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26.10.2001 | Berliner Zeitung

Angeklagte: Nur geringe individuelle Schuld

Gericht verhängte nur Geldbußen – Bahn hat die Hauptschuld

BERLIN – Ein wirklich Schuldiger fehlte auf der Anklagebank. Der Staatsanwalt am Kölner Landgericht vemisste ihn im Verfahren gegen Verantwortliche des Zugunglücks von Brühl. Er blieb unsichtbar, so Staatsanwalt Jürgen Krautkemer. Weil dieser nicht fassbar ist, kamen die Angeklagten mit Geldbußen, die sich nach der Höhe ihres Einkommens richten davon.

Angeklagt waren der Lokführer des Unglückszuges, der mit viel zu hohem Tempo in die Baustelle gefahren war und drei weitere Bahnmitarbeiter. Das überhöhte Tempo des Zuges hatte zur Entgleisung geführt und damit zu dem Tod von 9 Menschen. 149 wurden damals, am 6. Februar 2000, verletzt. Der Zug war mit 120 Stundenkilometer gefahren, obwohl nur 40 erlaubt waren.

Einer der Angeklagten hatte den falschen Wert in das Fahrtenbuch der Lok geschrieben, ein anderer vor der Baustelle ein flaches Schild aufstellen lassen. Der Lokführer war offensichtlich überfordert. Er war vorher zwei mal durch die Prüfung gefallen, hatte dann bei einer Hafenbahn Güterzüge gefahren und war dann ohne neuerliche Prüfung mit dem Fahren von Schnellzügen bei der Deutschen Bahn AG betraut worden. Er hatte nicht erkannt, dass das Schild ZS1 zur Geschwindigkeitsbegrenzung noch gilt und sich auf freier Strecke gewähnt und den Zug entsprechend beschleunigt. Allen Angeklagte sprach der Richter Schuld zu, die jedoch individuell gering sei. Schwerer seien die Versäumnisse der Bahn einzuschätzen. Auch der Staatsanwalt sah kein öffentliches Interesse an einer Strafverfolgung.

Der Richter, dessen Verhandlungsführung von allen Parteien gelobt wurde, hat auch hohe Beamte der Bahn in den Zeugenstand gerufen. Dadurch wurde deutlich, dass wesentliche Versäumnisse bei der Bahn lagen, die die technischen Möglichkeiten nicht nutzte und Fahrlässigkeiten Vorschub leistete. DB-Vorstandmitglieder gelobten Verbesserungen und gründliche Prüfung. So wird das Regelwerk bei Baustellen überarbeitet und die Prüfungen für Lokführer modifiziert und strenger gehandhabt. Nach Ansicht des Verteidigers ist das ein positives Signal für die Bahn, dass die Sicherheit künftig erheblich verbessert wird. Ein Bahningenieur muss nun 20 000 DM an die Heilsarmee zahlen, ein anderer 10 000 Mark an die Welthungerhilfe, der dritte 15 000 Mark an Synanon und der Lokführer schließlich 7 000 Mark an die SOS-Kinderdörfer. Die Unterschiede richten sich ausschließlich nach dem Gehalt der Angeklagten und seien kein Gradmesser für die Schuld, erklärte Gerichtssprecher Georg Schwitanski.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung, 26.10.2001, Seite: 10, Autor: Peter Brock
Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Deutsche Bahn AG, Personenverkehr, Fernverkehr, Unfall, Unglück, Unfallursache, Signal, Geschwindigkeit, Vorschriften, Versagen, Unfallfolgen, Personenschaden, Verletzte, Arbeit, Lokführer, BGS, Staatsanwaltschaft, Köln, Brühl, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Belgien, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 02.01.2006
Erstellt von: C. Duismann 2001
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