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Artikel

30.04.1949 | Die Neue Zeitung

Blockade und Gegenblockade

Westen im Zeichen des ERP - Schwere Wirtschaftskrise im Osten

München (NZ). - Als im Juni 1948 die sowjetische Militärverwaltung den Schienen- und Wasserweg nach Berlin blockierte und an den Grenzübertrittsstellen verschärfte Kontrollen einsetzte, glaubte sie, in der Deutschland-Politik das Gesetz des Handelns an sich gerissen zu haben. Die Blockade schien der sowjetischen Besatzungsmacht ein wirkungsvolles psychologisches und politisches Druckmittel zu sein. Sie rechnete nicht damit, daß die Militärgouverneure der Westzonen in der Lage wären, diesen Schlag zu parieren. Die Blockade Berlins wurde mit den glanzvollen und wachsenden Leistungen der Luftbrücke durchbrochen. Aber damit nicht genug. Nachdem alle Vergleichsversuche, selbst vor dem Forum der UN, gescheitert waren, sahen sich die westdeutschen Besatzungsmächte genötigt, mit einer umfassenderen Gegenblockade zu antworten. Die Zonengrenze nach dem Osten wurde geschlossen. Seit diesem Ereignis ist ein halbes Jahr verstrichen.

Über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Gegenblockade ist nicht viel gesprochen und geschrieben worden. Aber daß sie einen tiefgreifenden Einfluß auf die gegenseitigen wirtschaftlichen Beziehungen haben mußten, war jedermann klar. Während im Westen das Europäische Wiederaufbau-Programm erfolgreich anlief und zu einer kräftigen Erholung der Wirtschaft führte, wurde in der sowjetischen Besatzungszone der Zwei-Jahres-Plan mit lauter Propaganda verkündet, ohne bisher für die Versorgung der Bevölkerung nennenswerte Besserungen zu bringen. Im Gegenteil, wenn man heute mit offenen Augen durch die Ostzone fährt und mit Vertretern der Wirtschaft und der Behörden spricht, so wird man von der elementaren Not, in der sich die ostdeutsche Wirtschaft befindet in Kenntnis gesetzt. Überall hört man den Wunsch nach Wiederingangbringung des interzonalen Warenaustausches zwischen den beiden wirtschaftlich so eng aufeinander angewiesenen Gebietsstellen Deutschlands. Es ist kein Geheimnis mehr, daß dort ein Zusammenbruch des gesamten Wirtschaftslebens droht. Ob es der dringende Bedarf nach Stahl und Eisen ist, nach Maschinen und Ersatzteilen, nach chemischen und pharmazeutischen Erzeugnissen, nach Zucht- und Nutzvieh, Saatgut, Fischen, Handelsgewächsen, überall ist ein Vakuum. Hier fehlt eine Hochdruckpumpe, um ein Bergwerk in Betrieb zu halten, dort fehlt es an Milchkannen, um die Anlieferung der Milch für eine Großstadt sicherzustellen. Reifen für Kraftfahrzeuge und Ackerschlepper sind ein Engpaß geworden. Eines der ernstesten Probleme sind der Fahrzeugmangel und das schwer daniederliegende Eisenbahnwesen. Aber auch die Bemühungen von Vieh- und Pflanzenzüchtern laufen Gefahr, aus Nachschubmangel auf Jahre und Jahrzehnte geschädigt zu werden. Das sind nur einige Beispiele.

Bei den wirtschaftlichen Folgen, die die Gegenblockade ausgelöst hat, muß natürlich auch ein Blick auf die Westzonen gerichtet werden. In gewissem Umfange ist ja die westdeutsche Wirtschaft auf Lieferungen aus der Ostzone angewiesen. Durch jahrzehntelange Geschäftsverbindungen bestehen zwischen der westdeutschen und ostdeutschen Industrie enge wirtschaftliche Verflechtungen. Es liegen Millionenaufträge des Ostens vor, aber viele Ostfirmen haben bereits ihre Aufträge annullieren müssen. In der westdeutschen Wirtschaft macht sich also auch die Gegenblockade empfindlich bemerkbar, doch werden die Nachteile durch das ERP weitgehend aufgehoben.

Auch das gesamte Filial- und Vertretersystem in beiden Zonen ist erheblich gestört, da durch die gespaltene Währung und den unterbundenen Warenaustausch die Bezahlung von Provision und Spesen unmöglich geworden ist. Während bis vor kurzem den Firmen, die in beiden Zonen Filialbetriebe unterhielten, noch eine Möglichkeit gegeben war, durch Verkauf der Erzeugnisse, die im Lastwagenverkehr befördert werden konnten und auf Rechnung der Filiale verkauft wurden, ihre Vertretungen zu unterhalten, ist durch die Ausdehnung der schon länger bestehenden Bahn- und Kahnsperre auf die Straße auch dieser Absatz lahmgelegt.

Eine "Fehlspekulation"

Die katastrophalen Folgen der Blockade auf die Wirtschaft der Ostzone werden von Funktionären der SED offen zugegeben. Nach einem Bericht der britisch lizensierten Berliner Zeitung "Sozialdemokrat" vom Mittwoch erklärte der Präsident der deutschen Wirtschaftskommission Heinrich Rau auf einer Funktionärsbesprechung der SED in Potsdam, das Wirtschaftsleben der Ostzone sei in eine Stagnation geraten, die auf die Abschnürung von Westdeutschland zurückzuführen sei. Dieser Zustand könne nur durch Wiedereröffnung des Verkehrs und des Güteraustausches mit den Westzonen behoben werden. Rau gab zu, daß es eine Fehlspekulation gewesen sei, wenn man geglaubt habe, der Wiederaufbau der Ostzone lasse sich ohne Unterstützung durch die Westzonen durchführen. Die "großzügige" Hilfe der Sowjetunion habe sich als unzureichend erwiesen. Rau habe, nach dem Bericht des gleichen Blattes, mitgeteilt, die Blockade dürfte aufgehoben werden. Er meinte jedoch, daß die SED mit der Aufhebung der Blockade versuchen müsse, auf den Westen größeren Einfluß zu gewinnen. Der Bevölkerung aller Zonen müsse klargemacht werden, daß es die SED sei, die den Kampf um die deutsche Einheit führe. Die Blockade gegen den Import der von der kapitalistisch-imperialistischen Welt vertretenen Weltanschauung bleibe nach wie vor bestehen.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Partei, Deutsche Einheit, Teilung, Sektor, Blockade, Gegenblockade, Wirtschaft, ERP, Güter, Warenaustausch, Industrie, Eisenbahn, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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