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Artikel

31.03.1949 | Der Tagesspiegel

Der umstrittene "Stichtag"

Der Beschluß des Magistrats, daß die Gebühren für Strom und Gas vom 1. April an in Westmark erhoben werden sollen, soll, wie man uns mitteilt, nicht geändert werden. Die GASAG und die Bewag seien berechtigt gewesen, die Gebühren bereits vom 21. März an in Westmark zu fordern. Der Magistrat habe diese Frist bis zum 31. März verlängert und sich bereit erklärt, der GASAG 800 000 Ostmark in Westgeld umzutauschen. Einen weiteren Zuschuß könne der Magistrat nicht gewähren. Diese "Großmut" stößt auf wenig Verständnis bei allen, denen der Beauftragte der Bewag oder der GASAG "turnusgemäß" seinen Besuch erst nach dem Stichtag abstattet. Sie sehen darin einen "Zufall" der um so unerfreulicher ist, als niemand die Gepflogenheiten dieser Kontrolleure und ihrer Auftraggeber kontrollieren kann. Eine weniger zufällige Regelung zu finden, muß möglich sein. Und das schon deshalb, damit "Unregelmäßigkeiten" unmöglich gemacht werden.

Beginn des Lohnumtausches

In der Lohnausgleichskasse am Breitenbachplatz 14 werden jetzt die Formulare für die Westberliner Betriebe ausgegeben, deren Arbeiter und Angestellte zum Teil im Ostsektor wohnen und die dort Lebensmittel beziehen. Für diese Arbeitnehmer müssen die Firmen 90 Prozent der Netto-Löhne und Gehälter bei der Lohnausgleichskasse im Verhältnis 1 : 1 in Ostmark umtauschen. Firmen, die ihre Formulare schon abgeholt haben, können die Beträge an folgenden Tagen einwechseln: Die Buchstaben A bis E am 1., F bis K am 2., L bis Q am 4., R bis S am 5. und T bis Z am 6. April. Die Lohnausgleichskasse ist von Montag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr, am Sonnabend von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

Lohn- und Gehaltsempfänger, die 30 oder 60 Prozent ihres Ostmark-Nettoeinkommens in Westmark einwechseln dürfen, müssen sich an die Bezirkskassen ihrer Wohnbezirke wenden. Die Neuköllner, die im Ostsektor arbeiten, hatten sich am Mittwoch schon um 5 Uhr 30 zu Hunderten vor der Lohnausgleichsstelle ihres Bezirkes in der Emser Straße eingefunden. Um 9 Uhr wurden die Kassen geöffnet, aber bis 11 Uhr waren erst ungefähr 200 der Formulare ausgegeben, die dort ausgefüllt werden müssen. Da die Kassen nur für etwa 600 Leute Geld bereit hatten, mußten viele der Wartenden unverrichteter Dinge nach Hause gehen. Das Gedränge war beängstigend, und die Neuköllner machten ihrer Empörung in erregten Worten Luft.

Alle Westberliner, die im Ostsektor arbeiten und die den ihnen zustehenden Ostmarkanteil in einer Lohnausgleichsstelle in Westmark eintauschen wollen, müssen eine Lohnbescheinigung ihres Arbeitgebers vorweisen, die vom Arbeitsamt des Wohnbezirks mit einem Sichtvermerk versehen sein muß. Ferner sind die Lohnsteuerkarte und - von Personen, die Kinder haben - eine Bescheinigung der Westberliner Kartenstelle vorzulegen, bei der die Lebensmittelkarten bezogen werden. In der Lohnausgleichsstelle erhält jeder ein Formular, das ausgefüllt und zusammen mit den oben erwähnten Unterlagen an der Kasse abgegeben werden muß. Es werden lediglich Löhne und Gehälter aus der Zeit nach dem 26. März umgetauscht.

Der 280. Tag der Blockade

Am 280. Tag der Blockade trafen über die Luftbrücke mit Gütern, die für die Berliner Wirtschaft bestimmt sind, ein: Flugzeuge 905 Tonnen Fracht 5908,2 Von Dienstag mittag bis Mittwoch mittag landete durchschnittlich alle 90 Sekunden eine britische oder eine amerikanische Maschine auf einem der drei Berliner Luftbrückenflugplätze. (DENA)

Es wird verteilt

Mitte: Ein halbes Kilo Zwiebeln auf Abschnitt E/F der März-Fleischkarte. - Am 5. April verfällt der Abschnitt F/F der Februar-Fleischkarte. Neukölln und Steglitz: Je 62,5 Gramm Trockengemüse auf die Abschnitte p 1 und p 2 der April-Kartoffelkarte, auf die Abschnitte 13 bis 16 der Blutspender- und auf die Abschnitte n und q der Diabetiker-Ausgleichskarte für April.

Lebensmittel im April

In den Westsektoren werden im Monat April auf die Fleischmarken der ersten Dekade fünfzig Prozent Fleisch oder Wurstkonserven und fünfzig Prozent Eipulver ausgegeben. In der zweiten Dekade gibt es auf die Marken der dritten Dekade (vgl. Tagesspiegel Nr. 1049) gefrorenes Rind- und Schweinefleisch. Auf die Marken der zweiten (Fisch-) Dekade wird es im Laufe des Monats fünfzig Prozent Fisch und in der dritten Dekade fünfzig Prozent Eipulver geben. Käse soll im Anfang der zweiten Dekade verteilt werden. Auf die Kaffee-Ersatz-Abschnitte gibt es bereits in der ersten Dekade für die Kartengruppen I bis III je 75 Gramm Bohnenkaffee, für die Kartengruppe IV A 150 Gramm Kakao und für die Kartengruppen IV B und IV C je 75 Gramm Kakao und 20 Gramm schwarzen Tee. Auf die Abschnitte der Kartoffelkarten gibt es für die erste Dekade Trockenkartoffeln im Verhältnis 1 : 5. Zwanzig Prozent Butter und achtzig Prozent Schmalz oder Margarine gibt es in der ersten und in der dritten Dekade, vierzig Prozent Butter und sechzig Prozent Schmalz in der zweiten Dekade. Die Kartengruppe IV A und Kranke mit besonderem Attest erhalten in allen Dekaden Butter. Zucker und Nährmittelmarken werden wie bisher beliefert. An Stelle von Zucker kann man also auch Bienenhonig, Kunsthonig, Marmelade oder Süßwaren kaufen. Gegen Abgabe von 200 Gramm Nährmittelmarken und des Sonderabschnittes S der April-Fleischkarte gibt es in der ersten Dekade auch Rosinen, getrocknete Pfirsiche und Aprikosen. Dabei müssen 75 bis 100 Gramm Rosinen abgenommen werden.

Marmelade aus Trockenfrüchten

Der Ernährungsausschuß des Berliner Stadtparlamentes beschloß am Mittwoch, Trockenfrüchte in den Westzonen einzukaufen. Damit aus den Früchten Marmelade in Berlin hergestellt werden kann, soll eine entsprechende Menge Kochkohle eingeflogen werden. (DENA)

Währungsfragen bei der Eisenbahn

Die Frage, ob die Westberliner Eisenbahner von der russisch kontrollierten Eisenbahndirektion Berlin Lohn oder Gehalt in Westmark bekommen werden, ist bisher nicht geklärt, da die Eisenbahndirektion auf die Entschließungen der General-Mitgliederversammlung der Gewerkschaft der Eisenbahner (UGO) noch nicht geantwortet hat. Von westalliierter Seite wurde dazu erklärt, daß es sich hierbei um eine deutsche Angelegenheit handele, auf die die Alliierten keinen Einfluß ausüben könnten. Wie am Mittwoch aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, erwägt der Magistrat, den Westberliner Eisenbahnern einen bestimmten Betrag in Westmark als Vorschuß zu zahlen, der später jedoch zurückerstattet werden müsse, da die Eisenbahndirektion verpflichtet sei, die Gehälter und Löhne an ihre Westberliner Angestellten in Westmark zu zahlen. Man nimmt an, daß sich die Eisenbahndirektion doch dazu entschließen werde, Westgeld einzunehmen, da sie dieses Geld nicht nur für die Gehaltszahlungen, sondern auch für anderweitige Verpflichtungen in den Westsektoren benötigt.

RBD fordert Mieten in Westgeld

Den Mietern in den der russisch kontrollierten Eisenbahndirektion gehörenden Häusern in der Siegfriedstraße in Neukölln wurde laut DPD mitgeteilt, daß sie, soweit sie nicht bei der Eisenbahn tätig sind, die nächste Miete zur Hälfte in Westgeld zahlen müssen.

VAB-Leistungen über die Lohnausgleichskasse

Nach einer vom Magistrat beschlossenen Ergänzung der Verordnung über die Währungsumstellung sollen Arbeitsausfallunterstützung, Krankengeld und ähnliche Leistungen der VAB, die als Ersatz für Lohn und Gehalt gezahlt werden, ebenso behandelt werden wie Arbeitseinkommen. Sie werden über die Lohnausgleichskasse geregelt. Sozialrenten, Renten der VAB und Ruhegeld werden in der Währung des Wohnsitzes gezahlt.

Beitragszahlungen an die VAB

Alle Beitragsrückstände sind, wie die VAB bekannt gibt, voll in Westmark zu zahlen. Rückstände aus der Zeit vor der ersten Währungsreform im Juni 1948 werden als alte "Reichs"-markschulden im Verhältnis 10 : 1 abgewertet. Sie müssen in Westmark beglichen werden. Im Ostsektor erworbene Beitragsmarken werden, wie die VAB weiter mitteilt, nicht angenommen. Beitragsschuldner, die derartige Marken verwenden, müssen die Beiträge noch einmal voll in Westmark bezahlen. (DENA)

Rückmelder müssen warten

Der Magistrat wird der Alliierten Kommandantur vorschlagen, daß die Rückmeldung der Westberliner, die ihre Lebensmittel bisher im Ostsektor bezogen haben, erst im Mai gestattet werden soll. Man könne sonst nicht verhindern, daß Lebensmittelmarken doppelt ausgegeben werden. hps.

Westgeld nur für "Linientreue"

Die Angestellten von Radio Berlin sollen umziehen. In einer Betriebsversammlung von Radio Berlin wurde am Mittwoch mitgeteilt, daß die Löhne und Gehälter nur in Ostwährung gezahlt werden. Den etwa 1200 Angestellten, die in den Westsektoren wohnen, wurde empfohlen, sie sollten in den Ostsektor ziehen oder kündigen. Wie verlautet, will die SMA für einige prominente und linientreue Angestellte des Sowjetsenders Westmarkbeträge zur Verfügung stellen. Die anderen werden nun versuchen, einen Westgeldanteil von der Ausgleichskasse des Magistrats zu bekommen. Sie werden sich darauf berufen, das ihr "Arbeitgeber" seinen Sitz in Ostberlin, nämlich in Karlshorst, hat. Das wurde bisher dadurch dokumentiert, daß der Sowjetsender dem Westberliner Finanzamt eine halbe Million Mark Steuern vorenthalten hat. Daran sollte der Magistrat denken, wenn er - wie wir hoffen - die 1200 Leute von Radio Berlin darauf aufmerksam macht, daß sie im britischen Sektor arbeiten, und daß deshalb die in der Währungsverordnung vorgesehene Umtauschmöglichkeit für sie nicht in Frage kommt. Sie können sich nur an ihren Arbeitgeber wenden. egl.

Kohlenschiebungen im Gaswerk Lichtenberg

Wegen umfangreicher Kohlenschiebungen im Gaswerk Lichtenberg, die den Wert von 100 000 Mark übersteigen, wurden am Mittwoch der leitende Ingenieur Wilhelm Gronwald und sein Helfer Otto Müller verhaftet. (DPD)

Quellenangaben

Quelle: Der Tagesspiegel
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Währung, Währungsreform, Lohn, Gehalt, Umtausch, Statistik, Güter, Alltag, Versorgung, Lebensmittel, Lebensmittelkarte, Kohle, Energie, Brennstoff, Straftat, Wirtschaftskriminalität, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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