zu werden." Trotz allen Zusammenstehens müßten sich die Berliner bei den kommenden Wahlen aber darüber im klaren sein, daß es in Berlin, wie auch in ganz Deutschland, um die Entscheidung zwischen materialistisch-marxistischer Weltanschauung und dem christlichen Gedanken gehe.

In Westdeutschland sei man jetzt nach der Krisenzeit der vergangenen Monate "aus dem Schlimmsten heraus und schon in den nächsten Monaten werde eine fühlbare Besserung eintreten". Solche Krisen seien jedoch nicht durch Streiks - wie dies am besten das französische Beispiel zeige -, sondern nur durch Beratungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu lösen. Die einzige Rettung Europas läge dabei in der Schaffung einer gesamteuropäischen Förderation. Deutschland, das seinen Anschluß an eine solche Förderation ebenfalls wünsche, sei dabei bereit, die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Länder zu übernehmen. Zunächst müsse jedoch alles getan werden, um eine Lösung der deutsch-französischen Frage zu finden.

Mit Rücksicht auf die außenpolitische Lage lehnte Adenauer in einer sich anschließenden Pressekonferenz es ab, sich darüber zu äußern, ob nach seiner Auffassung Berlin wieder Deutschlands Hauptstadt sein könne. Die Mitglieder des Parlamentarischen Rates hätten zwar die Ansicht, daß Frankfurt als Sitz einer kommenden Bundesregierung nicht in Frage käme. Da die Ruhrkontrolle wahrscheinlich jedoch nach Düsseldorf oder Essen gelegt werde, sei es nach seiner Auffassung aber empfehlenswert, daß die zukünftige Bundesregierung ihr Domizil auch in der Nähe des Ruhrgebietes habe. Zunächst müsse jedoch eine deutsche Bundesregierung geschaffen werden, die nicht nur als Sprecher für die drei Westzonen, sondern für ganz Deutschland auftreten könne. Der zweite Vorsitzende der SPD, Erich Ollenhauer, erklärte dagegen, daß die Standhaftigkeit der Berliner gegenüber dem kommunistischen Totalitarismus Berlin die Berechtigung gegeben habe, zukünftige deutsche Bundeshauptstadt zu werden. In Berlin sei erstmalig eine echte Kooperation zwischen den demokratischen Kräften der Alliierten und der deutschen Bevölkerung entstanden, wie sie Europa heute nötiger denn je brauche.

Inzwischen haben die Sowjets neue Maßnahmen ergriffen, um freie demokratische Wahlen in Berlin zu verhindern. So wurde auf Befehl des amtierenden sowjetischen Stadtkommandanten Berlins, Oberst Alexej Jelisarow, am 23. November das Berliner Stadthaus im sowjetischen Sektor durch Markgraf-Polizisten besetzt, angeblich um einen Abtransport von Aktenmaterial und Wahlunterlagen in die Westsektoren zu verhindern. Neben weiteren sowjetischen Blockadebestimmungen, die unter anderem die Spaltung der Berliner S-Bahn-Verwaltung und die Behinderung der öffentlichen Verkehrsmittel zum Ziel haben, verkündete die SED für den 5. Dezember einen "Aktivistensonntag", um so fast 100 000 Westberliner Arbeiter, die daraufhin an diesem Tage in dem Sowjetsektor in vollen Schichten arbeiten müssen, an der Stimmenabgabe zu verhindern. Die demokratischen Westberliner Parteien, von denen der Wahlkampf bisher als scharfe ideologische Auseinandersetzung untereinander geführt wurde, haben sich infolge dieser neuesten sowjetischen Eingriffe in die Berliner Selbstverwaltung jetzt zu einer gemeinsamen "Freiheitsfront" zusammengeschlossen.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Horst Falk
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Demokratie, Wahlen
Aktualisiert am: 06.02.2006
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