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Artikel

04.01.1949 | Die Neue Zeitung

Überraschungen der Ostpolizei

"Grenzkontrollen" innerhalb Berlins - Polizisten verprügelt

Von unserem Korrespondenten Peter Köhrer

Berlin. - Die letzten Tage des alten Jahres wären im blockierten Berlin allgemein ruhig verlaufen, wenn nicht die Ostsektoren-Polizei durch Gepäckkontrollen an der "Grenze" zwischen Ost- und West-Berlin für neue unerfreulichen Überraschungen gesorgt hätte. Die in Richtung West-Berlin abgehenden Züge der Untergrund- und Stadtbahn wurden an den "Grenzbahnhöfen" sofort nach der Einfahrt durchsucht. Koffer, Taschen, Rucksäcke wurden überprüft, Lebensmittel und Kohlen selbst dann beschlagnahmt, wenn es sich nur um ganz geringfügige Mengen handelte.

Mit den auch nach den Feiertagen fortgesetzten Kontrollen will man den Westberlinern die letzte Möglichkeit nehmen, sich eventuell über Verwandte und Bekannte im Ostsektor, wo die Schwarzmarktpreise niedriger sind, Kohlen oder Kartoffeln zu beschaffen. Die Berliner griffen bei den Kontrollen häufig zur Selbsthilfe, wenn der Zug anfuhr, bevor die kontrollierenden Markgraf-Polizisten wieder aussteigen konnten. Sowie der Zug über die unsichtbare Sektorengrenze gerollt war, verprügelten sie die Markgraf-Polizisten und nahmen ihnen die "beschlagnahmten" Güter wieder ab.

Die Bevölkerung, die den Jahreswechsel gefeiert hatte, indem sie sich ausruhte oder ihre Freunde und Verwandten besuchte, mitunter aber trotz aller Sorgen am Neujahrsmorgen beschwingt nach Hause kam, widmete sich mit Beginn des neuen Jahres wieder mehr der Politik. Die Berliner SPD hielt am 2. Januar einen Landesparteitag ab und forderte in ihrem dort verabschiedeten Regierungsprogramm, daß Berlin stimmberechtigt an den Organen der künftigen Bundesrepublik Deutschlands teilnehmen soll. Politisch wie auch wirtschaftlich könne durch die Einbeziehung Berlins in die Bundesregierung, um deren Voraussetzungen man sich zur Zeit in Bonn bemühe, eine Überwindung der Berliner Krise gefördert werden. Die SPD verlangte weiterhin erneut die sofortige Einführung der Westmark als alleiniges Zahlungsmittel in West-Berlin. Die neue von der Alliierten Kommandantur seinerzeit nicht genehmigte Verfassung soll überall dort angewendet werden, wo es die Vorschriften der vorläufigen, 1946 erlassenen Verfassung gestatten. Magistrat und Stadtparlament sollen dafür eintreten, daß sich die Alliierte Kommandantur im Interesse einer freiheitlichen Entwicklung auf Überwachungsaufgaben beschränke. Weiter spricht sich die SPD für eine Vergrößerung des Transportraumes der Luftbrücke und für eine Beteiligung deutscher Behörden an der Transportplanung aus. Außerdem soll der Magistrat in Berlin einen allgemeinen Lastenausgleich vorbereiten.

Als bedeutsam wird die Bereitschaft der SPD angesehen, ungeachtet der absoluten sozialdemokratischen Mehrheit weiterhin mit den beiden anderen Parteien (CDU und LDP) wegen des durch die Blockade entstandenen Notstandes zusammenzuarbeiten.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Parlament, Blockade, Luftbrücke, Transport, Westmark, Grenze, Zonengrenze, Sektoren, Sektorengrenze, Besatzungstatus, Vier-Mächte-Status, Kontrolle, Polizei, Güter, Gütertransport, Alltag, Versorgung, Lebensmittel, Schwarzmarkt, Zahlungsmittel, Fernreise, Gepäck, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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