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01.03.2001 | Lübecker Nachrichten

Unfall per Handy gemeldet – leider zu knapp

Schweres Eisenbahnunglück durch eine Kette von unglücklichen Umständen

YORKSHIRE – Ein seltenes Zusammentreffen von unglücklichen Umständen löste in der Nähe der englischen Stadt Selby, an der Strecke von London nach Newcastle, eine Katastrophe aus. Der Fahrer eines schweren Geländewagens, auf dessen Anhänger ein PKW geladen war, kam auf der Brücke über die Eisenbahnlinie ins Schleudern, durchbrach das Geländer und krachte mit seinem Gefährt auf die Gleise. Wie durch ein Wunder wurde der Fahrer nur leicht verletzt. Geistesgegenwärtig benachrichtigte er über sein Handy die britische Notrufzentrale. Ein Sprecher berichtete "er rief noch, der Zug kommt, und dann hörte ich lautes Krachen".

Mit über 200 km/h war der Intercity in das auf den Schienen liegende Wrack gefahren und schob es mehrere hundert Meter vor sich her. Dabei entgleisten alle neun Wagen. Zu allem Unglück fuhr ein entgegenkommender Güterzug in die Trümmer der teilweise umgestürzten Intercity-Waggons.

Das Ergebnis war eine Katastrophe. Helfer von Feuerwehr und Katastrophenschutz bemühten sich verzweifelt, die Opfer aus den total zerstörten Waggons zu bergen. Mindestens 13 Menschen starben bei dem Unfall, für sie gab es keine Rettung mehr. Über 70 Personen wurden verletzt, einige davon sehr schwer. Es wurde ein Notlazarett eingerichtet, weil sich die Bergung der Eingeschlossenen für Stunden hinzog. Die Klopfzeichen der Opfer wiesen den Rettern den Weg.

Augenzeugen berichteten von dramatischen Situationen, von berstenden Wänden die Reisende unter Splitterregen begruben. Ein ehemaliger Eisenbahner aus dem letzten Wagen rettete sich aus dem Notausstieg und hastete zu einem Streckentelefon, um das Stellwerk zu benachrichtigen. Dampf und Qualm drang aus den Wagen, es wurde ein Feuer befürchtet.

Der Zusammenstoß war so stark, dass sich der erste Waggon fast senkrecht stellte und der zweite sich in ihn hineinbohrte. Die Wagen des Güterzuges entgleisten und rutschten in ein Gartengelände. Dort zerstörten sie u.a. einen Campingwagen. Ein Feuerwehrmann berichtete: "Dies ist das schlimmste Unglück, das ich in meinen 14 Dienstjahren gesehen habe".

Die englische Königin Elisabeth und Premierminister Blair sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Verkehrsminister John Prescott besuchte die Unfallstelle und einige der Verletzten.

Durch das neuerliche Unglück wurde die Diskussion über die Sicherheit der britischen Eisenbahn neu angefacht. Erst vor 15 Monaten waren 31 Menschen gestorben, weil ein Lokführer ein Signal nicht gesehen hatte und aus Sparsamkeit kein technisches Sicherheitssystem installiert worden war. Einige Monate später, im Herbst, entgleiste ein IC-Zug auf total veralteten Gleisen. Dabei kamen sechs Menschen ums Leben. Kritiker geben der Privatisierung und der Trennung von Netz und Verkehr die Schuld an den Unglücken.

Quellenangaben

Quelle: Lübecker Nachrichten, 01.03.2001, Autor: U. Schilling-Strack
Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Personenverkehr, Güterverkehr, IC, Unfall, Unglück, Katastrophe, Unfallfolgen, Tote, Verletzte, Unfallursache, Zusammenstoß, PKW, Entgleisen, Brücke, Gleise, Notruf, Schienennetz, Qualitätssicherung, Technik, Sicherheit, Mensch, Beruf, Lokführer, Versagen, Sicherheitstechnik, Newcastle, London, Großbritannien, Europa, Verkehrswerkstatt.
Aktualisiert am: 02.01.2006
Erstellt von: C. Duismann 2001
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