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Artikel

12.03.1949 | Die Neue Zeitung

Blockadefahrt nach Leipzig

Ein Ausländer aus Berlin auf der Messe

Eine Fahrt zur Leipziger Messe ist für einen westlichen Ausländer und noch dazu einen "feindlichen" aus Berlin, ein ganz und gar ungewöhnlicher und unerwarteter Sonntagsausflug ins innerste, dunkelste und verbotenste Sowjetdeutschland. Auf einmal klappt alles, wie im Märchen. Kapitalistischer Amerikaner ist man? Imperialistischer Engländer ? Aber bitte sehr, das macht gar nichts. Man ist willkommen - auf einmal. Sperre, Kontrollposten und Autobahn liegen, plötzlich vom magischen Zauberwort "Leipzig" erschlossen, offen vor einem. Gibt es Leipzig wirklich ?

Ja, das gibt es. Und mancherlei hat sich dort seit dem letzten Jahr verändert. Die Intourist-Propaganda zum Beispiel, die noch vor Jahresfrist auf fröhlich bunt bedruckten Kärtchen einlud: "come and visit the Mess in Leipzig", scheint inzwischen hinten herum erfahren zu haben, daß "mess" in der englischen Sprache nicht "Messe", sondern "Chaos, Durcheinander, Luderwirtschaft" heißt. Das ist korrigiert worden.

Auch den Nepp haben sie jetzt richtig organisiert, den begreift jetzt jedes westlich kapitalistisches Kind. Die Valutamark ist eine glänzende Erfindung. Unsereiner bekommt ohne sie reinweg gar nichts, mit ihr glattweg alles - wenn er Zeit zum Warten hat. In "Auerbachs Keller" allerdings dauerte es uns zu lange. Nach einer Stunde hatte man just unsere Bestellung entgegengenommen. Nach einer weiteren Stunde ein Glas Bier geliefert. Danach war's aus. Mit dem Benzin ging's glatter. Soviel man will gegen Valutamark. Da lacht dem blockierten Autofahrer das Herz.

Allerdings, wie das mit der Westmark in Leipzig ist, habe ich nicht verstanden. Auf der langen Liste der in Valutamark umtauschbaren Währungen steht sie an unterster Stelle und zwar "1 Westmark = 0,80". Was "0,80" bedeutet, steht nicht dabei. Man nimmt an, es sei Valutamark, und irrt sich. Es ist Ostmark. Jawohl, sie geben einem in Leipzig ganze runde achtzig Ostpfennige für eine Westmark (Dollar und Pfund rechnen sie zum offiziellen Kurs). Als ich dem Mann erklärte, das sei kein Geschäft, denn Ostmark hätte ich mehr als genug, die ganze Tasche voll, fiel ihm vor lauter Sprachlosigkeit die untere Mundklappe herunter. Woraus zu ersehen ist, daß sie in Ostdeutschland anscheinend wirklich glauben, sie hätten "gutes Geld".

Die Messestände bezeugen, daß das Bild Leipzigs sich verändert hat. Die Lederwarenindustrie ist elend und sah mir, dem Laien, nicht einmal von weitem konkurrenzfähig aus. Mit den Textilien sieht es schon anders aus. Da war Reichhaltigkeit, Geschmack und Phantasie, und Qualität, die sich auch beim näheren Hinfassen nicht in Brennesseln und Glaswolle auflöste. Das graphische Gewerbe war von Propaganda erdrückt, doch die Spielwarenindustrie - eine helle Freude an Reichtum der Erfindung, guter und gediegener Arbeit. Die Küchen- und Gebrauchskeramik hingegen schien gegen die Vorjahre stark abgesunken, auf den allerbreitesten, niedersten gemeinsamen Geschmacksnenner gebracht. Ich sah nicht eine Tasse, die ich auf meinem Tisch sehen möchte.

Wohl aber Porzellan. Meißen ist in voller Blüte, obzwar noch immer Sowjet-AG und auf Gedeih und Verderb an die räuberische Rasno-Export gekettet. Aber sie arbeiten, so versichern sie, mit Friedensstärke und Friedensqualität, ohne freilich zu wissen, was ihre eigenen Waren kosten. Das bestimmt Rasno. Und sagt es ihnen nicht einmal. Nicht weit davon stellt einer Glasaugen aus. Die faszinierten mich. Niemals hätte ich gedacht, daß es so viele Arten von Augen gibt und daß sie sich schaukastenmäßig in nordische, westeuropäische, osteuropäische und andere Kategorien ganz mühelos und irrtumfrei einteilen lassen.

Einem Stand allerdings bewahre ich liebevolles Gedenken, und er wird mich nicht wie die Glasaugen durch sämtliche bösen Träume verfolgen. Das ist das Kobaltporzellan des Grafen von Henneberg. Das gehört ganz einfach zum schönsten, graziösesten, perfektesten, was die Porzellankunst hervorgebracht hat. Der Graf von Henneberg ist freilich volkseigen geworden, ein Volksgraf, aber ein prächtiger, wie geschaffen zum Herumzeigen. Aber er hat es sich nicht anfechten lassen. Seine Porzellantassen sind so verschwenderisch in Form und Farbe wie nur eh und je.

Einmal eines Tages, wenn Stalin, Rasno-Export, Hennecke und die Einheitsfäuste und Glasaugen gerade nicht hinschauen, kauf ich ihm was ab. Bei Gott, ich tu's, und wenn ich nie wieder nach Leipzig darf.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Peter de Mendelsohn
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Versorgung, Güter, Leipziger Messe, Grenze, Ökonomie, Westmark, Ostmark, Reise, Leipzig, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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