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Von
Kautschuk-Tränen zum Hochleistungsreifen
Zeitsprung:
100 Jahre Goodyear – Aus einem 13-Mann-Unternehmen wurde der größte
Reifenhersteller der Welt – Weinend spendet der Wald den Rohstoff
für das begehrte Gummi
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| VDI
nachrichten |
15.10.1999, S. 16
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Von Cordelia Becker
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| Was mit Hufeisen-Einlagen
und Pokerchips begann, rollt heute um die Welt: Reifen des US-Herstellers
Goodyear. Der verdankt seinen Erfolg einem Ofen und dem Automobil.
Zum Jubiläum öffneten die Gummi-Profis jetzt ihr Archiv. |
| Wenn Unternehmen Jubiläen
feiern, kommen manchmal nette Anekdoten zum Vorschein. So wie bei
Goodyear, dem weltweit größten Reifenhersteller, der unlängst
sein 100-jähriges Bestehen feierte. Eine der wesentlichsten Anekdoten
aus der Vielzahl der verblüffenden Geschichten: Für die
Amerikaner und ihre Konkurrenten begann alles in einer kleinen Küche. |
| Genauer gesagt
war es der Ofen von Clarissa Goodyear, die unter ihrem Mann litt.
Denn Charles liebte Gummi. Er ließ Anzüge, Spazierstöcke
und Bücher daraus fertigen. Doch die auf Naturkautschuk basierende
Masse brach bei Kälte und schmolz bei Wärme. Damals wurde
Kautschuk – das vom indischen Wort für "Tränen des
Waldes" abstammt – noch durch Zapfschnitt als Latex gewonnen.
Goodyear gab nicht auf. Als er eines Tages wieder experimentierte,
kam seine Frau früher nach Hause. Schnell versteckte Goodyear
die Masse aus Schwefel und Gummi im Ofen. Als er sie später untersuchte,
hielt er eine äußerst haltbare und trotzdem flexible Substanz
in der Hand – er hatte rein zufällig die Vulkanisation entdeckt.
Das war 1839. Erst 38 Jahre später gründeten Frank A. Seiberling
und sein Bruder Charles in Akron/Ohio eine Reifen- und Gummifabrik,
die sie dem Erfinder zu Ehren "The Goodyear Tire & Rubber
Company" nannten. Aus dem 13-Mann-Unternehmen, das anfangs auch
Pokerchips und Hufeisen-Einlagen herstellte, wurde im Lauf von 100
Jahren der größte Reifenhersteller weltweit. Der Wert der
Firma liegt heute bei über 8 Mrd. Dollar, der Umsatz bei über
13,1 Mrd. Dollar, die Produktpalette umfaßt 25 Marken und 1200
Reifentypen in 7200 verschiedenen Ausführungen. Außerdem
produziert der Konzern Chemiekalien und industrielle Gummiprodukte. |
| In Deutschland
ist Goodyear mit Werken in Fulda und Philippsburg sowie der Verwaltung
in Köln präsent, weltweit steht der geflügelte Schuh
– inspiriert von Gott Merkur – in 84 Ländern für Markenreifen.
Nicht, dass das hundertste eines Unternehmens etwas besonderes wäre.
Aber selten ist ein Name über so lange Zeit Branchen- oder gar
Marktführer. Und die Geschichte von Goodyear ist natürlich
auch ein Rückblick auf ein bewegtes Jahrhundert der Industrialisierung. |
| Innovationen
retteten vor dem sicheren Konkurs |
| Anfangs hatte das Unternehmen
viel Ärger, denn private Patente für Fahrrad- und Kutschenreifen
engten den Markt ein. 1901 fertigten die Brüder Seiberling den
ersten Autoreifen, danach rollten sie auf der Erfolgsspur – für
zwei Jahre. 1904 stand das Unternehmen vor dem Konkurs; da half nur
Innovationen. Eine Reifenfertigungs-Maschine, die Goodyear auch vertrieb,
sowie Schnellwechselreifen auf neuartigen Universalfelgen machten
das angeschlagene Unternehmen wieder flott. Daimler stattete seine
Fahrzeuge mit der Innovation aus. Und das Model T von Ford, das erste
Auto für die breite Masse, rollte vier Jahre später ebenfalls
auf Goodyear. Gleichzeitig warben die Gummi-Experten aus Ohio mit
einem Reifen, der 25 000 km lang nutzbar war – damals sensationell.
Goodyear fertigte 1909 das erste Flugzeug und engagierte sich im gerade
erst anrollenden Motorsport. |
| Schließlich
können die Pannen auf der Rennstrecke nützlich für
die Produktion sein. 1913 gewann Charlie Stutz beim damals berühmten
Indianapolis 500 Rennen mit Goodyear auf den Felgen. Nach einer langen
Pause und der "Go, Go, Goodyear-Kampagne" holte Nicki Lauda
1977 den hundertsten F1-Sieg für Goodyear in Hockenheim. Auch
die Nr. 200 ging an das Reifenunternehmen, den dreihundertsten Sieg
erjagte sich Damon Hill 1994 im Grand Prix von Spanien. Doch zurück
zu den Ingenieuren und ihren Leistungen. |
| 1917 machte
das Unternehmen mehr als 100 Mio. Dollar Umsatz, verfügte über
eigene Kautschuk- und Baumwoll-Plantagen und kaufte Kohlebergwerke.
Dann kam die Baisse. |
| Die Rezession
kostete den Konzern 50 % der Produktion und die Firmengründer
ihren Job – Umstruktierung war auch damals ein gefürchtetes Wort.
Doch bis Ende der 20er Jahre wurde Goodyear wieder flott. Der größte
weltweite Reifen- und Kautschukproduzent baute die erste Halle zur
Montage von Luftschiffen, eröffnete ein Vertriebsbüro in
Großbritannien und machte 1929 rund 18,6 Mio. Dollar Gewinn. |
| Die dreißiger
Jahre waren geprägt von Expansion. Zum ersten Mal übernahm
das Unternehmen 1935 einen heimischen Konkurrenten. Und während
in Akron die Arbeiter fünf Wochen lang streikten und die Weltwirtschaftskrise
ihren Tribut forderte, expandierte Goodyear und baute Fabriken in
Übersee. 1939 arbeiteten 18 000 der insgesamt 46 000 Mitarbeiter
außerhalb der USA. |
| Während des zweiten
Weltkrieges stellte Goodyear viele Fabriken auf Kriegsproduktion um
und gründete die Goodyear Aircraft zur Flugzeugproduktion. Die
US-Regierung beauftragte die Reifen-Profis, mit anderen Materialien
zu experimentieren. Denn der Naturkautschuk-Vorrat der USA reichte
1941 gerade mal für sechs Monate. So wurde Goodyear Miterfinder
des synthetischen Gummis, des sogenannten "Chemiegums".
Der Reifenhersteller betrieb eigene Chemiewerke und kaufte zusätzlich
ehemalige Staatsbetriebe in anderen Bundesstaaten auf. Patriotisch
gesinnt hatten Goodyear-Ingenieure sogar einen "Verteidigungsreifen"
aus 100 % wiedergewonnenem Kautschuk fabriziert, der allerdings nicht
mehr als 70 km/h aushielt. Beim 50. Jubiläum 1948 rollte der
450-millionste Reifen vom Band – und Goodyear auf die Golden Fifties
zu. |
| Der Kalte Krieg
bescherte Goodyear Aerospace neue Umsatzhöhen, während die
Mutter durch Zukauf in andere Geschäftsbereiche und Fabriken
in Luxemburg, Schweden und Großbritannien zum multinationalen
Konzern aufstieg. 1951 durchbrach Goodyear mit 845 Mio. Dollar eine
Marke, an die noch kein Unternehmen herangekommen war. Der weltweit
größte Kautschukhersteller lieferte die Bremsen für
die Mondmission der Apollo 11 und behielt Bodenhaftung beim Kauf der
Gummiwerke Fulda 1962. Beim Gewinn lagen die Akroner im Ziel: Als
erster Reifenproduzent fuhr Goodyear 1974 einen Umsatz von 5 Mrd.
Dollar ein. |
| Aber im Markt
lief dem Konzern einiges aus dem Ruder. Die Konkurrenten hatten den
Radialreifen früher entwickelt als der Konzern. Goodyear gab
Gas und setzte sich dank eines Zwischenprodukts wieder an die Spitze
des Marktes. Das weckt Begehrlichkeiten. |
| Der Versuch
des europäischen Finanziers Sir James Goldsmith, Goodyear feindlich
zu übernehmen, kam das Unternehmen teuer zu stehen. Goodyear
kaufte Aktien im Wert von 2,02 Mrd. DM zurück – etwa die Hälfte
des ausgegebenen Aktienkapitals. Um seine Schulden zu bezahlen, trennten
sich die Lenker des Konzerns von allem, was nicht zum Kerngeschäft
Reifen gehörte. 19 % des Unternehmens – auch die Luft- und Raumfahrt
– standen nicht unter dem Zeichen des Flügel-Schuhs. Und es kam
noch schlimmer. |
| Die Rezession
1990/91 machte den Reifenhersteller platt: Mit Verlusten von 38,3 Mio.
Dollar – den ersten seit 1932. Der französische Konkurrent Michelin
wurde erstmals vor Goodyear größter Gummiproduzent weltweit.
Außer den beiden spielte im globalisierten Markt nur noch der
Japaner Bridgestone eine Rolle. |
| Ein
Reifen, der es auch platt bis zur nächsten Tankstelle schafft |
| Die Führung
riss das Steuer herum und konzentrierte sich auf Marketing und Vertrieb
statt auf Fertigung. Produkte wie Förderbänder, Luftfedern,
Transportschläuche oder Gussteile schoben das Unternehmen wieder
auf die Gewinnspur. Gleichzeitig machte der Konzern das geringe Inlandswachstum
im Ausland wett. Übernahmen, Käufe und Joint Ventures in
Osteuropa, China oder Australien sollen den Konzern vor einem Schicksal
wie dem des US-Konkurrenten Firestone bewahren. Der wurde von Bridgestone
aufgekauft. |
| In Akron, Luxemburg
und Japan baute Vorstand Samir G. Gibara teure Forschungszentren auf,
die unter anderem EMT hervorbrachten: Einen Reifen, der es auch platt
noch bis zur nächsten Tankstelle schafft. 1997 kündigte
er an, 150 neue Ingenieurstellen für die Forschung einzurichten.
Laut Vorstand Gibara, der fast 375 Mio. Dollar jährlich für
diesen Bereich ausgibt, wird Forschung in Zukunft noch wichtiger werden. |
| Bereits heute
stehen bei Goodyear statt Kautschuk synthetische Polymere, Chemikalien
und Harze auf dem Programm. Und wieder geht es um mehr als Reifen.
Man fertigt Toner für Kopiergeräte, Golf- und Tennisbälle,
Farben und Schuhe, Spielzeug und Klebebänder. In allen diesen
Disziplinen will der Konzern Marktführer oder Nummer zwei werden. |
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Schlagwörter:
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