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Artikel

02.04.1949 | Die Neue Zeitung

Ein Vergleich 1948 - 1949

Grundlegende Wandlung der Wirtschaftslage

Frankfurt (NZ). - "Verteilungssystem für Verbrauchsgüter wird verbessert", "Kohlenförderung bleibt unbefriedigend", "Richtlinien für Auflösung überhöhter Warenbestände", "Rationserhöhung auf 1800 Kalorien erhofft" - eine Unzahl solcher Zeitungsüberschriften trat dem deutschen Leser noch vor einem Jahr vor die Augen. Im Frühjahr 1949 hat er diese Zustände bereits vergessen.

Westdeutschland hat nun endlich den wirtschaftlichen Tiefpunkt der Nachkriegszeit überwunden, aber über die eigentlichen Ursachen, die die Wiederbelebung des Wirtschaftslebens anregten, ist man sich noch nicht im klaren. Die Währungsreform, die Aufhebung eines großen Teils der Bewirtschaftung und die Freigabe der Preise werden zwar immer wieder als wichtigste Voraussetzung für die Aufwärtsentwicklung genannt. Daß aber der Erfolg der Währungsreform von dem einige Monate vorher angelaufenen ERP abhing und die Aufhebung der Bewirtschaftung erst durch die Rohstofflieferungen im Rahmen dieses Programms ermöglicht wurde, wird oft übersehen.

Wohin die Währungsumstellung und die Preisfrage ohne das ERP geführt hätten, wird aus einer Betrachtung der Marktentwicklung im ersten halben Jahr nach der Reform erkenntlich. In dieser Zeit, als die erwarteten ERP-Lieferungen zunächst noch zögernd und in geringem Umfange eintrafen, waren enorme Preiserhöhung und nach einigen Wochen schon wieder neue Warenhortungstendenzen festzustellen. Erst als Ende 1948 und Anfang 1949 umfangreiche ERP-Importe eintrafen und damit die Rohstoffversorgung auf längere Zeit gesichert erschien, gingen die Preise zurück, und das Warenangebot wurde umfangreicher. Nunmehr herrscht großes Angebot an den meisten Verbrauchsgütern, und schon mehren sich die Meldungen, die von Absatzschwierigkeiten für Schuhe, Anzüge, Damenkleidung, Haushaltsgeräte und so weiter minderer Qualität sprechen. Während die Käufer vor Jahresfrist noch vor den Bezugscheinämtern Schlange standen, um zunächst einmal die Berechtigung zum Einkauf dringend benötigter Mangelwaren zu erhalten, sind sie heute schon wieder wählerisch geworden und wissen den Wert ihres Geldes zu schätzen.

Lebhafter Aufschwung

Eine Betrachtung des Verbrauchsgütermarktes allein spiegelt jedoch kein genaues Bild der Wirtschaft wieder. Von Grundlegender Bedeutung bleibt immer die Grundstoffindustrie. Gerade aber auf diesem Gebiet wurden im vergangenen Jahr wichtige Fortschritte erzielt, durch die erst wieder eine Belebung der Investitions- und Produktionsgüterindustrie möglich wurde. Während im April 1948, beim Start des ERP, die monatliche Kohlenförderung nur 6,42 Millionen Tonnen betrug und die tägliche Förderung bei etwa 267 000 Tonnen lag, bewegen sich die jetzigen Leistungen um 7,87 Millionen und 327 900 Tonnen. Auch die Produktion von Eisen und Stahl weist solche Steigerungen auf, bei Roheisen von 297 000 auf 525 400 Tonnen und bei Gußstahl von 343 000 auf 662 300 Tonnen.

Ebenso änderte sich das Bild des westdeutschen Außenhandels grundlegend. Während im März 1948 einer Ausfuhr im Werte von 26,3 Millionen Dollar ein Einfuhrwert von 125,9 Millionen Dollar gegenüberstand, also nur ein Fünftel des deutschen Imports durch eigenen Export bezahlt wurde, ergab der Außenhandel im Frühjahr 1949 91,4 Millionen Dollar für die Ausfuhr und 128,9 Millionen Dollar für die Einfuhr. Das Verhältnis hat sich demnach trotz der zusätzlichen ERP-Lieferungen soweit verbessert, daß die Bizone nun schon über drei Viertel ihrer Einfuhr aus eigenen Ausfuhrerlösen bezahlen kann.

Ernährungswandel

Die wichtigste und angenehmste Verbesserung für den Normalverbraucher ist aber ohne Zweifel die Erhöhung der Lebensmittelrationen. Abgesehen von der Freigabe zahlreicher Lebensmittel, wie Kartoffeln, Eier, Geflügel, Gemüse und Obst, durch die allein schon eine fühlbare Verbesserung der Ernährung erreicht wurde, wurden die Zuteilungen an weiter bewirtschafteten Lebensmitteln teilweise erheblich erhöht. Einer Kalorienzahl von rund 1250 im Frühjahr 1948 stehen heute 1860 Kalorien gegenüber. Schon die Tatsache, daß sich heute kaum jemand mehr für die Kalorienzahl interessiert, dürfte als bester Beweis für die wirksame Hebung der Ernährungslage gelten. Zudem wird aus einem ziffernmäßigen Kalorienvergleich das tatsächliche Ausmaß der Besserung gar nicht einmal voll erkennbar, da sich - abgesehen von den frei erhältlichen Lebensmitteln - auch die Zusammensetzung der Rationen grundlegend geändert hat. 1948 betrug der Fettanteil an der Normalverbraucherration rund 200 Gramm. Gegenwärtig werden 750 Gramm Fett ausgegeben und in absehbarer Zeit noch weitere Zulagen erwartet.

Dieser hier nur flüchtig skizzierte Wandel in der wirtschaftlichen Struktur Westdeutschlands innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Zeit konnte nicht aus eigener Kraft geschaffen werden. Erst die Hilfe von außen hat die in der deutschen Volkswirtschaft ruhenden Energien freigemacht und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet. Die Leistung des deutschen Arbeiters wird bestimmt nicht durch die Feststellung geschmälert, daß seine höheren Leistungen durch die besseren Lebensmittelzuteilungen, durch größere Rohstoffeinfuhr und zusätzliche Finanzhilfe ermöglicht wurden. Diese Unterstützung aber hat das ERP dem westdeutschen Wirtschaftsgebiet zuteil werden lassen.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Währung, Währungsreform, ERP, Wirtschaft, Industrie, Rohstoff, Güter, Lebensmittel, Alltag, Versorgung, Einzelhandel, Statistik, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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