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Artikel

04.01.1949 | Die Neue Zeitung

Bindeglied zwischen Ost und West

Die Aussichten des Interzonenhandels nach der Währungsreform

In den nachstehenden Ausführungen berichtet ein deutscher Verwaltungsfachmann von den Problemen und Möglichkeiten, die sich nach seinen Erfahrungen aus der Währungsreform für den Handel zwischen Ost- und Westdeutschland ergeben.

Frankfurt. - Ein halbes Jahr ist seit der Währungsreform ins Land gegangen. Nicht nur von den Politikern, sondern in vielleicht noch stärkerem Maße von der breiten Öffentlichkeit wird heute die Auswirkung der Währungsreform auf das Wirtschaftsleben unter die Lupe genommen.

Eine Kardinalfrage ist die Auswirkung der Währungsreform auf den Interzonenhandel, den alten deutschen Binnenhandel. Die politische Entwicklung läßt erkennen, daß hier vielleicht das gravierendste Moment der Währungsreform überhaupt zu suchen ist. Die Zonengrenze nach Ostdeutschland ist nun auch Zahlungsgrenze geworden, nachdem sie schon vorher militärische, politische und Marshall-Plan-Grenze war. Mögen die Diskussionen über das Gelingen der Währungsreform auch heute noch stark auseinandergehen, so hat die Meinung, daß sie notwendig war und neben viel Armut und Elend doch die Grundlage zu einer Wiedergesundung unserer Wirtschaft gebracht hat, mehr und mehr Platz gegriffen. Von einer Verbesserung der Handelsfreiheit im Güterumschlag zwischen Ost und West kann jedoch einstweilen keine Rede sein. Das Gegenteil ist der Fall. Die amerikanische und die britische Militärregierung haben die Festsetzung einer Relation zwischen D-Mark und Ostmark abgelehnt. Marschall Sokolowskij hat den Angehörigen der Ostzone den Besitz von D-Mark verboten. (Auch die Austauschmöglichkeit von 5000 DM für Besucher der Leipziger Messe in Ostmark in Verhältnis 1:1 hat daran nichts geändert, sondern ist nur als ein staatskapitalistischer Devisengewinn der Ostzone zu werten.) Die östliche Militärregierung hat technische Transportschwierigkeiten proklamiert, und die westlichen Alliierten haben eine totale Transportsperre für Bahn und Kahn verhängt. Damit scheint der schon lange durch militärische und wirtschaftliche Maßnahmen vorbereitete Schnitt durch die Mitte Deutschlands vollzogen zu sein. Diese Entwicklung zeigt, auf welche Ebene die Probleme des deutschen Binnenhandels gerückt sind: vom ideologischen Meinungsstreit zum Nervenkrieg, vom Europa-Hilfsprogramm auf der einen und dem Molotow-Plan auf der anderen Seite über die autarke Zonenpolitik der einzelnen Besatzungsmächte zum Wirtschaftskrieg. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß durch die Behandlung der deutschen Probleme an der großen Glocke der Schlüssel zum Wiederingangbringen des deutschen Binnenhandels für lange Zeit nicht oder nur unter großen Opfern gefunden werden kann. So muß die Initiative bei den Hauptinteressenten des deutschen Binnenhandels selbst gesucht werden, beim Kaufmann, beim Großhändler, bei jedem Deutschen in Ost und West. Erst wenn der Motor erlahmt, der das Handelsschifflein auf den schwierigen Straßen des deutschen Interzonenhandels treibt, ist der Verkehr endgültig zum Stillstand gekommen. Es ist bekannt, unter welchen Benzin- und Ölmangel dieser Motor leidet, welche Schäden ihm durch Demontagen zugefügt wurden, so daß er heute nur noch einen Bruchteil seiner früheren Umdrehungszahl leisten kann. Trotzdem ist er heute für uns Deutsche das einzige Aggregat, dessen Pulsschlag noch hüben wie drüben zu spüren ist. Sein Treibstoff ist der Wille, das deutsche Problem aus einer gesamtdeutschen Perspektive zu lösen, aus der Erkenntnis, daß Deutschland ein Wirtschaftsgebiet ist und eine Wiedergesundung der deutschen Wirtschaft nur im Austausch der Wirtschaftsgüter aller deutscher Lande erreicht werden kann. Die Voraussetzungen für den Interzonenhandel mit der sowjetischen Zone haben ein anderes Gesicht bekommen. Während vor der Währungsreform die Lieferbereitschaft der Partner vielfach erbeten und erkämpft werden mußte, sind die Kaufleute in der Bizone heute mehr und mehr absatzorientiert. Der Überschuß an Warmblutpferden, an Zuchtvieh und Frühkartoffeln in der Bizone einerseits und der Überschuß an Brotgetreide, Konsumkartoffeln, Zucker und anderen Ernährungsgütern in der Ostzone drängen zum Markt. Aber auch die Industrie mit Stahl und Eisen, chemische Produkten, Pharmazeutika und Kautschuk im Westen und die Textilindustrie, der Holzmarkt, die Glasbläsereien und Kartonagenfabriken in Osten sehen wieder auf ihre alte Kundschaft in der anderen Zone und bieten ihre Ware an. Insofern sind die Vorzeichen für ein Wiederaufleben des Interzonenhandels günstig. Es ist eine gesunde Entwicklung, bei der die Partner einander nun auch wieder in allen Teilen Deutschlands suchen müssen und darüber hinaus zum Weltmarkt streben. Die Kaufkraft der Konsumenten spielt wieder die ausschlaggebende Rolle. Dabei ist die Bizone an einen günstigen Platz gerückt, denn die D-Mark steht hoch im Kurs gegenüber allen anderen deutschen Währungseinheiten, und wenn auch durch die Währungsreform die Armut deutlich geworden ist, so sitzt man im Westen gegenüber der Ostzone doch noch an einem reicher gedeckten Tisch, so daß die Nachfrage und damit der Anstoß zum Wiederanlaufen des Interzonenhandels wohl von der Ostzone erwartet werden darf. Andererseits ist es ein altes volkswirtschaftliches Grundgesetz, daß der volle, mit Waren angereicherte Raum zum Vakuum drängt. Auch wenn die Güter im vollen Raum für seine Verbraucher noch nicht allerorts ausreichen, so kann der Westen doch dem Osten die Waren anbieten, die abgegeben werden können, um dafür andere Waren aus der Ostzone einzutauschen.

Da die Behörden dem Geschäftsmann noch nicht die Wege für einen Zahlungsverkehr zwischen Ost und West ebnen können, bleibt dem Kaufmann im Moment nur der reine Naturalaustausch, das heißt eine von Ost oder West gelieferte Ware wird nicht in bar, sondern nur in Buch bezahlt und dieser Bucherlös in gleicher Höhe zur Bezahlung der Tauschware verwandt. Dabei müssen Frachtkosten und Spesen frei Grenze berechnet werden. Dieser Weg läßt nur Geschäfte Zug um Zug und in kleinerem Umfange zu, wobei sich die Kontrahenten in Ihren Lieferwerten entsprechen müssen. Dreiecksgeschäfte sind kaum möglich. Eine weitere Zahlungsmöglichkeit bietet sich Unternehmen, die Filialen mit eigenem Geschäftsgebaren in der anderen Zone unterhalten, aus deren Einkünften Warenbezüge bezahlt werden können. Dieses Verfahren setzt allerdings voraus, daß die Liquidität der Filiale groß genug ist, um auf die Dauer einen "Devisenverlust" zu tragen.

Ein Verrechnungsmodus zwischen Ost- und Westmark existiert nicht. Damit sind auch keine Voraussetzungen für ein echtes Clearingverfahren vorhanden. Daher haben auch die Verwaltungen in ihren Überlegungen an den vom Handel schon vielerorts geübten Naturalaustausch angeknüpft, um ihn auf Zonenbasis anzuwenden. Danach müßten die Lieferungen der Ostzone denen der Westzone wertmäßig entsprechen, wobei man sich noch nicht im klaren ist, ob der D-Mark-Wert oder der Ost-Mark-Wert zugrunde zu legen wäre. Die Bezahlung könnte durch Verrechnungskassen erfolgen, von denen in jeder Zone eine zu errichten wäre. Sie hätten die Lieferungen der eigenen Zone in heimischer Währung zu bezahlen und wären durch den Erlös der Warenbezüge aus der anderen Zone zu speisen. Ob dieser Weg sich auf die Dauer als gangbar erweist, ist fraglich. Zunächst ist noch unklar, wer das Risiko tragen könnte, das sich aus der Differenz zwischen Bezahlung der Lieferungen und Einzahlung für Bezüge oder durch Preisschwankungen ergeben kann. Ferner würden kaufmännische Grundsätze bei der Kalkulation der Verrechnungskasse völlig auf den Kopf gestellt. Anstatt die Preise für den Exporteur hochzuhalten, wird eine solche Verrechnungskasse daran interessiert sein müssen, möglichst niedrige Preise für Lieferungen auszuschütten und möglichst hohen Erlös für Waren aus der anderen Zone zu erzielen. So zeigt sich, daß bis zum intakten Funktionieren dieser Zahlungsweise noch ein weiter Weg bleibt und damit der Kaufmann zunächst auf Erschöpfung seiner eigenen Möglichkeiten angewiesen ist.

Der Interzonenhandel ist heute das letzte Bindeglied zwischen Ost und West. Von seiner Aktivität wird es abhängen, ob der Schritt durch das Herz Deutschlands endgültig ist, oder ob die Bande, die die Handelsstraßen zwischen Ost und West verbinden, so fest sind, daß sie auch stärksten Belastungen standhalten können. An historischen Vorbildern fehlt es dem Handel nicht. Noch immer sind es die Kaufleute gewesen, die zuerst Neuland betreten haben. Ihrer Pionierarbeit folgte dann die der Politiker und Militärs nach.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Währung, Währungsreform, Ostmark, D-Mark, Wirtschaft, Interzonenhandel, Binnenhandel, Handel, Industrie, Güter, Gütertransport, Lebensmittel, Austausch, Alltag, Versorgung, Clearingverfahren, Blockade, Teilung, Ostzone, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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