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30.11.1948 | Die Neue Zeitung

SED stört Wahlversammlungen

Westpolizei muß eingreifen - Sabotage am S-Bahnverkehr

Berlin (NZ). - Der Wahlkampf in Berlin hat seinen Höhepunkt erreicht. Die demokratischen Parteien veranstalten allein am vergangenen Wochenende 50 Wahlversammlungen, in denen auch führende westdeutsche Politiker zu den Berlinern sprachen. Zu gleicher Zeit verstärkten auch die Berliner Kommunisten ihre Aktivität, die sich bisher auf Antiwahlpropaganda im Rahmen der SED-Kundgebungen und -Betriebsversammlungen beschränkt hatte.

"Tiefgreifende Beeinflussung"

Der neue Vorsitzende des Berliner Landesverbandes der SED, Hans Jendretzky, hatte am 27. November auf einer Landesdelegiertenkonferenz seiner Partei bereits angekündigt, daß die SED in den nächsten Tagen "eine Reihe von Aufgaben lösen wird, die die Entwicklung in Berlin tiefgreifend beeinflussen werden". Es sei höchste Zeit, daß in Berlin gehandlelt werde, erklärte Jendretzky und forderte gleichzeitig die Bildung eines neuen Magistrats.

Die ersten Auswirkungen dieser angekündigten Gewaltpolitik zeigten sich bei kommunistischen Störungsversuchen in zahlreichen Wahlversammlungen der demokratischen Parteien. Kommunistische Störtrupps drangen in eine liberal-demokratische Kundgebungen im Bezirk Wedding (französischer Sektor) ein und versuchten die Rede von Professor Theodor Heuß, Vorsitzender der DVP, durch Zwischenrufe und Sprechchöre zu stören. Es entstand ein Handgemenge. Die Polizei der Westsektoren mußte eingreifen und die Ruhestörer entfernen. Dabei stellte es sich heraus, daß es sich in erster Linie um Mitglieder der SED aus Sachsen und Brandenburg handelte, die für die Aktion der SED nach Berlin beordert worden waren. Auch in Charlottenburg, Spandau (britischer Sektor ) und Neukölln (US-Sektor) kam es zu Zwischenfällen. Übereinstimmend wiesen die westdeutschen Gäste auf die entscheidende Bedeutung der Berliner Wahlen am 5. Dezember für die Gestaltung des Westens und ganz Deutschlands hin. Berlin liefere für den deutschen Westen die moralischen Kalorien, die wertvoller seien als die materiellen, die Berlin aus Westdeutschland erhalte, erklärte Carlo Schmid (SPD) und nannte Berlin "das eigentliche Kraftzentrum Deutschlands". "Der Berliner Wahlkampf wächst in die weltgeschichtliche Situation", betonte auch Professor Dr. Theodor Heuß (DVP), und Dr. Höpker-Aschoff erklärte zuversichtlich: "Wir sind fest überzeugt, daß sich Berlin in diesen Tagen für die westeuropäische Welt und damit für die Freiheit und gegen die östliche Sklaverei entscheidet." Die drei westdeutschen Sprecher bekannten sich übereinstimmend zu der Auffassung, daß Berlin als politisch lebendigste Stadt die Stellung der künftigen Hauptstadt der deutschen Republik einnehmen müsse.

Professor Carlo Schmid setzte sich in seiner Wahlrede besonders scharf mit der Wirtschaftspolitik der CDU auseinander. Warenhortung und Preissteigerung, die Folgen dieser liberalistischen Politik, lieferten dem Kommunismus die besten Argumente. Wer daher in Berlin die "Reaktion" wähle, stärke damit die "fünfte Kolonne in Westdeutschland".

Als "Sprung in die Freiheit" bezeichnete Dr. Höpker-Aschoff (FDP) die Wirtschaftsentwicklung in Westdeutschland nach der Währungsreform, die "wie ein Magnet" auf die unerlösten deutschen Ostgebiete wirken werde. Die Wiedergesundung Westdeutschlands werde das sozialistische System ad absurdum führen. Als Vertreter ganz Deutschlands berieten die Abgeordneten in Bonn die neue Verfassung für eine "Bundesrepublik" Deutschland und die Berliner Vertreter seien keine Gäste, sondern Mitarbeiter, die stellvertretend auch für die Ostzone ihren Einfluß geltend machten. Während die demokratischen Parteien im Laufe dieser Woche noch zahlreiche Massenkundgebungen durchführen, auf denen in erster Linie die Berliner Spitzenkandidaten sprechen werden, erwartet man in politischen Kreisen, daß sich die Agitation und Aktivität der SED noch verstärken wird. In diesem Zusammenhang wird auch die Mitteilung von der Verschiebung der SED-Parteikonferenz, die auf den 4. bis 6. Dezember angesetzt und monatelang propagandistisch vorbereitet worden war, als Symptom dafür angesehen, daß man auf seiten der Kommunisten eventuelle Aktionen am Wahltag nicht durch eine eigene Großveranstaltung behindern will.

T-Träger über Schienen gelegt

Schon jetzt werden täglich Sabotageakte auf die S-Bahnstrecken der Westsektoren durchgeführt, die bekanntlich dem sowjetischen Verkehrsoffizier unterstellt sind. In der Nacht zum 28. November konnte ein größeres Unglück zwischen zwei Bahnhöfen des amerikanischen Sektors nur dadurch verhindert werden, weil der Zug zufällig mit herabgesetzter Geschwindigkeit fuhr. Unbekannte Täter hatten einen vier Meter langen Doppel-T-Träger auf die Schienen gelegt, der Kurzschluß verursachte. Auf der gleichen Strecke wurden Signale und Lampen demontiert. In den frühen Morgenstunden des 28. November wurden ferner durch Angehörige der sowjetischen Besatzungstruppen die Übergänge vom amerikanischen Sektor in die russische Zone für den Kraftfahrzeugverkehr gesperrt. Ähnliche Maßnahmen wurden an der Grenze des britischen Sektors beobachtet.

Trotz dieser offensichtlichen Terrorakte und Drohungen rechnet man in Kreisen der demokratischen Parteien mit einer starken Wahlbeteiligung. Die Bevölkerung habe sich bisher durch keine der sowjetischen Maßnahmen einschüchtern lassen und sei des Schutzes der westlichen Besatzungsmächte gewiß.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Demokratie, Wahlen, Störung, Sabotage
Aktualisiert am: 06.02.2006
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