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Unheimliches
Knistern und Splittern
Vor
60 Jahren: Berlins schwerstes U-Bahn-Unglück
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| Berliner
Morgenpost |
26.09.1968 |
Ohne Autor
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| "Ein unheimliches
Krachen und Prasseln, ein entsetzlicher, markdurchdringender Schrei"
- so schilderte heute vor genau 60 Jahren ein Augenzeuge das furchtbarste
U-Bahn-Unglück, das jemals in unserer Stadt passierte. Bei dem Zusammenstoß
zweier Züge im Gleisdreieck kamen 17 Personen ums Leben, wurden 19
schwer verletzt. Die genaue Zahl aller Verletzten wurde nie bekannt.
Denn wer noch laufen konnte, flüchtete in panischer Angst vom Ort
des Schreckens. |
| Berlin war
stolz auf sein Gleisdreieck zwischen Mehringdamm, Bülowstraße und
Leipziger Platz. Hier liefen sechs Schienenstränge aus mehreren Himmelsrichtungen
zusammen. Sie waren jedoch so über- und nebeneinander geführt worden,
daß sich - eigentlich - niemals zwei Züge auf gleichem Niveau begegnen
konnten. Mit Ausnahme der Spitzen des Dreiecks. Damit dort nichts
passierte, saßen in einem das Triangel überragenden Häuschen zwei
Weichensteller. Einer hätte genügt, um die Hebel zu bedienen. Der
zweite sollte seinen Kollegen kontrollieren. Die Katastrophe vom 26.
September 1908 konnte auch er nicht verhindern. |
| Der eine Zug
fuhr um 13 Uhr 42 vom Leipziger Platz ab, der andere um 13 Uhr 39
vom Bahnhof Bülowstraße. Wenig später fuhr der eine dem anderen in
die Flanke. |
| "Ich hörte
ein unheimliches Knistern, Knattern, Brechen und Splittern, und ruckweise
wurde der Wagen seitwärts gestoßen. Ich faßte in meiner Todesangst
mit beiden Händen krampfhaft nach der Messingstange. Ein noch stärkerer
Ruck, wieder ein Brechen von Holzteilen, Splittern von Scheiben -
der Wagen sauste über das Geländer hinunter auf den großen Sandplatz." |
| Es war, um
genau zu sein, ein asphaltierter Platz. Aber was ging das "Bureaudiener"
Wiebach noch an, als er sein Erlebnis dem Morgenpost-Reporter erzählte.
Er hatte eine Katastrophe überlebt. Sein Wagen dritter Klasse, der
erste des Zuges aus Richtung Bülowstraße, war von dem anderen Zug
gegen die Brüstung der Hochbahnbrücke gestoßen worden. Er kippte um,
riß sich - zum Glück - von der Kupplung des nächsten Wagens los, durchbrach
die Brüstung, überschlug sich in der Luft und stürzte krachend mit
dem Dach auf den Hof einer Kühlanlage. Der zweite Wagen - mit Abteilen
zweiter Klasse - wurde ebenfalls über das Geländer geschoben. Auch
er drohte abzustürzen, doch er blieb, mit dem Rest des Zuges fest
verbunden, in der Luft hängen. |
| Allgemeines
Entsetzen |
| "Rechts
und links von mir lagen, oft bis zur Unkenntlichkeit zermalmt, die
Toten. Schwerverletzte, die Entsetzliches leiden mußten, stöhnten,
jammerten und wimmerten, und auch die leichter Verletzten waren von
dem allgemeinen Entsetzen so ergriffen, daß sie entweder wie die Irrsinnigen
rasten oder ganz verzweifelt stumm und apathisch dalagen." So
schilderte ein Berliner, der fast unverletzt aus dem Trümmerhaufen
des abgestürzten Wagens geklettert war, Stunden später dem Reporter
der Berliner Morgenpost die Katastrophe. |
| Helfer
standen hilflos da |
| Arbeiter der
Kühlanlagen waren die ersten an der Unglücksstelle: "Aus dem
Trümmerhaufen hörte man ergreifendes Jammern und Stöhnen." Helfen
konnten sie nicht. Auch die alarmierten Feuerwehrleute standen hilflos
da. Mit Spitzhacke und Hebel waren die Wagenteile nicht zu trennen.
Wertvolle Zeit verging, bis schließlich eine Winde angesetzt und das
Wagengestell angehoben wurde. |
| Was die Männer
dann bargen - tot oder lebendig - wurde in Krankenwagen gelegt oder
in die weißen Milchwagen, die an den Kühlanlagen parkten. |
| Die Unglücksnachricht
ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Tausende versperrten der Feuerwehr
die Zufahrt zur Unglücksstelle. Zehntausende bangten um Familienangehörige,
die wegen der gesperrten Strecke nicht zur gewohnten Zeit heimkehrten. |
| In den Krankenhäusern
Am Urban und in der Gitschiner Straße suchten verzweifelte Berliner
ihre Angehörigen - in den Krankensälen und im Leichenhaus. "Na,
weine doch nicht so, Muttchen, ich kann's ja nicht mehr mit anhören",
sagte ein Mann zu seiner Frau. Sie hatten ihr siebenjähriges Kind
verloren. |
| Die Berichte
des Schreckens füllten in der Berliner Morgenpost vor 60 Jahren viele
Seiten. Die Redaktion hatte alle Reporter hinausgeschickt, um Informationen
zu sammeln. Auch zum "Motor-zugführer Schreiber 1", der
das Haltesignal übersehen und seinen Zug dem anderen in die Flanke
gefahren haben sollte. Ein Kollege brachte den Mann nach Hause, "mehr
tot als lebendig. Dort fing er an, fürchterlich zu schreien: "Ich
habe keine Schuld, ich kann nichts dafür! Der schreckliche Anblick,
der schreckliche Anblick'." |
| Am Abend holte die Kripo
Schreiber 1 und seinen Mitfahrer ab. Im Verhör war sich der Zugführer
seiner Schuldlosigkeit nicht mehr so sicher. Vielleicht habe er das
Haltesignal überfahren. Schreiber 1, "älterer und erfahrener
Beamter erster Klasse", suchte eine Erklärung: Er leide seit
einiger Zeit an Schwindelanfällen. Sollte er das Signal deshalb ...?
Zeugen sagten aus: Das Signal stand auf Halt. |
| Schreiber 1 wurde zu Gefängnis
verurteilt. Einer mußte nun mal die Schuld haben am ersten und einzigen
großen Unglück unserer Hoch- und U-Bahn. Aber nicht etwa die Hochbahngesellschaft,
die die Errichtung einer bei geschlossenem Signal selbsttätig wirkenden
Zugbremse abgelehnt hatte mit der Begründung: "Der Fahrer verläßt
sich auf sie allzu sehr und läßt in seiner Aufmerksamkeit nach." |
| Verurteilt wurde der Mann,
der es vom Privat- zum Pferdebahnkutscher, vom Straßenbahnführer zum
Wagenführer der Hochbahn gebracht hatte. 13 Jahre verheiratet, 37
Jahre alt, zwei kleine Kinder, acht bis neun Stunden Dienstzeit, 135
Mark Gehalt. Ein gewissenhafter Beamter, bis er eines Tages ein Signal
übersah. |
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Das Gleisdreieck wurde umgebaut, die automatische Zugbremse ist
heute selbstverständlich.
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Schlagwörter:
Verkehr, Verkehrsmittel, U-Bahn, ÖPNV, Technik, Unglück, Unfall, Augenzeugen,
Erlebnis, Berlin, 1908, Deutschland, Verkehrswerkstatt
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