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Artikel

03.05.1949 | Die Neue Zeitung

Berliner bleiben mißtrauisch

Befriedung über Ausbau der Luftbrücke

Berlin (NZ). - Während ein großer Teil der Weltöffentlichkeit in diesen Tagen wieder erwartungsvoll nach Berlin blickt und sich von der Aufhebung der Blockade große Versprechungen für die zukünftige politische Entwicklung zwischen Ost und West macht, vereinzelt sogar grundsätzliche Änderungen in der sowjetischen Politik vermutet - zeigt der Berliner eine ungemein nüchterne, selbstsichere und nicht zuletzt skeptische Haltung. Zu dieser Einstellung berechtigen ihn seine unmittelbaren Erfahrungen. Die Ereignisse um die Stadt Berlin wurden in der großen Politik oft nur als ein taktisches Manöver der Sowjets betrachtet, das sich lediglich dadurch auszeichnete, daß es von einem Staatssystem vollzogen wurde, das die Grundsätze des Rechtes und der Moral mit Füßen zu treten pflegt. Die Berliner aber waren Objekt eines Anschlages, dessen Ziel die Vernichtung ihres Lebens und die Zerstörung ihrer Gesundheit war. Man ist von einer illusionslosen Härte in der Betrachtung der eigenen Situation geworden, nachdem man erlebt hat, daß die Sowjets Säuglingen die Nahrung verweigerten, durch Sperrung der Entwässerungsanlagen Seuchengefahr auf die Stadt herabbeschwörten und diejenigen, die am mutigsten für das Weiterleben der Freiheit eintraten, aus ihren Wohnungen holten.

Der Berliner hat wenig Verständnis für Äußerungen, wie sie ein Mitglied des Parlamentarischen Rates in Bonn, Paul Löbe, vor wenigen Tagen abgab, der in der sowjetischen Annäherung "nicht nur ein Manöver, sondern einen ernsthaften Versuch zu einer grundsätzlichen Verständigung" erblicken wollte. In Berlin hat der Mann auf der Straße erkannt, daß es eine Frage des Seins oder Nichtseins ist, ob man die rückhaltlose Auseinandersetzung mit der bolschewistischen Diktatur aufnimmt oder nicht.

"Wenn es nicht auf einen Kuhhandel herauskommt, dann sollte es uns freuen, wenn die Blockade endlich aufgehoben wird", das sind die Worte des einfachen Mannes. Mit großer Erleichterung hat man gehört, daß die Westmächte sich durch die Verhandlungen mit den Sowjets nicht dazu verleiten ließen, die Schaffung eines demokratischen, vorläufig nur westdeutschen Bundesstaates, hinauszuzögern, zu unterbrechen oder gar aufzuheben. Mit Genugtuung vernahm man aber auch die offiziellen Erklärungen, wonach die Luftbrücke auch nach dem eventuellen Ende der Blockade weiter intakt gehalten werden soll. Der Luftbrückenrekord des Monats April mit 235 363,7 amerikanischen Tonnen gegenüber 196 160,7 im Monat März erscheint im voraus als eine gute Antwort der Westalliierten für den Fall, daß die Sowjets die gegenwärtigen Verhandlungen wieder einmal zu propagandistischen Spekulationen mißbrauchen sollten.

Die Vorgänge auf dem Stadtgut des Berliner Magistrats, Karolinenhöhe, in deren Verlauf Ostzonen-Polizisten in höherem Auftrag das vorhandene Großvieh stahlen und Sowjetsoldaten britische Militärpolizisten entführten, haben den Berlinern nur zu gut wieder klargemacht, wie berechtigt ihre Skepsis ist. Als sich am 30. April die britischen Militärpolizisten und die deutsche Polizei von Karolinenhöhe zurückzogen, machte sich unter den Arbeitern und Angestellten des Gutes eine starke Unruhe bemerkbar. Zurückhaltend und skeptisch wie die Bevölkerung, urteilt die West-Berliner Presse. Immerhin meint der US-lizenzierte "Abend", die von den Sowjets inszenierten Zwischenfälle auf den West-Berliner Wasserstraßen könnten der SMA vielleicht dazu dienen, ohne Prestigeverlust einen Vorwand zu finden, unter dem man auch in Berlin die Westalliierten zu einem Gespräch über die "Transportschwierigkeiten" veranlassen könne.

Die innere Verbundenheit der Berliner mit dem Schicksal der Menschen der Sowjetzone kommt in den Kommentaren des britisch lizenzierten "Sozialdemokrat" zum Ausdruck: "Genügt die Aufhebung der Blockade? Haben in der Zwischenzeit die entscheidenden Fragen eine Verlagerung erfahren? Geht es nicht heute in erster Linie darum, daß in der sowjetischen Besatzungszone wieder die völlige Demokratie zur Geltung kommt und der Allgewalt der Polizei ein Ende gesetzt wird?" "Die "Westmächte", so schreibt der "Sozialdemokrat" an anderer Stelle, "müssen den Sowjets ganz kategorisch klarmachen, daß sie für ihre Zone nur Hilfe erwarten können, wenn sie dort die Demokratie wieder zur Geltung kommen lassen." Die anläßlich des 1. Mai im Sowjetsektor Berlins veranstaltete Enteignung von je 100 Kreditinstituten und Versicherungsgesellschaften sowie etwa 90 Grundstücksfirmen ist - nachdem gerade wenige Tage zuvor Heinrich Rau, der Vorsitzende der Deutschen Wirtschaftskommission, verkündet hatte, daß selbstverständlich neben den staatlichen Gesellschaften in der Sowjetzone auch die Privatunternehmungen ihren Platz haben würden - gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht geeignet, ein günstiges Licht auf eine Annäherung zwischen Ost und West zu werfen. Man kann nicht weltpolitisch wichtige Gespräche beginnen, die von den Partnern durchaus ernst genommen werden, und zur gleichen Zeit versuchen, auf der lokalen Ebene - die darum nicht weniger wichtig zu nehmen ist - die kommunistischen Absichten gleichsam unter der Tarnung der deutschen Politik zu verwirklichen.

Die Berliner Sicht findet wohl am deutlichsten ihren Ausdruck durch die Worte des Oberbürgermeisters Ernst Reuter: "Wir sind noch immer von Mißtrauen umgeben und wir mißtrauen selber."

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Blockadeaufhebung, Luftbrücke, Presse, Enteignung, Versorgung, Alltag, Ostzone, Westzone, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 06.02.2006
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