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Artikel

21.04.1949 | Die Neue Zeitung

Sowjetpolitiker in geheimer Mission

Westmächte zur Meldung über Blockade-Aufhebung - Kein Kommentar

München (NZ). - Die am 18. April in London dementierten Pressemeldungen über die Entsendung eines russischen Generals nach Washington (siehe "Neue Zeitung" vom 19. April, Nr. 46) wurden trotzdem von UP aus Berlin wiederholt. Ein deutscher Politiker der Sowjetzone habe erklärt, mit General Leonid Georgiew-Malinin gesprochen zu haben. Dieser habe ihm gesagt, er gehe in einer Sonderkommission zur Sowjetbotschaft nach Washington. Über den Charakter eines Auftrages habe er keine näheren Mitteilungen gemacht. General Malinin soll Anfang April in Berlin eingetroffen sein und sich wenige Tage vor Ostern auf den Weg nach Washington begeben haben. Später wurde dazu mitgeteilt, eine Nachfrage bei den amerikanischen und britischen Luftverkehrsgesellschaften, die als einzige einen direkten Verkehr nach Amerika von Berlin aus unterhalten, habe ergeben, daß seit etwa vier Wochen kein einziger sowjetischer Staatsangehöriger Berlin mit einem Verkehrsflugzeug verlassen habe. Südena will außerdem aus Kreisen der deutschen Wirtschaftskommission der Ostzone erfahren haben, daß der Besuch des ehemaligen sowjetischen Botschafters in Deutschland, Dekanosow, bei der SMA in Berlin möglicherweise Vorbesprechungen für den Abschluß eines Friedensvertrages mit einer zukünftigen ostdeutschen Regierung gedient habe.

Sorgenkind des Ostblocks

Der Washingtoner Korrespondent von AP will in Erfahrung gebracht haben, daß amerikanische Regierungsvertreter durchaus mit der Aufhebung der Blockade rechneten, die nach ihrer Überzeugung dem Ostblock mehr Sorgen als den Westmächten bereitet. Auch von anderer Seite in Washington sei die Möglichkeit eines kurz oder lang zu erwartenden sowjetischen Vorschlages zur Beendigung der Blockade als wahrscheinlich erklärt worden. Von britischer sowohl wie von amerikanischer Seite verlautete außerdem, daß die Sowjetunion durch Jakob Malik, einen ihrer Vertreter bei den Vereinten Nationen, in der Blockade-Frage vorgefühlt habe. General Lucius D. Clay erklärte erneut, er wisse nichts von einem sowjetischen Angebot über eine etwaige Aufhebung der Berliner Blockade. Auch die Frage, ob er etwas von einem direkten oder indirekten sowjetischen Anerbieten erfahren habe, verneinte er. Angebote zur Lockerung der Gegenblockade, die nach deutschen Berichten von der deutschen Wirtschaftskommission der Sowjetzone bei der SMA in Vorschlag gebracht worden sein sollen, könnten ebenso wie Angebote zur Aufhebung der sowjetischen Blockade nicht von den westlichen Militärgouverneuren, sondern nur von den Regierungen beantwortet werden.

Manöver gegen Weststaat

Das State Department bewahrte weiterhin strenge Zurückhaltung im Hinblick auf alle Gerüchte über eine beabsichtigte Aufhebung der Berliner Blockade. Der Sprecher des State Department erklärte, die USA hätten keine Kommentare zu diesen Meldungen abzugeben. Ebenso lehnte ein Sprecher des Foreign Office in London jeden Kommentar zu diesen Gerüchten ab. Auch zuständige Kreise der französischen Regierung erklärten sich außerstande, zu ihnen Stellung zu nehmen.

In der englischen und amerikanischen Presse wird ebenso wie in der deutschen einmütig festgestellt, daß allen diesen Versuchen mit äußerster Vorsicht begegnet werden müsse. In einem BBC-Kommentar wurde betont, wie groß die Verantwortung der deutschen Politiker sei, die nun nicht mehr mit der Bildung eines deutschen Staatsgebildes in den Westzonen zögern dürften. Das Blatt der Labour Party, "Daily Herald", schreibt: "Die Lehren der Vergangenheit mahnen aber leider zur Vorsicht. Die Sowjets haben sich sehr bemüht, die Bildung einer demokratischen Regierung in Westdeutschland zu verhindern oder mindestens zu verzögern. Sie haben verschiedene Methoden versucht, von denen bisher jedoch alle gescheitert sind. Möglicherweise ist der Vorschlag der Blockadeaufhebung lediglich ein weiterer Versuch in diese Richtung. Hoffentlich ist es aber nicht an dem, denn ein solches Geschäft käme nicht in Frage. Ein allzu voreiliger Optimismus wäre töricht, aber wenn die Sowjets keine unmöglichen Bedingungen stellen und wirklich nach Aufhebung der Blockade die Zusammenarbeit mit den Westmächten vernünftig wiederaufnehmen wollen, dann steht ihnen die Tür weit, weit offen ..."

Berliner Leben "normal"

Das Leben in Berlin selbst nimmt, unbeeinflußt von allen Gerüchten um eine Aufhebung der Blockade, seinen "normalen" Verlauf. Das Zentralorgan der SED "Neues Deutschland" wiederholte die Behauptung, eine Blockade Berlins bestehe überhaupt nicht, vielmehr seien die Westmächte für die Einstellung des Interzonenhandels verantwortlich, weil sie Deutschland gespalten hätten. Die Säuberungsaktionen innerhalb der SED gehen weiter. Sie treffen diesmal die Chefredakteure des "Neuen Deutschland", Lex Ende und Max Nierich, und den Verbindungsmann der Zeitung zur sowjetischen Militärverwaltung, Sepp Schwab. Ihre Ablösung soll nach Mitteilung aus maßgeblichen SED-Kreisen demnächst zu erwarten sein. Vor einiger Zeit war ihnen "ideologische Verwirrung" und "mangelnde Klassenwachsamkeit" vorgeworfen worden.

Die kommunistische Polizei des Ostsektors ging dazu über, weitere Straßensperren an den Sektorenübergängen zu errichten, um die Abschnürung der Westsektoren zu vervollständigen. Der FDGB arbeitet nach einer Mitteilung in seinem Blatt "Tribüne" neue Bestimmungen aus, durch die verhindert werden soll, daß Gefolgschaftsmitglieder von Firmen in West-Berlin Sammelbestellungen bei den sogenannten "Freien Läden" des Ostsektors aufgeben können. Die Meldungen über eine beabsichtigte Wiederaufnahme des Interzonenverkehrs von Berlin nach Köln und München wurden von der Generaldirektion der Eisenbahn in der sowjetischen Besatzungszone nicht bestätigt. 28 moderne überholte D-Zug-Wagen sollen jedoch für eine eventuelle Wiederaufnahme des Verkehrs zur Verfügung stehen.

Vertreter der amerikanischen Luftwaffe wiesen alle Gerüchte über eine Aufhebung der Blockade zurück und erklärten, vor der Garantie für einen wirklich ungehinderten Landtransport werde die Luftbrücke niemals eingestellt werden. Sie würde sich sogar noch nach diesem Zeitpunkt lohnen. Beachtung fand, daß die amerikanische und britische Militärregierung die Registrierung der Bestände an Kugel- und Rollenlagern in Westdeutschland angeordnet haben. Hierdurch soll verhindert werden, daß diese unter Durchbrechung der Gegenblockade in die sowjetische Zone eingeschmuggelt werden.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Gegenblockade, Blockadeaufhebung, Interzonenhandel, SED, Presse, Neues Deutschland, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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