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Artikel

26.11.1948 | Berliner Zeitung

Westberlin hinter Devisengrenzen

"Notgemeinschaft" fordert endgültige Spaltung / Machtpolitik an Stelle wirtschaftlicher Vernunft

Die Bestrebungen der Westberliner Spaltungspolitiker zur Verhinderung der Einigung über das Berliner Problem haben in letzter Zeit besonderen Aufschwung erfahren. Dabei wird die Forderung auf Einführung der B-Mark als Alleinwährung in den Westsektoren Berlins im Rahmen dieser Absicht mit stärkstem Nachdruck erhoben. Diesmal ist es die sogenannte "Notgemeinschaft Berlin", die in einer Denkschrift ihren westlichen Herren zwingende Gründe für die umgehende Einführung der Clay-Mark als alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel in den Westsektoren darzulegen versucht. Unter Leitung des gewesenen Stadtrats Klingelhöfer (SPD) und mit Unterstützung der UGO hatten private Unternehmerkreise ein Organ zu ihrer einseitigen Interessenvertretung gegründet, gerade in dem Augenblick, als Klingelhöfer mit einer Abteilung Wirtschaft aus dem Berliner Magistrat auszog und damit einen weiteren großen Schritt auf dem Wege der Spaltung Berlins vollzog.

Die in der Denkschrift angegebenen "Gründe" für die unumgänglich notwendige Alleineinführung der Clay-Mark in Westberlin sind die gleichen, die schon seit Wochen zu diesem Thema aus den Räumen der Taberna academica verlauten. Im vollen Bewußtsein der schwerwiegenden Folgen für die Berliner Wirtschaft, treibt die von der SPD und der UGO sanktionierte Unternehmerorganisation aus der Bayreuther Straße die Spaltung der Hauptstadt voran. Bereits am 11. Oktober stellte der Stadtrat für Banken und Versicherungen, Heinzelmann (SPD) fest, daß die Einführung der Clay-Mark als Alleinwährung eine Devisengrenze mitten durch die Stadt bedeuten würde, was zumindest einer wirtschaftlichen Zweiteilung Berlins gleich käme. Ebenso teilte General C l a y in seinem letzten Monatsbericht einen Beschluß der drei Westmächte mit, nach dem "zur Erleichterung der Situation der Westberliner Arbeiter" die Freizügigkeits- und Auswanderungsbeschränkung aufgehoben würden. Dies bedeutet, daß mit einer Verstärkung der ohnehin schon erheblichen Arbeitslosigkeit in Westberlin gerechnet wird, der durch den Arbeiter-Export, nach dem Westen begegnet werden soll. Auch in der Denkschrift wird gezwungenermaßen auf die negativen Auswirkungen der geforderten Maßnahme hingewiesen:

"In gewissen Bereichen der Industrie muß mit einer wesentlichen Erschwerung der Lage gerechnet werden. Das ist überall dort zu befürchten, wo es Unternehmen des Sowjetsektors und der Sowjetzone infolge ihrer geringen Gestehungskosten möglich sein wird, ihre Erzeugnisse billiger anzubieten als die entsprechenden Westberliner Firmen... Mit einer erheblichen Einschränkung der bisherigen Absatzmöglichkeiten der Westberliner Wirtschaft nach dem Osten wird gerechnet werden müssen... Eine schärfere Trennung zwischen Ost- und Westsektoren wird eine weitere Folge sein und die Beziehungen zwischen Ost- und Westberlin werden starke Änderungen erfahren... Das ernsteste Problem für die Berliner Wirtschaft sei die Gefahr des Ansteigens der Arbeitslosigkeit. Dem ist durch die Kreditgewährung entgegenzuwirken, auch auf die Gefahr hin, daß die gefertigten Erzeugnisse zunächst nicht abfließen können."

Diese Bemerkungen enthalten jedoch nur einen Teil der äußerlich sichtbaren Auswirkungen. Zweifellos würde die Devisengrenze das Wirtschaftsleben unserer Stadt in erheblichem Maße schädigen. Die Auswirkungen für die Westberliner Arbeiter würden geradezu katastrophal sein, da weder die Taberna-Politiker noch ihre westlichen Auftraggeber in der Lage wären, das zu erwartende Massenaufgebot arbeitsloser Westberliner zu verhindern. Demgegenüber kann gesagt werden, daß für die Bewohner des Ostsektors im Falle des Verlustes ihrer Westberliner Arbeitsplätze genügend Arbeitsmöglichkeiten im Ostsektor zur Verfügung stehen. Die demokratische Wirtschaft der Ostzone, dem natürlichen Hinterland der Berliner Wirtschaft, wird mit steigender Produktion einen ständigen Bedarf an Arbeitskräften haben, so daß auch im Falle der endgültigen Abtrennung der Westberliner Wirtschaft im Ostsektor mit Arbeitslosigkeit nicht zu rechnen ist. Neben der drohenden Massenarbeitslosigkeit, weiteren Verkehrsbeschränkungen und dem finanziellen Ruin zahlreicher Westberliner Unternehmen gibt es jedoch noch andere Erwägungen, die eine währungsmäßige Isolierung der Westsektoren geradezu unsinnig erscheinen lassen. Aus den Westzonen wird in den letzten Wochen ein anormales Steigen des Notenumlaufes berichtet, über dessen Gründe hier nicht näher eingegangen werden kann. Mit Drosselung der Kreditgewährung und anderen deflatorischen Maßnahmen wird versucht, die drohende Inflation aufzuhalten. Mit der Einführung der Clay-Mark als alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel in Westberlin wird von ihren Initiatoren beabsichtigt, eine stärkere Bindung der Westberliner Wirtschaft an die Westzonen herbeizuführen. Dies würde zur Folge haben, daß fortgesetzt beträchtliche Clay-Mark-Beträge in Westberlin in Umlauf gebracht werden, die bei ihrem Rückfluß in die Westzonen die inflatorischen Tendenzen nur noch verstärken würden. Die Einführung des B-Stempels und der Perforierung sollte dieser Entwicklung entgegenwirken. Sollten also - was im Falle der tatsächlichen Einführung der Clay-Mark als alleiniges Zahlungsmittel in Westberlin angesichts der inflatorischen Tendenzen durchaus möglich ist - B-Stempel und Perforierung weiterhin der Abschirmung der Westzonen gegen die Clay-Mark dienen, so wären die Westberliner Finanzexperten bei der Westberliner Bärenmark angelangt.

Damit wäre auch ein noch so künstlich gestützter Kurs gegenüber der Deutschen Mark der Deutschen Notenbank auf die Dauer nicht zu halten. Die gefährliche Auswirkung dieses unvermeidlichen tiefen Kurssturzes der Westberliner Separatwährung wäre um so bedenklicher, als in der obengenannten Denkschrift die Deutsche Mark jenseits der Devisengrenze zum jeweiligen Wechselkurs in Zahlung genommen werden soll.

Aus dem Obengesagten ergibt sich, daß der Vorschlag der Westberliner Unternehmerorganisation jeder wirtschaftlichen Vernunft entbehrt und lediglich machtpolitischen Erwägungen auf Kosten der Westberliner Bevölkerung entsprungen ist.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform, Kommentar
Aktualisiert am: 06.02.2006
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